Mittwoch, 8. Juni 2011

Jugendamt - Kindern eingeredet, Eltern seien Monster?


08.06.2011 - KAISERSLAUTERN

Von Reinhard Breidenbach

MISSBRAUCHSFALL RAMSEN Zeugin belastet den Angeklagten Stefan S. - und kritisiert das Wormser Jugendamt

Die emotionalen Erschütterungen, denen mutmaßliche Missbrauchsopfer ausgesetzt sind, wurden gestern vor dem Landgericht Kaiserslautern einmal mehr deutlich. Angeklagt ist der Sozialpädagoge Stefan S. (43). Er soll sich als Leiter des Kinderheims „Spatzennest“ im pfälzischen Ramsen zwischen 1994 und 2006 in 22 Fällen an Schutzbefohlenen, Mädchen im Kindes- und Jugendlichenalter, vergangen haben. Bislang wurden vier von ihnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen. S. weist die Vorwürfe als „absurd“ zurück und versucht, die Zeuginnen in einer Art Verschwörungstheorie als Lügnerinnen, Diebinnen und Streunerinnen zu desavouieren. Das „Spatzennest“ wurde 2007 geschlossen. 2008 verurteilte das Landgericht Kaiserslautern S. in einem anderen Verfahren wegen zweier Missbrauchsfälle im Zusammenhang mit „Spatzennest“-Kindern zu einem Jahr Haft auf Bewährung.

Das mutmaßliche Opfer bricht in Tränen aus

Im aktuellen Prozess lässt sich aus Erklärungen des S. folgern, dass die mutmaßlichen Opfer-Zeuginnen ihre Vorwürfe in nicht-öffentlicher Verhandlung aufrecht erhalten haben. So legte S. nach einer Zeuginnen-Vernehmung dar: „Dass sie mich mit solchen Vorwürfen überzieht, kann ich nicht verstehen.“ Gestern brach das fünfte mutmaßliche Opfer, eine heute 23-Jährige, unmittelbar vor ihrer Zeugen-Vernehmung in Tränen aus. In ihrem Lebenslauf wird eine weitere dramatische Dimension sichtbar: Drei der sechs laut Anklage missbrauchten Mädchen, darunter auch die heute 23-Jährige, wurden 1993 ihren Eltern weggenommen und zu S. ins „Spatzennest“ gebracht. Die Eltern waren in den so genannten Worms-Prozessen vor dem Mainzer Landgericht wegen Missbrauchs an eigenen Kindern, Nichten und Neffen angeklagt, wurden jedoch freigesprochen. Trotz dieser Urteile gab das Jugendamt Worms die Kinder den Eltern nicht zurück, obwohl die sich heftig darum bemühten.

„Ich habe versucht, die Kinder da rauszuholen“

Sollten sich die Vorwürfe gegen S. als wahr erweisen, ergäbe sich ein schockierendes Fazit: Kinder wären verdächtigten, aber letztendlich freigesprochenen Eltern weggenommen und jemandem zum Schutz anvertraut worden, der sie dann missbraucht hätte. Das Jugendamt hatte stets argumentiert, die Kinder hätten jeden Kontakt mit ihren Eltern verweigerten. Den Verdacht, dass S. die Kinder - womöglich aus kriminellem Antrieb - entsprechend beeinflusst haben könnte, stützte gestern eine Sozialarbeiterin im Zeugenstand. „Die Kinder wollten keinen Kontakt, weil sie ihre Eltern als Monster sahen, Herr S. hat den Kindern über Jahre suggeriert, dass ihre Eltern Monster seien“, so die 48-Jährige, die von 2002 bis 2004 zum Vormund von sechs „Spatzennest“-Kindern bestellt war.

Zudem habe S. der Verselbstständigung der Kinder, die ab dem 18. Lebensjahr auf eigenen Beinen hätten stehen müssen, entgegengewirkt. „Ihr Taschengeld verschwand auf Sparbüchern, und die lagen bei S. im Tresor, die Kinder mussten jedesmal bitten, wenn sie etwas von ihrem Geld haben wollten.“ Sie habe versucht, „die Kinder da rauszuholen“, so die Zeugin.

S. und sein Verteidiger entgegneten, die Zeugin wolle S. lediglich „schlecht machen“, und ihre Ablösung als Vormund 2004 habe vor allem dem Wunsch der Kinder entsprochen. Die Zeugin vermutet dagegen, dass sie mit ihrem Engagement für Eltern-Kind-Kontakte der Linie des Jugendamts und des Wormser Sozialdezernenten Georg Büttler in die Quere kam: „Damit mein Vertrag nicht verlängert wurde, wurde interveniert, von vielen Seiten, auch von politischer Seite.“

http://www.allgemeine-zeitung.de/nachrichten/vermischtes/10831388.htm

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