Mittwoch, 25. Mai 2011

Jugendamt - FALL RAMSEN 17-Jähriger schildert Vorfall im Kinderheim „Spatzennest“


Im Missbrauchsprozess schwierige Fragen an Zeugen
24.05.2011 - KAISERSLAUTERN

Von Reinhard Breidenbach

FALL RAMSEN 17-Jähriger schildert Vorfall im Kinderheim „Spatzennest“

Im Kindesmissbrauchs-Prozess gegen den ehemaligen Leiter des Kinderheims „Spatzennest“ im pfälzischen Ramsen gestalten sich die Zeugenvernehmungen vor dem Kaiserslauterer Landgericht zunehmend diffizil und zeitweise - gezwungenermaßen - auch hochnotpeinlich für die teils jungen Zeugen.

Die Anklage wirft dem 43-jährigen Sozialpädagogen Stefan S. vor, er habe sich zwischen 1994 und 2006 in insgesamt 22 Fällen an Schutzbefohlenen im Kindesalter vergangen. In den sechs schlimmsten Fällen lautet der Verdacht: Penetration mit dem Finger im Vaginalbereich. Schon vor drei Jahren wurde S. wegen zweier Missbrauchsfälle zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.

Die neuen Fälle haben eine weitere dramatische Dimension: Drei der mutmaßlichen Opfer wurden als Kinder im Zuge der so genannten Worms-Prozesse 1993 ihren Eltern weggenommen, weil die wegen Missbrauchs-Verdacht verhaftet und vor dem Mainzer Landgericht angeklagt wurden. Das Wormser Jugendamt vertraute die Kinder seinerzeit dem S. an und gab sie den Eltern auch dann nicht zurück, als sie 1997 freigesprochen wurden. Falls sich die Kaiserslauterer Anklagevorwürfe als wahr erweisen, hätte sich ausgerechnet der Mann, der die Kinder schützen sollte, nämlich S., an den Kindern vergangen, wohingegen die Eltern, die freigesprochen wurden, die Kinder vom Jugendamt nicht zurückbekamen. Das Amt hat stets erklärt, seinerzeit nach Recht und Gesetz gehandelt zu haben; bis zum Jahr 2007 habe es keinen ernst zu nehmenden Verdacht gegen S. gegeben.

Der Angeklagte weist die Vorwürfe als absurd zurück. Mittlerweile wurden drei der mutmaßlichen Opfer im Alter zwischen heute 15 und 22 Jahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen.

„Eine große raue Hand“

Am gestrigen vierten Verhandlungstag schilderte ein 17-jähriger Zeuge in öffentlicher Hauptverhandlung einen Vorfall, den er im „Spatzennest“ erlebt habe. Bei einer Übernachtung habe eine „große raue Hand“ seine Hand ergriffen und in den Schoß eines neben ihm liegenden Mädchens gelegt. Zudem habe eine kleine Hand - nicht freiwillig, sondern von einer dritten Person geführt - begonnen, an seinem Intimbereich zu manipulieren, so der 17-Jährige. Er habe sich daraufhin weggedreht.

Außer S., so der Zeuge, sei niemand in der Nähe gewesen, dem eine „große raue Hand“ zugeordnet werden könnte. Er habe die Ehefrau des S., die ebenfalls im „Spatzennest“ arbeitete, angesprochen und gefragt, ob dergleichen „normal“ sei; sie habe nicht reagiert. Ein anderer, 29-jähriger Zeuge erklärte, ein ebenfalls im „Spatzennest“ untergebrachtes Mädchen habe ihm erzählt, „dass sie beim Angeklagten im Bett schlafen durfte, dabei aber befummelt wurde“.

Die Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung in diesem Prozess spiegelten sich gestern überraschenderweise in einer Gereiztheit des Vorsitzenden Richters; er warf der Staatsanwältin vor, sie „attackiere“ den 17-jährigen Zeugen bei der Befragung: „Frau Staatsanwältin, Sie gehen den Zeugen grenzwertig an.“

http://www.wiesbadener-tagblatt.de/nachrichten/vermischtes/10778093.htm

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