Samstag, 25. Juni 2011

Gericht bremst Jugendamt bei der Inobhutnahme eines Kleinkindes / Haaranalyse unterschiedlich gedeutet...

Vegesack. Tim Kröger* wird heute zwei Jahre alt. Ein süßer kleiner Racker mit blondem Schopf. Den Geburtstag wird Tim mit seiner Mama feiern und nicht im Hermann-Hildebrand-Haus, dem Kinderheim in Oberneuland. Das Jugendamt hatte ihn Anfang Mai dort untergebracht. Per Gerichtsbeschluss kam der Junge zwei Wochen später zurück zur Mutter. Das juristische Tauziehen um den kleinen Jungen ist noch nicht ausgestanden. Es zeigt, wie sehr der Fall "Kevin" bei den Behörden nachwirkt.

Tims blonder Schopf spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte, die hier zu erzählen ist. Zerkleinert und für eine chemische Analyse aufbereitet, wird eine Haarprobe des Jungen Anfang April in der Berliner Charité untersucht. Die Pharmakologen sollen ermitteln, ob sich Spuren von Rauschgift in dem organischen Material abgelagert haben. Tims Haarprobe ist eine von 28, die die Bremer Sozialbehörde eingeschickt hat. In all diesen Fällen gilt es zu klären, ob eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt. Denn die Proben stammen von Jungen und Mädchen, deren Eltern drogenabhängig sind.

Nach einer ersten Untersuchungswelle im März hatte die Behörde bereits ein gutes Dutzend Kinder aus ihrem familiären Umfeld herausgeholt und in Pflege gegeben. Diese neue Praxis ist Ausdruck einer konsequenteren Linie, die gegenüber drogenabhängigen Eltern angewandt werden soll. Der zugrundeliegende Gedanke leuchtet ein: Wer seine Kinder mit Rauschgift in Berührung bringt, handelt verantwortungslos und hat sein Erziehungsrecht verwirkt. In Einzelfällen wurden in Bremen bereits seit 2006 Haarproben entnommen - dem Jahr, in dem der kleine Kevin im Kühlschrank seines drogenabhängigen Vaters gefunden worden war.

Die systematische, flächendeckende Entnahme bei Kindern von Abhängigen ist dagegen noch neu, als der kleine Tim aus Vegesack im Frühjahr untersucht wird. Als die Ergebnisse Ende April im Sozialzentrum Nord eintreffen, sieht sich Tims Fallmanagerin zum Handeln gezwungen. Die Gutachter hatten eine ganze Palette von Drogenrückständen in der Haarprobe gefunden: Kokain, Amphetamin, Ecstasy, Cannabis, auch die Ersatzdroge Methadon, die Tims langjährig abhängiger Mutter Kerstin* regelmäßig unter ärztlicher Aufsicht verabreicht wird. Eines freilich kann das Gutachten nicht verlässlich klären: ob nämlich die genannten Substanzen dem kleinen Jungen eingeflößt wurden oder auf irgendeine Weise von außen auf die Haare gelangten. Denkbar wären etwa Ablagerungen von Rauch oder dem Schweiß eines Drogenabhängigen. Tatsächlich würde es bei den geringen gemessenen Konzentrationen reichen, wenn ein Junkie aus dem Umfeld der Mutter dem Jungen mit der Hand durch den Schopf gefahren wäre.

Die Ursache der Kontamination ist also offen, als die Fallmanagerin am 3. Mai zum Telefon greift und Kerstin Kröger mit ihrem Jungen für den nächsten Tag ins Amt einbestellt. An das, was dort passiert ist, erinnert sich die 37-jährige Mutter unter Tränen. "Die standen da gleich mit drei Leuten um mich herum. Die Fallmanagerin sagte mir klipp und klar: Entweder wir machen das hier auf die harte Tour mit Polizei und Richter, oder Sie unterschreiben hier." Die Behörde hatte die Papiere für Tims Einweisung ins Hermann-Hildebrand-Haus bereits vorbereitet. Kerstin Kröger beteuert noch, sie habe keine harten Drogen konsumiert, fügt sich dann aber ins scheinbar Unvermeidliche und unterzeichnet die Dokumente. Dann geht alles ganz schnell. Eine Familienhelferin des Jugendamtes nimmt Tim bei der Hand, verlässt mit ihm den Raum und besteigt ein Taxi nach Oberneuland.

Kerstin Kröger ist geschockt. "Ich dachte, ich werde rückfällig. Ich dachte, alles was ich getan habe, war umsonst", sagt sie in der Rückschau. "Alles" - darunter versteht die 37-Jährige ihre Bemühungen, sich aus dem Drogensumpf herauszuarbeiten. Nachdem sie schwanger geworden war, hatte sie bei der Burger Frauenärztin und Psychotherapeutin Barbara Dennis eine Substitutionsbehandlung mit Methadon begonnen. Auch ihren bis dahin starken Alkoholkonsum fuhr sie zurück. Den Kontakt zum Jugendamt suchte sie selbst. "Ich habe mich da im achten Monat vorgestellt, weil es ja ohnehin nach der Geburt zu einer engen Begleitung durch die Behörde gekommen wäre. Dass da einer unaufgefordert kommt, ist aber wohl eher ungewöhnlich. Die wunderten sich jedenfalls", erinnert sich Kerstin Kröger. Schließlich kam es auch zur Trennung vom Kindsvater, der noch stark im Drogenmilieu verhaftet war.

Das alles scheint am Vormittag des 4. Mai vergebens gewesen zu sein. Nach einem Tag völliger Niedergeschlagenheit und intensiven Gesprächen mit ihrer Mutter rafft sich die 37-Jährige dann aber am 6. Mai zur Gegenwehr auf. Sie konsultiert die Rechtsanwältin Bettina Konsor. Die Expertin für Familienrecht tritt umgehend in Aktion und beantragt beim Amtsgericht Blumenthal eine einstweilige Verfügung mit dem Ziel einer Rückführung des Kindes zur Mutter. Sie fügt Stellungnahmen von Personen aus Krögers betreuendem Umfeld hinzu, die allesamt eine Gefährdung des Kindeswohls verneinen und die fürsorgliche Behandlung des kleinen Tim durch seine Mutter betonen. "Ich betreue seit 20 Jahren drogenabhängige Frauen", heißt es beispielsweise in der schriftlichen Erklärung der Medizinerin Barbara Dennis. Kerstin Kröger gehöre "zu den ganz wenigen Patientinnen, die ohne Rückfälle und mit Inanspruchnahme von Hilfsangeboten den Weg aus der Abhängigkeit zu schaffen verspricht. Die Trennung von ihrem Sohn

betrachte ich als schwere Traumatisierung, die hoffentlich bald beendet wird."

In ihrem Eilantrag ans Gericht hebt Bettina Konsor auch darauf ab, dass aus dem pharmakologischen Gutachten der Charité keine Hinweise auf eine orale Aufnahme von Drogen abzuleiten sind. Am plausibelsten ist für die Anwältin die Vermutung, dass die winzigen Spuren von Drogen auf Tims Haaren auf körperlichen Kontakt mit Personen aus dem Drogenmilieu zurückzuführen sind. Gelegenheiten dafür gebe es genügend, etwa bei Frühstücksrunden für Drogenabhängige, die von der ambulanten Hilfe in der Bermpohlstraße angeboten wurden.

Am 18. Mai fallen die Würfel im Amtsgericht Blumenthal. Die Familienrichterin ordnet an, dass der kleine Tim in die Obhut seiner Mutter zurückzugeben ist. Zwei Tage später kann Kerstin Kröger ihren Sohn wieder in die Arme schließen. "Ich habe mich natürlich sehr gefreut, aber ich konnte nicht wirklich aus mir rausgehen. Dazu war alles noch zu sehr von der Angst überlagert, dass sich so eine Situation noch mal ergeben könnte", sagt die 37-Jährige.

In der Tat ist die Angelegenheit noch keineswegs ausgestanden. Zum einen bleibt nach der Eilentscheidung der Familienrichterin das Hauptsacheverfahren anhängig; zum anderen wurde der Beschluss mit Bedingungen versehen, die unter anderem einen täglichen Besuch des Krisendienstes des Jugendamtes bei Mutter und Sohn Kröger vorsehen.

Die Auflagen zeigen nach Ansicht des Referatsleiters "Junge Menschen" im Sozialzentrum Nord, Mathias Ehmke, dass die Sorge des Amtes um das Kindeswohl keineswegs unbegründet war. Angesichts der Bandbreite der in Tims Haar gefundenen Drogenspuren habe man von einer akuten Gefährdung des kleinen Jungen ausgehen müssen. Ehmke bestätigt, dass die Bremer Jugendhilfe bei der Handhabung solcher Fälle in den vergangenen Jahren einen gewissen Kurswechsel vollzogen hat. "Früher hat man sich eher an der Einschätzung der Kollegen von der Drogenhilfe orientiert. Die waren durchgängig der Meinung: Abhängige Eltern richten sich an ihren Kindern auf, und deshalb sollte man sie auch nicht auseinanderreißen. Dieses Dogma ist aufgelöst." Insofern habe sich nach und durch "Kevin" durchaus etwas geändert, bejaht Mathias Ehmke. Es werde nun konsequenter eingeschritten, allerdings erst nach sorgfältiger Betrachtung des Einzelfalls.

Doch genau daran habe es das Jugendamt bei Tim mangeln lassen, kritisiert Bettina Konsor. Die Sachbearbeiter hätten nach Aktenlage entschieden, obwohl das pharmakologische Gutachten keine zwingende Begründung für eine Inobhutnahme des Kindes geliefert habe. Gleichzeitig seien positive Stellungnahmen von Fachleuten, die mit der persönlichen Situation der Mutter vertraut sind, ausgeblendet worden. "Die Unterbringung eines Kindes im Heim oder einer Pflegefamilie hat das letzte Mittel zu sein", sagt Bettina Konsor mit Nachdruck.

Aber ist es nicht besser, wenn das Jugendamt in seiner Fürsorge einmal übers Ziel hinausschießt und dann vom Gericht gebremst wird, als wenn es einmal zu wenig handelt? Doch, das ist es, räumt die Familienrechtlerin ein. Gerade wenn über die betroffenen Kinder und ihr Umfeld wenig Informationen vorliegen und Eile geboten ist, sei ein Einschreiten, das sich später als zu energisch herausstellt, entschuldbar. Im konkreten Fall hätten die Verantwortlichen in der Behörde jedoch sehenden Auges die falsche Entscheidung getroffen. "Meistens sind die Sozialverwaltungen doch schon länger an den Leuten dran und haben Einblick in die Verhältnisse", fasst Bettina Konsor ihre Erfahrungen zusammen. "Wenn das Amt wirklich alle Beteiligten mit ins Boot holt, kann es eigentlich nichts falsch machen."

*Namen von der Redaktion geändert.



http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Stadtteile/Bremen-Nord/399971/Wie-der-Fall-%22Kevin%22-nachwirkt.html

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