Mittwoch, 31. August 2011

„Auf der Walz“ ist eine Chance für Jugendliche mit Problemen oder billige Arbeitskräfte?


WÜNSDORF - „Ich bin schon anders geworden, ich raste nicht mehr so schnell aus“, sagt der 13-jährige Görkem und dreht sich die x-te Zigarette. Das Jugendamt hat ihn in das Walz-Projekt gesteckt, welches das Jugendheim „Heinrich Zille“ in Siethen und sein Träger, die gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung Brandenburger Kinder und Jugendlicher (GfB), als sogenannte Erlebnispädagogik seit 2005 anbietet.

Ziel ist die Stabilisierung der Persönlichkeit und die Rückgewinnung der Beziehungs- und Bindefähigkeit. Die Jugendlichen, die mit einem umgebauten Zirkuswagen auf die Walz gehen, sind aufgefallen in der Gesellschaft, negativ. Sie haben Verhaltensprobleme, sind aggressiv, aufmüpfig, wollen sich nicht einordnen. Görkem und Dominic leben bei ihren Eltern, nicht wie Benjamin im Heim.

Seit Anfang Mai sind die drei mit Erzieher Heiko Thieme auf der Walz, unter anderem in Brandenburg/Havel, in Cammer im Hohen Fläming, in Stahnsdorf und in Besdau bei Luckau. Noch bis heute sind sie in Wünsdorf, in der Bücherstadt.

Es ist kein Urlaub. Auf der Walz wird gearbeitet, von montags bis samstags. Das ist die Vereinbarung auch mit denen, auf deren Grundstücken sie für Wochen Halt machen und ihre Arbeitsleistung mit Wasser und Strom vergütet bekommen. Sie haben am Melkstand gearbeitet, Wege gepflastert, einen Friedhof und Grünanlagen gepflegt oder in der Landwirtschaft geholfen. „Nur der Sonntag ist uns heilig“, sagt Erzieher Heiko Thieme, der die Jungs auf der Walz betreut.

Der 15-jährige Benjamin ist seit gut drei Jahren im Heim und würde nur zu gern wieder nach Hause gehen. Aber er weiß, warum er eben dort nicht ist. Mit Aggressionsproblemen umschreibt er, was man Körperverletzung nennen würde. Aber der junge Mann hat ein Ziel: „Ich möchte die Schule schaffen und Maurer werden.“

Dominic ist der älteste unter den Dreien und wirkt auch im Gespräch vernünftiger, eben wie 16. Schule geschwänzt hat er schon lange nicht mehr. Mit den Lehrern kommt er besser zurecht und nach Blödsinn steht ihm auch nicht mehr der Sinn. „Für meine Zukunft wünsche ich mir einen Oberschulabschluss, vielleicht sogar das Abitur. Danach möchte ich irgendwas mit Tieren machen.“ Görkem will Maler werden.

Bis Ende Oktober sind sie noch auf der Walz, dann geht die Schule für sie, die ein halbes Jahr davon befreit sind, wieder los. Im Wohnwagen gibt es alles, was man zum Leben braucht, auch Herd, Spüle und Waschmaschine, nur der Fernseher fehlt. „Aber Handy ist gestattet“, sagt Görkem.

Auf der Walz herrschen Regeln. „Von montags bis samstags müssen wir um 7 Uhr aufstehen, gearbeitet wird von 9 bis 14 Uhr“, so Benjamin. In der Freizeit muss auch der Haushalt erledigt werden, also auch Einkauf und Wäsche. Gekocht wird, was die Jungs gerne essen beziehungsweise, was eingekauft wurde. „Wenn was fehlt, fehlt es eben“, so Heiko Thieme, „sie müssen den Einkaufszettel selber schreiben und lernen, an alles zu denken.“ Auch Taschengeld bekommen sie. „Das setzen wir in Süßigkeiten und Cola um.“ Was sie zum Rauchen brauchen, kriegen sie von den Eltern. „Es ist schon cool auf der Walz“, sagt Görkem und der Erzieher ergänzt: „Wie eine Familie sind wir noch nicht ganz, jeder der drei will sich behaupten. Aber wir haben viel geschafft und ich bin schon ganz zufrieden mit meinen Männern.“ (Von Heidi Borchert)


http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12161447/61939/Auf-der-Walz-ist-eine-Chance-fuer-Jugendliche.html

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