Freitag, 10. Juni 2011

Sorgerecht - Jugendamt - Das Schweigen der Ämter


Ein altbekannter Fall und kein Ende / Mutter pfeift aufs Sorgerecht und behält Kind ein / Jugendämter machtlos?


Seit über einem Jahr kämpft der 41-jährige Peter Kaufmann* um die Herausgabe seines Sohnes Kevin* - erfolglos, aber mit allem Grund zur Sorge. Denn Mutter Eva Söder* (44), von der Kevin bei einem Besuch am 23. März 2010 nicht mehr zurückgekommen ist, ist eine Gefahr für ihre Kinder. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gerichtsgutachten, das unserer Zeitung vorliegt. Es gibt seit über einem Jahr auch einen richterlichen Beschluss, Kevin in eine Pflegefamilie zu geben. Doch nichts geschieht.

Nicht lange her, da hat es Eva Söder bundesweit zu Schlagzeilen gebracht. Im Mai 2003 war sie wegen sexuellen Missbrauchs eines Widerstandsunfähigen zu 3 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt worden. Im Zusammenhang mit dieser und anderen Straftaten (gefährliche Körperverletzung, Abgabe von Drogen an Minderjährige, Nötigung, Hehlerei, Nötigung, Betrug) erstellte Gutachten bescheinigen ihr eine dissoziative Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus. Laut Gutachten sind gegenwärtig aus weiteren Straftaten noch drei Bewährungsstrafen offen - neue Ermittlungsverfahren laufen.

Diese Sammlung von Fakten aus den vergangenen vier Jahren ist Resultat eines Gutachtens, das vom Familiengericht in Auftrag gegeben wurde. Eine Expertenmeinung erschien dem Gericht wichtig, weil Eva Söder Anfang des Jahres das Sorgerecht für Kevin zurückübertragen haben wollte. Daraus dürfte nach diesem Gutachten nichts werden. Das Resultat ist vernichtend. Eine Übertragung der elterlichen Sorge sei mit dem Kindeswohl nicht vereinbar, ist das Ergebnis einer sehr umfangreichen Begutachtung.

Für Peter Kaufmann ist das keine überraschende Feststellung. Er wundert sich nur, warum nicht schon viel früher jemand aus den offensichtlichen Fakten die Konsequenzen gezogen hat. Aber Kaufmann kann sich den starken Auftritt nicht leisten. Er befindet sich in der Defensive, nachdem ihn Kevin kurz nach seinem Verschwinden eines sexuellen Übergriffs bezichtigt hat. Kaufmann bestreitet das vehement, sieht darin einen Schachzug der Kindesmutter - und damit steht er nicht allein. Auch das Gutachten kommt zu dem Schluss, das Kind sei in diesem Punkt wenig glaubwürdig und stehe erkennbar unter dem Einfluss der Mutter.

Ein vergleichbares Muster hatte es schon einmal gegeben. Vor drei Jahren verschwanden Kevins damals 11-jährige Schwester Sahra* und seine Halbschwester Miriam* aus der Obhut ihrer Pflegefamilie und tauchten bei Eva Söder auf. Auch damals wurde der Vorwurf einer Misshandlung durch den Pflegevater in Umlauf gebracht - ein Vorwurf, den die Mädchen später zurück nahmen. Gleichwohl beließ das Jugendamt die Kinder bei Eva Söder, die später auch wieder das elterliche Sorgerecht bekam.

Eine erstaunliche Entscheidung angesichts der Sachverhalte, die im Gutachten zusammengestellt wurden. Eva Söder, die nach ihrer Freilassung über verschiedene Stationen im Lande im vergangenen Jahr wieder zurück nach Flensburg kam, hatte anscheinend ansatzlos mit dem Leben weitergemacht, das sie 2003 ins Gefängnis gebracht hatte. Polizeiermittler berichten von Betrugs- und Körperverletzungsdelikten, von Veruntreuung, Saufgelagen, narkotisierten Jugendlichen. Bei einem Besuch anlässlich einer Anzeige wegen Ruhe störenden Lärms stellte die Polizei bei einer der minderjährigen Töchter einen Blutalkoholwert von 1,46 Promille fest. Das Mädchen konnte sich gut artikulieren, heißt es im Einsatzprotokoll.

Laut Gutachten ließ Eva Söder über das Internet Waren bestellen, die nie bezahlt wurden, leitete mit gefälschten Unterschriften Zahlungen der Familienkasse auf ihr Konto um, beantragte in einem Fall das elterliche Sorgerecht für eine bei ihr lebende Halbwaise. Dies übrigens mit dem ausdrücklichen Segen einer Beratungsstelle für Frauen, bei der sie sich auf richterliche Anweisung einer Therapie unterzog. Die Sozialpädagoginnen waren von den Fortschritten ihrer Klientin hellauf entzückt. Entweder hatte Eva Söder sie komplett um den Finger gewickelt oder aber die Berufsauffassung der Sozialarbeiterinnen war jenseits aller Professionalität. Was bei Eva Söder therapiert wurde, bleibt Geheimnis dieser Einrichtung. Die Borderline-Erkrankung jedenfalls war es nicht. Dieser Befund, so das Gutachten, war dort gar nicht bekannt.

Die 16-jährige Halbwaise stand für ein Gespräch mit dem Sachverständigen übrigens nicht zur Verfügung. Das Mädchen hat nach Bestellungen für Eva Söder rund 9000 Euro Schulden und wurde in ein Schutzprogramm gesteckt. Die 16-Jährige sei nicht bereit, Fragen zu beantworten, um die langsam einsetzende positive Entwicklung nicht zu gefährden, teilte deren Amtsvormund mit.

Es gibt keine Hinweise, dass sich die chaotischen Zustände in Flensburg gebessert hätten. Lehrer beschreiben den Zustand der heute 14-jährigen Sahra als alarmierend. "Ihre Situation schreit nach Hilfe!", heißt es in dem Bericht. Das Mädchen wirke wie benebelt und sei nicht erreichbar. Ihre Verfassung sei "unterirdisch". Da fragt man sich, sagt Kaufmanns Anwältin Renate Bergner, "warum nicht von Amts wegen schon eine Akte Sahra Kaufmann angelegt worden ist." An mangelnden Erkenntnissen kann es nicht liegen. Bereits am 27. August 2010 vermerkte das Jugendamt Schleswig-Flensburg, dass möglicherweise eine Gefährdung für alle im Söder-Haushalt lebenden Kinder vorliege. Geschehen ist seither nichts. Gar nichts. Stattdessen zwei schockierende Sichtungen vom Mai diesen Jahres. In einem Fall habe die Großmutter Enkelsohn Kevin im Bus getroffen. Mit rot geränderten Augen, wie in Trance, sagt Kaufmann. Als er tags darauf nach Tochter Sahra suchte, habe er die 14-Jährige auf einem Spielplatz angetroffen. Angetrunken, mit einer Bierflasche in der Hand. "Ich war dann beim Jugendamt, aber niemand hatte Zeit für mich", sagt Kaufmann. "Da schaut niemand nach dem Rechten. Die lassen die Kinder einfach allein."

Seit März letzten Jahres haben sich die Dinge dramatisch zu seinen Ungunsten verschoben. Mittlerweile ist er derjenige, der um Umgang bitten muss. Eine freiwillige getroffene Vereinbarung sei von Eva Söder nicht ernsthaft eingehalten worden. "Von elf Treffen hat sie neun abgesagt!" Mittlerweile hat Kaufmann einen richterlichen Beschluss erwirkt, der den Umgang verbindlich regelt. Aber was sind Gerichtsbeschlüsse wert? Kaufmann ist voller Zweifel. Immerhin gibt es seit dem 16. April 2010 einen Beschluss, das Kind in die Obhut von Pflegeeltern zu nehmen. Vier Mal brachten Polizei und Jugendamt Kevin in Pflegefamilien unter, vier Mal verschwand Kevin über Nacht, und zwar unter Umständen, die auf Hilfestellung schließen lassen. Oder wie legt ein 10-Jähriger auf Strumpfsocken abends gut 80 Kilometer vom Heim zur mütterlichen Wohnung zurück? Es scheint, die Behörden hätten aufgegeben. Kaufmanns Zeit zerrinnt. Vor allem aber die Zeit seiner beiden Kinder.

* Name von der Redaktion geändert

http://www.shz.de/artikel/article/111/das-schweigen-der-aemter.html

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