Donnerstag, 9. Juni 2011

Die Inobhutnahme ein Trauma? Können Jugendhilfeeinrichtungen damit umgehen? Sind Sozialpädagogen ausreichend kompetent, um ein Trauma zu beurteilen?




Ein Trauma kann durch den Verlust, das plötzliche Verlassenwerden von einer wichtigen Bezugsperson, einem geliebten Menschen, ausgelöst werden.

Nicht selten ist die Folge davon das Vermeiden von Nähe innerhalb von Beziehungen, da man große Angst empfindet, auch diese Person wieder zu verlieren. Kommt es nach einem Verlust zu einem erneuten Verlust einer wichtigen Bezugsperson, wird meist das erste Verlassenheitstrauma reaktiviert und man spricht von einer Retraumatisierung.

Als in den siebziger und achtziger Jahren Kleinkinder in den Krankenhäusern nicht von ihren Eltern besucht werden durften, kam es bei vielen Kleinkindern und Säuglingen zu solchen Verlassenheitstraumata mit Sofort- und Spätfolgen: Die Kinder erkannten zum Teil ihre Eltern nicht wieder, ließen sich nicht mehr so tief auf Beziehungen ein oder klammerten verstärkt. Im Erwachsenenalter kann es zu unverhältnismäßig starken emotionalen Reaktionen kommen (Hyperarousal), wenn eine wichtige Bezugsperson weggeht.

http://de.wikipedia.org/wiki/Trauma_(Psychologie)


Die traumatischen Erlebnisse verändern das Leben der Kinder. Sie leiden an ihren schrecklichen Erinnerungen, die sie zwanghaft überfallen und immer wieder Ängste auslösen (Flashback). Sie können nicht vergessen. Für andere sind die Erlebnisse so unerträglich, dass sie das Geschehen ins Unterbewusstsein abdrängen und sich überhaupt nicht mehr erinnern können (Amnesie). Rhythmusstörungen wie im Verhältnis Erinnern-Vergessen können nach Traumatisierungen häufig auftreten und zeigen sich in Form von Schlafstörungen, Essstörungen, Bewegungsstörungen und Verdauungsstörungen. Hinzu kommen Konzentrationsstörungen begleitet von Nervosität und Übererregung. Viele Kinder sind nach traumatischen Erfahrungen traurig, depressiv und wie gelähmt. Andere sind wütig, aggressiv und geben sich hyperaktiv. Wieder andere sind gefühllos oder fühlen sich innerlich leer. Es ist nur zu gut verständlich, dass Kinder mit furchtbaren Erlebnissen alles zu vermeiden versuchen, was Erinnerungen an das traumatische Geschehen auslösen könnte (Trigger). Das können Orte, Personen, Gerüche, Gegenstände, Farben, Geräusche u.v.a. sein. Die Strategie des Vermeidungsverhaltens sowie irrationale Schuldgefühle beeinträchtigen schließlich das Alltagsleben und belasten die sozialen Beziehungen. Traumatisierungen verändern das Leben.

Notfallpädagogik kann helfen

Notfallpädagogische Interventionen können traumatisierte Kinder stabilisieren. Sie können helfen, die belastenden Erlebnisse zu verarbeiten und sie in die kindliche Biografie zu integrieren. Bereits mit einfachsten Mitteln kann effektive Akuthilfe geleistet werden: Flashbacks können durch Steuerung der Augenbewegung unterbrochen oder Panikattacken durch Atemverlangsamung gemildert werden. Auch Albträume lassen sich durch langsame, behutsame Veränderung traumatischer Träume im gemeinsamen Gespräch verändern. Zwanghaftes, traumatisches Spiel lässt sich positiv beeinflussen, indem Pädagoge und Kind gemeinsam nach kreativen Lösungsmöglichkeiten suchen.

Der Volksmund spricht davon, dass einem der Schreck in den Gliedern sitze. Traumatische Verkrampfungen können durch Massagen und Einreibungen gelöst werden. Eurythmie, Bewegungsspiele, Sport, aber auch Wanderungen oder lediglich Spaziergänge wirken der lähmenden Bewegungsunlust entgegen und helfen bei der Verarbeitung von Psychotraumata.



Rhythmuspflege und Ritualisierung sind weitere Schlüsselbegriffe pädagogischer Nothilfe. Rhythmische Übungen stabilisieren die menschlichen Vitalkräfte und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Der Wiederaufbau einer rhythmisierten Tagesstruktur hilft neue Ordnung in einer zusammengebrochenen, chaotisierten Welt zu schaffen. Ritualisierte Abläufe geben neuen Halt, Orientierung und Sicherheit.

Traumatische Erlebnisse sind meist nur dadurch bewältigbar, dass man lernt, über sie zu sprechen. Sich zu artikulieren wird hier zu einem Akt der Distanzierung. Kinder können dazu aber nicht gezwungen werden. Können sie über ihre Erlebnisse nicht sprechen, müssen andere, kreative Ausdrucksmittel gefunden werden, wie Malen, Zeichnen, Musik und Tanz. Zu den besonders traumatischen Erlebnissen gehören Ohnmachtserfahrungen, die z. B. durch Verschüttung ausgelöst sein können. Als Erfahrung bleibt zurück, sein Leben nicht mehr gestalten zu können. Hinzu kommt die Zukunftslosigkeit in Folge der Vergangenheitsfixierung durch das Trauma. Die gemeinsame Planung und Durchführung von kleineren, vielleicht karitativen Projekten gerade im Jugendalter können helfen, die Zuversicht in die eigenen Gestaltungskräfte zurück zu gewinnen und zu einer neuen Handlungskompetenz zu finden.

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.
Notfallpädagogik
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