Sonntag, 12. Juni 2011

NS-Rassenwahn - Die geraubten Kinder



Janusz Bukorzycki: Als Janusz Bukorzycki zehn Jahre alt war, wurde seine Mutter im Juli 1943 von den deutschen Besatzern in Polen aufgefordert, den gesunden Jungen zur Untersuchung zu einem deutschen Arzt zu bringen. Im besetzten Osten fahndete der NS-Staat nach „rassisch wertvollem“ Zuwachs. Tausende Jungen und Mädchen wurden vermessen, verschleppt und deutschen Pflegeeltern zugeteilt – an ihrer zerbrochenen Kindheit leiden die meisten noch heute (…) Intelligent, blond, blauäugig: So wie dem Jungen aus Lódz erging es Tausenden Kindern. Systematisch fahndeten die Nationalsozialisten in etlichen Gegenden des besetzten Ostens nach „rassisch wertvollem“ Zuwachs für das Reich. Rücksichtslos rissen sie Knaben und Mädchen aus ihren Familien und vermittelten sie an deutsche Ersatzeltern. Auch 66 Jahre nach Kriegsende ist wenig bekannt über die Schicksale dieser Kinder; viele von ihnen leiden bis heute unter ihrer gebrochenen Identität. Die österreichische Historikerin Ines Hopfer hat diesen Schicksalen eine Studie gewidmet. Mit Hilfe bisher kaum beachteter Dokumente und zahlreicher Zeitzeugeninterviews zeichnet sie detailliert die Geschichte der geraubten Jungen und Mädchen nach. „Mindestens 20.000 polnische Kinder“, so schätzt sie anhand der Akten, „wurden zu ‘Eindeutschungszwecken’ nach Deutschland und Österreich gebracht.“

http://dokmz.wordpress.com/2011/06/12/ns-rassenwahn-die-geraubten-kinder/

Der zehnjährige Janusz Bukorzycki ist kerngesund, als seine Mutter im Juli 1943 aufgefordert wird, ihn schleunigst zu einem deutschen Arzt zu bringen. Seit knapp vier Jahren hält die Wehrmacht Polen besetzt – und auf einmal sorgen sich die NS-Behörden der Stadt Lódz um die Gesundheit eines Kindes? Der Mediziner nimmt sich Zeit, akribisch vermisst er Augenabstand, Nasenbreite und Schädelform, legt die Kartei Nummer 411 an und fotografiert dreimal den blonden Kopf: von vorne, im Halbprofil, im Profil.

Bukorzycki, heute 77, kann sich noch gut erinnern an diese so befremdliche Prozedur, und an diesen einen Satz des Arztes, der sein Leben aus der natürlichen Bahn schleudern sollte: "Gut, du kannst ein Arier sein!" Stundenlang vermag der Rentner über die Kriegszeit zu reden, seine Stimme schwankt dabei zwischen Zorn und Trauer. Über seine kindliche Arglosigkeit vermag er heute zu lächeln. "Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll, ein Arier", sagt er. "Aber ich glaubte, dass es etwas Gutes ist."

Der zehnjährige Janusz konnte nicht wissen, dass der Mediziner für die SS arbeitete – und soeben seine Kindheit zerstört hatte. Denn nur wenig später erhielt seine Mutter die Aufforderung, den Sohn in einem Heim abzuliefern. Er sah sie ein letztes Mal hinter dem Eingangstor, hoffte wochenlang auf ihre Rückkehr. Dann wurde er nach Deutschland verschleppt. Aus Janusz Bukorzycki wurde Johann Buchner.

"Ich war so naiv"

Intelligent, blond, blauäugig: So wie dem Jungen aus Lódz erging es Tausenden Kindern. Systematisch fahndeten die Nationalsozialisten in etlichen Gegenden des besetzten Ostens nach "rassisch wertvollem" Zuwachs für das Reich. Rücksichtslos rissen sie Knaben und Mädchen aus ihren Familien und vermittelten sie an deutsche Ersatzeltern.

Manche waren zu jung, um sich später an ihre Verschleppung erinnern zu können. Bärbel Rossmann etwa wusste noch drei Jahre nach dem Krieg nicht, dass sie als Barbara Gajzler geboren war. Sie verstand auch nicht, warum ihre Eltern im Januar 1948 plötzlich weinten, als sie diesen "Ausflug" unternehmen sollte, nach Polen. "Ich war so naiv", erinnert sie sich. "Ich freute mich auf die Fahrt."

Lódz wurde zum Erprobungsgebiet

Niemand hatte der Zehnjährigen gesagt, dass sie von dem Ausflug nicht nach Lemgo zurückkehren sollte; dass Vater und Mutter Rossmann überhaupt nicht ihre leiblichen Eltern waren. Bärbel alias Barbara war sich so sicher, Deutsche zu sein, dass sie mit einer Lüge in ihre Heimat gelockt werden musste – und fortan nicht mehr wusste, wohin sie eigentlich gehört.

Barbara Gajzlers Geschichte zeigt, wie effektiv der Kinderraub sein konnte, den Heinrich Himmler als Reichsführer SS und Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums vorangetrieben hatte. Schon 1938 kündigte er an, "germanisches Blut in der ganzen Welt zu holen, zu rauben und zu stehlen, wo ich kann". Ausgerechnet Kinder von Slawen, der NS-Rassenlehre zufolge "minderwertige Untermenschen", sollten den ersehnten Zuwachs an künftigen Soldaten und Müttern stellen. Für Himmler kein Widerspruch, vermutete er in dem "Gemisch aus Völkern" doch auch "rassisch sehr gute Typen".

Lódz wurde zum Erprobungsgebiet. Hier entstanden die ersten Strukturen für die "Eindeutschung" von polnischen Kindern. Bereits 1940 begann Medizinalrat Herbert Grohmann, Leiter der "Abteilung für Erb- und Rassenpflege" des örtlichen Gesundheitsamts, eigenmächtig mit der Arbeit: Er ließ Jungen und Mädchen begutachten und teilte sie in vier Kategorien ein – von "rassisch wertvoll" bis "judenverdächtig".

Für die ausgewählten Kinder begann eine Odyssee

Unter Leitung von SS-Obergruppenführer Ulrich Greifelt entwarfen Himmlers Bürokraten nach und nach ein einheitliches und effizientes System des Kinderraubs. Anders als von den Verantwortlichen nach dem Krieg behauptet, beschränkte sich die Suche keineswegs auf Waisen.

Unter dem Vorwand angeblicher gesundheitlicher Gefährdung dazu aufgefordert, führten nichts ahnende Eltern ihre Sprösslinge beim Arzt vor. Doch die Mediziner waren Experten des "Rasse- und Siedlungshauptamts der SS" und trugen nur zur Tarnung weiße Kittel. Akribisch notierten sie Messergebnisse von 21 Körper- und weiteren "Rassemerkmalen", die über Leben und Tod entscheiden konnten.

Für die ausgewählten Kinder begann eine wahre Odyssee. Von Sammelstellen wie in Lódz kamen sie in spezielle Heime zur Vorbereitung auf Deutschland, etwa in ein einstiges Kloster in Kalisz. Dort mussten sie bereits Deutsch lernen und erhielten neue Namen. Erzieher beobachteten ihr Sozialverhalten, fertigten einen psychologischen Befund an. Wer abschließend "für den Einsatz geeignet" schien, wie die Verschleppung euphemistisch hieß, kam in Heime nach Deutschland.

"Ich war immer fürchterlich niedergeschlagen"

Dort folgte die Umerziehung auf deutsche Werte, das Einschwören auf den Führerkult. "Wir mussten den Lebenslauf von Hitler auswendig lernen", erinnert sich Alicja Raczynska alias Anneliese Sosinger. Als ihr berichtet wurde, dass Hitler zwischenzeitlich erblindet war, habe sie das "tief berührt". Wenn die inzwischen 75-Jährige davon erzählt, klingt das so, als wäre es ihr heute ein wenig peinlich.

Ende Oktober 1942 kam Alicja in die Reichsschule für Volksdeutsche in Achern bei Baden-Baden. Dort, in den Räumen einer ehemaligen Anstalt für Geisteskranke, herrschte ein Klima wie in einer preußischen Kaserne: "Wir wurden nicht erzogen, sondern gezüchtigt." Wer Polnisch sprach, riskierte Ohrfeigen. Akribisch wurde jeder Verstoß auf einer Liste notiert. Die Kinder standen morgens beim Appell stramm, die Kleidung musste in den schmalen Schränken Kante an Kante liegen. "Als ich einmal meine Schuhe nicht geputzt hatte, wurde mir ins Gesicht geschlagen", erinnert sich Raczynska.

Am schlimmsten war für sie der Sonntagvormittag. Dann wurde das Heim zum Menschenbasar. Potentielle Pflegeeltern begutachteten neugierig die Kinder, die sich im Kreis aufstellen mussten. "Ich war immer fürchterlich niedergeschlagen, wenn ich wieder nicht ausgewählt wurde", sagt Alicja über die Zeit, als sie sieben Jahre alt war. "Ich wünschte mir, endlich zu jemandem zu gehören."
Erst nach Monaten nahm sie ein Landwirt mit. Ihre neue Familie verpflegte sie gut und missbrauchte sie nicht als billige Arbeitskraft. Sie lernte deutsche Lieder, die sie noch heute singen kann, und knüpfte Freundschaft zu ihrer Stiefschwester. Heimweh nach Polen hatte sie nicht. "Das haben uns die Deutschen irgendwie ausgetrieben", sagt sie, fast ein wenig anerkennend.

Kartoffelreste aus dem Schweineabfall

Janusz Bukorzycki hingegen verlor nie seine Sehnsucht nach Polen. Vielleicht auch, weil er nie in eine Pflegefamilie kam. Bis April 1945 musste er im Heim "Alpenland" im österreichischen Oberweis bleiben. Für ihn ein reines "Misshandlungslager", in dem der Hunger ein täglicher Begleiter war. Betrieben wurde es vom berüchtigten SS-Verein Lebensborn, ein für Himmlers wichtiges Instrument zur Umsetzung seiner rassenpolitischen Wahnvorstellungen.

Es blieb nicht bei Schlägen. Wer Polnisch sprach, sei bis zu drei Tagen ohne Essen eingesperrt worden, berichtet Bukorzycki. "Sie wollten unsere Identität zerstören, aber die älteren Jungs ermahnten uns, unsere Sprache nicht zu vergessen." Aus Trotz sang er mit ihnen die polnische Nationalhymne – und musste dafür stundenlang Kniebeugen machen. Einmal, erzählt er, sei er von den Schikanen so ausgehungert gewesen, dass er alte Kartoffelreste aus dem Schweineabfall stahl und hastig auf der Toilette verschlang.

Die meisten Verantwortlichen für diese Verbrechen kamen nach dem Krieg ohne Strafe davon. Nur Greifelt, der Koordinator des Kinderraubs, erhielt eine lebenslange Haftstrafe. Mitarbeiter der Jugendämter, Heimleiter oder Erzieher wurden erst gar nicht vorgeladen.
Viele Betroffene, die zum Teil noch Jahrzehnte unter den Folgen ihrer Verschleppung litten, empfanden das Desinteresse im Nachkriegsdeutschland als blanken Hohn. Mühsam hatte das Polnische Rote Kreuz die geraubten Kinder aufspüren müssen, da ihre Identität systematisch verschleiert worden war.

"Das hat mich psychisch zerstört"

Auch Barbara Gajzler hätte wohl nie erfahren, dass sie Polin ist, wenn ihre Großmutter nicht einen Suchantrag gestellt hätte. Die Ankunft in der Heimat geriet für sie zum Kulturschock. Barbara Gajzler sprach kein Wort Polnisch. Ihre Mitschüler beschimpften sie als "Hitler", lästerten über das polnische R, das sie nicht rollen konnte.

Da Mutter und Vater im Krieg gestorben waren, wurde das Mädchen von einer Tante zur nächsten gereicht. Barbara Gajzler fühlte sich unerwünscht, sehnte sich nach ihren Pflegeeltern in Lemgo. Ein Onkel wollte ihr das austreiben, indem er mit ihr ein KZ besuchte, mit ihr zur Westerplatte fuhr. Sie glaubte ihm anfangs nicht alles – und landete schließlich in einem Waisenheim: "Das hat mich psychisch zerstört."

Als sie acht Jahre später das Heim verließ, wusste sie immer noch nicht, wer sie ist: Polin oder Deutsche?
1966 kehrte Barbara Gajzler für mehrere Monate zu ihrer alten Pflegefamilie zurück. Doch trotz des herzlichen Empfangs fühlte sie ausgerechnet dort, dass auch Deutschland nicht ihre Heimat sein kann.

So versteht sich die Frau heute als Polin mit einem Auftrag: Sie will ihre Lebensgeschichte – trotz der Tränen, die ihr dabei kommen – weitergeben. Und sie erzählt sie in fehlerfreiem Deutsch.




http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/22746/die_geraubten_kinder.html

1 Kommentar:

  1. Davon habe ich wirklich noch nichts gehört, wirklich schrecklich!

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