Sonntag, 5. Juni 2011

Strafanzeige gegen das Siegener Jugendamt - Hilfe die ankommt?



Jugendamt und Kinderrecht

Von Claudia Scheffler

Der Internationale Kindertag (01.06.11) soll die Rechte von Kindern stärken. In der Praxis sind dafür unter anderem die Jugendämter zuständig. Doch ein Vater aus Siegen wirft dem Jugendamt massive Versäumnisse gegenüber seinen Töchtern vor.

Im Streit zwischen Reinhard Nies und dem städtischen Jugendamt ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Der Vater hat Strafanzeige gegen Mitarbeiter des Jugendamts erstattet. Er wirft ihnen Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung vor, weil sie nicht rechtzeitig gehandelt hätten. "Die Kinder Jessica (7) und Manuela (5) sind traumatisiert", sagt Reinhard Nies. Sein Vorwurf: Die Kinder mussten monatelang bei ihrer Mutter leben, obwohl die nicht erziehungsfähig gewesen sei. Das Jugendamt betreute die getrennt lebende Ehefrau und die Töchter, kannte also die Familie.

Vater Nies: "Die Große konnte nicht mehr sprechen"

Umzugs-Odyssee der Kinder
Jessica und Manuela haben unter anderem eine Odyssee hinter sich: In 14 Monaten mussten sie mit ihrer Mutter sechs Mal umziehen. Stationen waren unter anderem eine Notunterkunft, Nachbarn, das Frauenhaus, ein Familienhilfezentrum - "oft ohne eigene Wäsche und Betten", so der Vater. Die Zeit bei der Mutter blieb für die Mädchen offenbar nicht ohne Folgen. Erzieherinnen im Kindergarten fiel auf, dass es den Kindern nicht gut ging. In Berichten ist die Rede von "Tiersprache" (also unartikulierten Lauten der Mädchen), Verhaltensauffälligkeiten, hochgradigen sprachlichen Störungen. Ein Arzt attestierte einem der Mädchen eine seelische Behinderung. Im Mai 2010 erhielt Reinhard Nies dann das alleinige Sorgerecht für die Mädchen. Seitdem lebt er wieder mit ihnen im eigenen Haus. Die Vorgänge um seine Töchter hat er genau dokumentiert und seinem Anwalt übergeben. Darauf stützt sich seine Strafanzeige gegen das Jugendamt.


Kindes-Gefährdung "im Graubereich"?

Doch das Jugendamt weist die Vorwürfe zurück. "Es gibt keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten. Das hat auch die Kommunalaufsicht nach einer Prüfung des Falls bestätigt", so eine Sprecherin der Stadt. Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Jugendamts hatte die Gefährdung der Kinder "im Graubereich" eingestuft. Diese Einschätzung reiche nicht aus, um die Kinder der Mutter zu entziehen, so das Jugendamt. Eine "akute Kindeswohlgefährdung", bei der es um Leib und Leben geht und das Jugendamt zur Sicherheit der Kinder sofort eingreifen muss, stellten die ASD-Fachkräfte nicht fest. "Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich die Eltern stärker an der Konfliktlösung beteiligt hätten", formuliert die Sprecherin der Stadt. Das sieht der Vater anders und kritisiert seinerseits: Kinderschutz-Meldungen beispielsweise von Nachbarn seien nicht bearbeitet worden.

Gutachter stellt schwere Erziehungs-Defizite fest.

Im Sorgerechts-Streit zwischen Reinhard Nies und seiner Frau lag im Dezember 2009 das psychologische Gutachten des Siegener Familiengerichts vor. Der Gutachter sah schwere Defizite in der Erziehungseignung der Mutter. Das Kindeswohl sei gefährdet. Im Januar 2010 entschied das Familiengericht, die Kinder sofort in Obhut zu nehmen. Die Kinder kamen für drei Monate in ein Kinderheim, wo sie psychologisch betreut wurden. Im Mai erhielt der Vater dann das alleinige Sorgerecht.

Zahl der Kindesschutz-Meldungen steigt

Georg Ritter, Abteilungsleiter Soziale Dienste beim Jugendamt, weist Vorwürfe zurück, aufgrund von Arbeitsverdichtung würden strittige, aber eben nicht akute Fälle verzögert bearbeitet. In Siegen ist die Zahl von Kindesschutz-Meldungen aber deutlich angestiegen. 2010 waren es knapp 160, vor sechs Jahren lag die Zahl bei 64. Auch der Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes berichtet, dass sich die Anzahl der Kindesschutz-Meldungen in NRW in rund fünf Jahren nahezu verdoppelt hat. Fachleute wie der Siegener Professor für Sozialpädagogik, Klaus Wolf, warnen: "Die Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter arbeiten an der Oberkante dessen, was sie machen können. Die stehen immer unter einem ganz erheblichen Druck." Das bestätigt auch die Leiterin des Siegener Kinderschutzbundes, Ingrid Freter: "Wegen der zu geringen Anzahl an Mitarbeitern ist die Arbeitsbelastung des Einzelnen stark angestiegen. Dazu kommen enorme psychische Belastungen."

Reinhard Nies arbeitet derzeit nicht, weil er sich um die beiden Kinder kümmert. Um nicht ab Herbst von Hartz IV leben zu müssen, will der Automatisierungs-Techniker jetzt wieder beruflich einsteigen. Nach eigener Aussage versucht er seit Ende letzten Jahres über das Jugendamt eine Tagesmutter zu bekommen - "passiert ist bisher nichts, meine Anfrage wurde abgeblockt", sagt er.

http://www.wdr.de/themen/panorama/28/siegen_kindswohl/index.jhtml

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen