Dienstag, 28. Juni 2011

Blind Date mit dem eigenen Vater...

Wenn Eltern sich trennen, verlieren rund 40 Prozent der Kinder den Kontakt zu einem Elternteil - wie Annelie Simon aus Thüringen

Erst als Erwachsene sah die 29-jährige Frau ihren Vater wieder


Annelie Simon war fünf Jahre alt, als ihr Zuhause zum Schauplatz eines Rosenkriegs wurde. Die Eltern der gebürtigen Thüringerin hatten nach heftigen Streitereien die Scheidung eingereicht. Wegen der Wohnungsnot mussten sie das Trennungsjahr unter einem Dach verbringen. So verliefen die Frontlinien mitten durchs Wohnzimmer. Zu Gesicht bekamen Simon und ihre ältere Schwester den Vater nicht mehr. Die Mutter verbot den Töchtern, zu ihm zu gehen. Vor Gericht waren Zeiten vereinbart worden, in denen der Vater Bad und Küche nutzen durfte. "Manchmal habe ich heimlich durchs Schlüsselloch in sein Zimmer geguckt, um ihn wenigstens zu sehen", erinnert sich Simon. Irgendwann war er ganz verschwunden. Ohne Abschied. Bald zog ein neuer Mann ein und fast ebenso schnell wieder aus.

Der Vater wurde zum Phantom in Annelies Leben. Wenn die Mutter von ihm sprach, und das tat sie oft, schimpfte sie. Er habe sie schlecht behandelt, zahle nicht genug Geld, wolle von seinen Kindern nichts mehr wissen. "Irgendwann habe ich angefangen, ihn zu hassen - und weil mir meine Mutter immer sagte, dass ich genauso schlecht bin wie er, habe ich auch mich gehasst", sagt Simon.

Was die heute 29-Jährige erlebt hat, wird in der Wissenschaft als PA-Syndrom bezeichnet. PAS steht für "Parental Alienation Syndrom", zu Deutsch: elterliche Entfremdung. Rund 300 000 Kinder erleben jährlich die Trennung ihrer Eltern. Etwa 40 Prozent davon, so die Schätzungen von Väterinitiativen, verlieren danach dauerhaft auch den Kontakt zum Elternteil, das nicht mehr mit der Familie zusammenlebt. Meist handelt es sich dabei um den Vater.

Manchmal sind es die Väter selbst, die sich von den Kindern zurückziehen, oft dann, wenn sie neue Partnerschaften eingehen. In anderen Fällen sind es die Mütter, die systematisch versuchen, die Beziehung der Kinder zum Ex-Partner zu unterbinden. Der US-Kinderpsychiater Richard A. Gardner hat dieses Phänomen 1992 erstmals ausführlich beschrieben. In den USA ist inzwischen eine Bewegung von Menschen entstanden, die sich selbst als PAS-Betroffene definieren und an deren Spitze Promis wie der Schauspieler Alec Baldwin stehen. In Deutschland hat unter anderem die Mediatorin Wera Fischer 1998 das Phänomen mit einem Aufsatz bekannt gemacht. Im Gegensatz zu normalen Trennungsprozessen verharre das betreuende Elternteil langfristig in einseitigen Schuldprojektionen, manipuliere damit das Kind und füge ihm damit psychischen Schaden zu, schreibt Fischer.

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Bei Annelie Simon war das der Fall. Aus dem Kind von damals ist inzwischen eine hübsche Frau mit zarten Gesichtszügen und wasserblauen Augen geworden. Die spindeldürren Arme zeugen von der Magersucht, mit der sie seit ihrem 17. Lebensjahr immer wieder zu kämpfen hat. Inzwischen esse sie wieder gut, sagt die junge Frau. Dennoch wirkt sie zerbrechlich und verloren. Ihr Studium der Sozialarbeit hat sie abgebrochen.

"Meiner Mutter ist bis heute nicht bewusst, was sie damals getan hat", sagt sie ganz ruhig. "Ich habe meinen Vater verloren, weil sie ihn so gehasst hat und er nicht in der Lage war, damit umzugehen." Sie zieht Fotos aus ihrer großen gelben Ledertasche, die sie wie ein Schutzschild trägt. Eines zeigt einen jungen Mann, der ein kleines Mädchen an der Hand hält - Annelie. Sie ist drei, er blickt sie liebevoll an.

Einmal hat sie ihn in den Jahren nach der Trennung noch wiedergesehen, da war sie zehn Jahre alt. Er holte sie und die Schwester zu einem Ausflug zu den Großeltern ab. Aber da war er den Mädchen schon längst ein Fremder geworden. Danach hörte Annelie nichts mehr vom Vater, bis auf Karten zum Geburtstag, die nie pünktlich kamen.

Mit 19 begann Simon in der Nachbarstadt eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. Am Wochenende kehrte sie immer nach Hause zurück, doch die Spannungen mit der Mutter wuchsen. Schließlich brach Annelie Simon den Kontakt ab. Kurz danach schrieb sie dem Vater einen Brief. Es ging um eine Unterhaltsfrage, die Adresse hatte sie von ihrem Anwalt. Am Ende fügte sie ein paar persönliche Zeilen hinzu. Sie würde sich freuen, wieder Kontakt zum Vater zu haben: "Wenn du also Lust und Interesse hast, dann schreibe mir einfach mal." Es klingt wie eine Anfrage für eine Brieffreundschaft mit einem Unbekannten. Einen Monat später kam die Antwort. Er freue sich über die Kontaktaufnahme, schrieb der Vater. Zwischen den Zeilen ist ihm die Überraschung, aber auch ein gewisses Misstrauen anzumerken. Man solle das Ganze erst einmal langsam angehen lassen. Weitere Briefe folgten, ein vorsichtiges Vortasten auf beiden Seiten. Dann bat Annelie Simon um ein Treffen.

An einem Tag im März 2007, 20 Jahre nachdem der Vater ausgezogen war, trafen sie sich in einem Café. Zwei Fremde, die sich nur von Briefen und alten Fotos kannten. Ein Blind Date zwischen Vater und Tochter. Sie fingen an zu erzählen und hörten nicht mehr auf. "Wir haben drei Stunden nur geredet, geredet", sagt Simon. Sie erfuhr von Briefen, die der Vater an seine Töchter geschrieben hatte, die nie ankamen. Sie erzählte, wie die Mutter regelmäßig die Fassung verlor, wenn sie vom Vater sprach und dann oft mit einem Schuh auf die Tochter einprügelte. Er erzählte, dass er innerlich mit ihr und ihrer Schwester abgeschlossen hatte, als er merkte, dass er gegen die Mutter nicht ankam. Als Simon nach dem Treffen nach Hause kam, hat sie geweint: "Es war, als hätte ich einen Teil von mir selbst wiedergefunden."

Der Berliner Filmemacher Douglas Wolfsperger hat einen Film über Väter gemacht, die ihre Kinder nicht oder nur unter großen Mühen sehen dürfen. "Der entsorgte Vater", der heute im Fernsehen gezeigt wird (22.45 Uhr, ARD), schildert die Geschichte von vier solchen Männern. Sie berichten von verzweifelten Kontaktversuchen, von Weihnachtsgeschenken, die ungeöffnet zurückkamen, von dem Missbrauchsvorwurf, den eine Mutter erhob und der nachweislich falsch war. Die Perspektive der Mütter spart der Film aus. Aber er lässt an einigen Stellen erahnen, dass die Väterversionen nur die halbe Wahrheit sind. Etwa wenn einer der Männer sagt, seine Frau habe doch alles gehabt - Haus, Waschmaschine und solchen Komfort.

Wolfsperger erzählt in dem Film auch seine eigene Geschichte. Seit vier Jahren hat er zu seiner älteren Tochter Hanna (Name geändert) keinen Kontakt mehr. Inzwischen ist das Mädchen 13 Jahre alt. Mehrfach hat Wolfsperger auf Umgang mit seiner Tochter geklagt, vergeblich. Er will weitermachen: "Ich kann doch meine Tochter nicht einfach aufgeben." Das letzte Lebenszeichen von Hanna war ein Brief von ihr. Sie siezte ihn darin und schrieb, er solle sie in Ruhe lassen.

Immer wieder gehen "entsorgte" Väter wie Wolfsperger mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit. Sie wollen ihre Ohnmacht publik machen. Manche inszenieren sich in provokanten Aktionen wie der Schauspieler Mathieu Carrière, der sich 2006 vor dem Justizministerium an ein Kreuz "nageln" ließ. Kritiker werfen diesen Männern vor, dass es ihnen nur um sich selbst geht. Wo das - gesetzlich festgeschriebene - Recht des Kindes auf den Umgang mit beiden Elternteilen dem Kindeswohl entgegensteht, ist für Gerichte oft eine heikle Entscheidung. Auch das PA-Syndrom selbst ist in der Wissenschaft umstritten. Manche halten es für eine Erfindung, die als Kampfargument gegen das betreuende Elternteil genutzt werde.

Der Düsseldorfer Psychologe Walter Andritzky teilt diese Auffassung nicht. Seit 13 Jahren arbeitet er als Sachverständiger für Familiengerichte. Eine Entfremdung des Kindes vom Ex-Partner finde oft dann statt, wenn das andere Elternteil selbst "große Trennungsängste" habe und das Kind zum Partnerersatz mache, sagt Andritzky. "Die Mutter - in manchen Fällen auch der Vater - bildet mit dem Kind eine Einheit, der andere Elternteil wird zum Störfaktor erklärt". Typisch für das PA-Syndrom sei, dass das Kind massiv das andere Elternteil ablehne und dabei oft wörtlich Begründungen des betreuenden Elternteils übernehme. Auch zu den Großeltern der anderen Seite werde der Kontakt abgebrochen. Andritzky warnt vor den Folgen, die eine solche Entfremdung für das Kind hat: "Viele der Betroffenen sind später psychisch labil und leiden unter Beziehungsstörungen, weil sie beim Thema Partnerschaft nur Schwarz-Weiß-Bilder im Kopf haben."

Die Thüringerin Annelie Simon sieht ihren Vater inzwischen alle zwei Monate, mal zum Ausflug, mal zum gemeinsamen Mittagessen. Ein Happy End hat ihre Geschichte dennoch nicht. Noch immer hadert sie damit, dass der Vater damals nicht um sie und ihre ältere Schwester gekämpft hat. Die Lücke, die sein Weggang in ihrem Leben gerissen hat, ist geblieben. "Ich trage bis heute eine total heftige Vatersehnsucht in mir", sagt Simon. Sie spürt, dass sie ihren realen Vater damit manchmal überfordert. Es ist eine nicht immer leichte Annäherung zwischen einer erwachsenen Frau, die den Vater ihrer Kindheit wiederhaben will, und einem Mann, der zu einer fast Fremden eine Tochterbeziehung zu entwickeln versucht. Beide wissen, dass sie die verlorenen Jahre nicht zurückbekommen werden. Aber die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13454587/Blind-Date-mit-dem-eigenen-Vater.html

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