Donnerstag, 30. Juni 2011

Die schweren Fälle landen in der Psychiatrie? Auch die Kerngesunden die von deutschen Jugendämtern und Familiengerichten krank gemacht werden!


Wie groß, wie schwer, wie sozial?

Weil sich die Krankheitsbilder von Kindern verändern, wollen Ärzte das Vorsorgeprogramm überholen. Eltern, die U1 bis U9 versäumen, bekommen Besuch vom Jugendamt.


Wer Kinder hat, kennt es: das gelbe „Kinder-Untersuchungsheft“. Dort trägt der Kinderarzt in den ersten fünf Lebensjahren die Befunde der Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9 ein. Auf diese Untersuchungen haben gesetzlich versicherte Kinder Anspruch. Und nicht nur das: Eltern sind seit August vergangenen Jahres in vielen Bundesländern auch dazu verpflichtet, ihre Kinder zu diesen Untersuchungen zu bringen. Andernfalls bekommen sie Besuch vom Jugendamt.

Der Arzt macht Erhebungen zu Größe, Gewicht, Haut, Organen, Skelett, Augen, Mund, Nase, Ohren, Muskeln und Nerven und soll bei Kindern im Vorschulalter auch nach Sprachstörungen fragen. Stammeln oder stottern die Jungen und Mädchen? Gibt es Grammatik- und Verständnisprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, Ein- und Durchschlafstörungen, ein auffälliges Sozialverhalten? Können sich die Kinder selbst anziehen und spielen sie „planvoll und ausdauernd“? Gehen sie motorisch vielleicht ungeschickt mit dem Ball um? Laufen oder springen sie und geraten sie schon mal in Atemnot? Das alles ist in dem gelben Heft vorgedruckt und braucht nur angekreuzt zu werden – oder es bleibt unausgefüllt, wenn der Arzt keine besonderen Auffälligkeiten feststellt.

Dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ist das nicht genug, er fordert eine Überarbeitung des gesamten Früherkennungskonzepts. „Wir sehen mit großer Sorge die zunehmende Zahl von Kindern mit Entwicklungsdefiziten vor allem der Sprache, der Kognition, des Sozialverhaltens, aber auch der Motorik, die mit diesen Handicaps zu einem großen Teil bereits in der Schule scheitern“, sagte BVKJ-Präsident Wolfram Hartmann vor wenigen Tagen auf der Jahrestagung seines Verbandes in Berlin.

Große Sorge, so Hartmann weiter, bereite ihm auch die wachsende Zahl übergewichtiger Kinder mit Stoffwechselentgleisungen. Recht früh litten sie unter Herz- und Gefäßerkrankungen oder Diabetes mellitus.

„Zweiklassenmedizin“ droht

Der Verband fordert eine Entwicklung, die eine „ echte Vorsorge“ im Blick hat. Er will wegkommen von der bloßen Früherkennung von Krankheiten. Das sei zwar zunächst teurer und erfordere eine stetige Fortbildung der Ärzte, wirke sich aber langfristig „lebensverlängernd und Kosten sparend für unser Gesundheitswesen“ aus, meint Hartmann.

U4 bis U9
Fast alle Bundesländer haben inzwischen eine gesetzlich verpflichtende Teilnahme an den Kinderuntersuchungen eingeführt. Lediglich Hamburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt verzichten aus datenschutzrechtlichen Gründen bislang darauf. Die Meldepflicht der einzelnen Länder variiert allerdings stark: Während sie in Baden-Württemberg für alle U-Teilnahmen von der Geburt bis zur sogenannten J1 gilt, beschränken sich viele Länder auf die U4 bis U9.
Gesetzlich versicherte Kinder haben Anspruch auf zehn Vorsorgeuntersuchungen: U1 (unmittelbar nach der Geburt), U2 (dritter bis zehnter Lebenstag), U3 (fünfte bis sechste Lebenswoche), U4 (dritter bis vierter Lebensmonat), U5 (sechster bis siebter Lebensmonat), U6 (um den ersten Geburtstag), U7 (dritter Geburtstag), U8 (vierter Geburtstag), U9 (fünfter Geburtstag), J1 (12. bis 15. Lebensjahr). Die U10 (zweite Schulklasse), die U11 (dritte/vierte Klasse) und die J2 (16 bis 18 Jahre) zählen bislang nicht zur gesetzlichen Vorsorge, werden aber von vielen Kassen bezahlt.
Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) prüft zurzeit die Einführung weiterer Früherkennungsuntersuchungen sowie eine Neustrukturierung der bisherigen. Allerdings darf der G-BA gemäß Paragraf 26 Sozialgesetzbuch nur über Untersuchungen bis zum sechsten Lebensjahr sowie über eine Jugenduntersuchung entscheiden.
Das Gesetz legt ihn auch auf den Bereich der Früherkennung fest, das heißt, die vom BVKJ angestrebte Primärprävention ist nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Zurzeit prüft der G-BA ein Screening auf Sehstörungen und Mukoviszidose. bvl
Sodann fordert der Verband weitere Untersuchungen im Grundschul- und Jugendalter als Kassenleistung für alle – bislang haben nur Privatversicherte Anspruch auf eine jährliche Vorsorgeuntersuchung zwischen zwei und 14 Jahren. Die „Zweiklassenmedizin“ müsse im Sozialgesetzbuch geändert werden. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sieht allerdings keinen Handlungsbedarf: Die Bundesregierung messe der Vorsorge im Kinder- und Jugendbereich bereits einen „hohen Stellenwert“ bei, und indem die Vorsorgeprogramme ständig weiterentwickelt würden, sei auch der Präventionsgedanke hinreichend berücksichtigt, so Bahr.

Skeptisch reagiert auch Marlene Rupprecht (SPD), Vorsitzende der Kinderrechtskommission im Bundestag. Dass die Kinderärzte Alarm schlagen, findet sie zwar richtig: „Eine weitere Untersuchung im Schulalter ist wichtig. Tatsächlich hat sich das Spektrum der Kinderkrankheiten verändert.“ Allergien zum Beispiel hätten extrem zugenommen. Und Umgangsregeln für die Behandlung ins Erwachsenenalter hinein fehlten.

Rupprecht stößt vor allem der „Mangel an belastbaren Evaluationen zu den Früherkennungsuntersuchungen“ auf. Hinzukomme, dass Kinderärzte in der Regel „nicht ausreichend qualifiziert“ seien, um Kinder im Schulalter zu beurteilen. „Wie soll ein Kinderarzt, der aus der Neonatologie kommt, feststellen, ob ein Kind Probleme in der Schule hat oder nicht?“ An der Ausbildung habe sich einiges gebessert, aber sie sei noch „sehr organzentriert“.

Es gebe zwar „tolle Kinder- und Jugendärzte“, doch die hätten sich ihr Wissen in der Regel selbst angeeignet. Wenn sich die Ausbildung nicht verändere, bedeute die Verbandsforderung „nur eine neue Abrechnungsziffer“, kritisiert Rupprecht.

Der Berliner Kinderarzt Ulrich Fegeler, zugleich BVKJ-Sprecher, hält dagegen: „Die Ausbildung ist nicht das Problem, lebenslange Fortbildung sollte selbstverständlich sein.“ Er verweist auf die Ursachen neuer Kinderleiden. Adipositas und Aufmerksamkeitsstörungen etwa hingen oft vom Bildungsstand der Eltern und vom Nicht-Erlernen sozialer Kompetenzen ab. „Je niedriger die Bildung, desto höher ist das Risiko auch für die Kinder. Wir haben heute sehr viele anregungsarme Familien, in denen die Kinder stundenlang vorm Fernsehen sitzen.“ Die Folge: Die Ärzte berieten Familien oft kostenlos, und das dauere heute länger als früher.

Auch die Kinderkommission hat in ihrer Stellungnahme vom 7. Juni gefordert, die Elternkompetenz zu stärken. Das ist für Maria Steuer das entscheidende Stichwort. „Wir müssen an der Einstellung der Eltern und der Gesellschaft zu den Eltern arbeiten“, fordert die Kinderärztin und Familientherapeutin in Stade bei Hamburg.

„Wenn eine Mutter im Organisieren verschiedener Förderprogramme für ihr Kind engagiert ist und kaum noch Zeit für das eigene Zusammensein bleibt, erntet sie gesellschaftlich Anerkennung. Aber niemand würde hingehen und sagen: Verbringen Sie mehr ungeteilte Zeit mit Ihrem Kind!“ Für die Forderungen des Berufsverbands zeigt Steuer deshalb teilweise Verständnis: „Die Kinderärzte sollten für ihre Elternberatungen besser bezahlt werden.“ Aber sie warnt davor, ihnen mehr Aufgaben zu übertragen.

Schon jetzt könnten sie alle weichen Kompetenzen abrechnen, wenn sie die dreijährige Zusatzausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder die fünfjährige Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater nicht scheuten. „Man kann die weichen Kriterien nicht mal eben aus der hohlen Hand mitmachen, sondern braucht eine entsprechende Ausbildung“, sagt Steuer. Außerdem gebe es bereits sozialpädiatrische Zentren mit multidisziplinärer Diagnostik, die zur Beurteilung dieser Kriterien besonders befähigt seien.

Hinzukomme, dass ein Begriff wie „Sozialkompetenz“ gar nicht genau definiert sei. Steuer berichtet von Fällen, in denen falsche Diagnosen ganze Familien zerstört hätten. Auch für Sprachuntersuchungen gebe es „keine harten Kriterien, nur statistische Erhebungen“. Letztlich hänge es von der subjektiven Einschätzung des Beurteilers ab, wie ein Kind bewertet werde. „Und was macht man mit einem Kind, das dann als sozial inkompetent gilt? Das einzige Rezept heißt dann meist: Ab in die Krippe.“

Erzieherin oder Mediziner?

Auch der Bremer Kinderarzt Stefan Trapp findet: „Sozialkompetenz ist eher eine pädagogische Aufgabe und keine Sache der ärztlichen Vorsorge.“ Es sei Sache der Erzieherinnen, Kindern, die sich etwa in einer Gruppe schwertäten, „so zu helfen, dass sie sich darin wohlfühlen“. Natürlich sei es aber auch seine Aufgabe, mit den Verantwortlichen in Kita und Schule zu sprechen, wenn Auffälligkeiten vorlägen.

Trapp unterstützt aber insgesamt seinen Verband bei der Forderung nach einem neuen Vorsorgekonzept. Die Sorge, Kinderärzte könnten anderen Berufsgruppen „etwas wegnehmen“, sei „ein Totschlagargument“ und falsch, weil Diagnosen meist nur oberflächlich von Lehrern und Erziehern gestellt würden. Viele Kinder würden dann fälschlicherweise zur Ergo- statt zur Verhaltenstherapie geschickt.

Voraussetzung für das neue Konzept sei jedoch eine verbesserte Standardisierung und Evaluierung der bisherigen Untersuchungsmethoden. Es sei traurig, dass die Kassen in der Vergangenheit die aus den Vorsorgeuntersuchungen resultierenden Daten nur gesammelt, aber nie ausgewertet hätten, sagt Trapp.

Als „Systemfehler“ bezeichnet der Erlanger Kinder- und Jugendpsychiater Gunther Moll die Forderung des Kinderärzteverbands: „Das ist gut gemeint, geht aber daneben. Was jetzt in die Vorsorgeuntersuchungen mit hinein soll, ist Aufgabe des Facharztes. Man kann ja auch bei Erwachsenen als Internist nicht mal eben die Psychiatrie nebenher mitmachen.“

Es sei überdies eine „Tragödie“, dass derzeit alles darauf hinauslaufe, „Kinder leistungsfähig zu machen für Wachstum und Wettbewerb“, findet der Psychiater. Gunther Moll: „Wenn ein Kind in Krippe, Kita oder Schule passt, ist man zufrieden, denn das ist politisch erwünscht. Und wenn es nicht passt? Die schweren Fälle landen am Ende in der Psychiatrie.“

http://www.fr-online.de/wissenschaft/medizin/wie-gross--wie-schwer--wie-sozial-/-/5024016/8609292/-/view/asFirstTeaser/-/

1 Kommentar:

  1. Ich kann mich nur den Ausführungen von Gunther Moll anschließen. In unserer Gesellschaft zählt nur noch Leistung und Angepasstheit. Die Individualität jedes Einzelnen ist nicht mehr erwünscht!!!

    Sozialkompetenzen sind nicht erwünscht!!!

    Schöne neue Gesellschaft, kein Wunder wenn unsere Kinder damit nicht mehr klar kommen.

    Man hat Ihnen die Spielräume draussen genommen, wie sollen Sie sich da kindgerecht austoben und entwickeln ???

    Wir haben eine kinderfeindliche Gesellschaft !!!

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