Freitag, 2. September 2011

Hier hat das Jugendamt offenbar helfen können..

In einem heilpädagogischen Internat lernt der 15-jährige Asperger-Autist mit seiner Störung umzugehen. Jetzt steuert er aufs Berufsleben zu. Die pädagogische Jugendhilfe begleitet ihn seit sieben Jahren.

Wenn es in einer Familie so heftigen Streit gibt, dass das Jugendamt eingreifen muss, ist nichts mehr zu retten. Dieses Bild hat sich bei vielen eingeprägt. Dabei ist die Institution für viel mehr zuständig als im Extremfall den Entzug des Sorgerechts. Sie soll helfen: Kindern, Jugendlichen und Eltern. Aber wie funktioniert Jugendhilfe? Unsere Serie berichtet in sechs Folgen, wie das Jugendamt Aichach-Friedberg mit Eltern und Kindern zusammenarbeitet. Im heutigen zweiten Teil geht es um den 15-jährigen Asperger-Autisten Max. Das Jugendamt ermöglicht ihm als Eingliederungshilfe eine Heimunterbringung.

Aichach-Friedberg Auf den ersten Blick ist Max* ein ganz normaler 15-Jähriger: ein großer, kräftiger Jugendlicher. Dass er Asperger-Autist ist (siehe Infokasten), sieht man ihm nicht an. Seine Mutter Andrea S.* sagt, das sei einerseits ein Vorteil. Andererseits: „Weil man ihm seine Störung nicht ansieht, nimmt auch keiner Rücksicht darauf.“ Er nimmt Mimik und Gestik von anderen nicht wahr und er hat Schwierigkeiten mit großen Menschenmengen und zu hoher Geräuschkulisse. „Das muss er mühsam lernen“, sagt Andrea S. Max ist überdurchschnittlich intelligent, wie Tests mehrfach ergeben haben. In Situationen, die ihn überfordern, kann es aber vorkommen, dass er „explodiert“. Max selbst zieht da Parallelen zu seiner Lieblings-Comicfigur, dem „Hulk“: „Der ist ein netter, sehr intelligenter Wissenschaftler, aber wenn er wütend wird, verwandelt er sich in ein grünes Monster.“

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Erstmals gezeigt haben sich die Symptome, als Max drei Jahre alt war. Der Bub spielte lieber allein in einer Ecke. Wenn zu viele Kinder da waren, bekam er Wutanfälle. Andrea S. ärgert sich noch heute: „Weil ich berufstätig war, hieß es: Die Mutter arbeitet, das Kind ist schlecht erzogen.“ Dann: Es könne an der Feinmotorik liegen. Frühförderung und Ergotherapie folgten, halfen aber nicht.

Sieben Monate stationäre Behandlung

„Als Max in die Schule kam, wurde es massiv schlimmer“, erinnert sich die Mutter. Fast jeden Tag bekam er im Pausenhof einen Wutanfall. Schließlich sollte Max in der Kinder- und Jugendpsychiatrie durchgecheckt werden. Aus den geplanten vier Wochen stationärer Behandlung wurden sieben Monate. Gegen das „hirnorganische Psychosyndrom“, das diagnostiziert wurde, sollten Medikamente helfen. Taten sie aber nicht. Stattdessen litt Max stark an Nebenwirkungen: Er nahm zu, nässte ein. Eine Ärztin unterstellte Andrea S., sie würde ihrem Sohn die verordneten Medikamente nicht geben. Erst eine andere Ärztin stellte bei dem Achtjährigen die Diagnose Asperger-Autismus. Trotz der Probleme, die diese Störung mit sich bringt, war Andrea S. erleichtert: „Wenn dein Kind nicht funktioniert, fragst du dich natürlich: Was habe ich falsch gemacht? Bei einer Diagnose atmet man auf, weil man endlich eine Erklärung hat.“

Weil diese Störung eine pädagogische Therapie statt einer medizinischen verlangt, war nun – ab 2004 – nicht mehr die Krankenkasse zuständig, sondern das Jugendamt. Genauer: die pädagogische Jugendhilfe in Gestalt von Peter Schönherr. „Wenn man Jugendamt hört, da stellt man erst mal die Stacheln auf“, denkt Andrea S. zurück: „Aber das Jugend- amt hilft.“

Wie, das erklärt Schönherr: Wenn Eltern Hilfe beantragen, stellt das Jugendamt zunächst fest, ob und welche Hilfe gewährt wird. Das pädagogische Team, dem er angehört, holt Einschätzungen zum Beispiel der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Lehrer ein. Dann wird nach sinnvollen und geeigneten Maßnahmen für das Kind gesucht, die dann im Hilfeplan festgehalten werden, ebenso wie die Ziele. Der Hilfeplan wird regelmäßig im Gespräch mit Jugendamt, der beteiligten Einrichtung, Eltern und dem Kind fortgeschrieben. Er dient auch der Überprüfung der Ziele und der Wahl der Mittel.

In Max’ Fall bedeutete das zunächst eine pädagogische Betreuung am Nachmittag. Als aber seine Symptome in der fünften Klasse immer schlimmer wurden, bot das Jugendamt eine Heimunterbringung an. Andrea S.: „Am Anfang war es brutal hart, mein Kind in eine Wohngruppe zu geben.“ Aber es habe Max geholfen. „Ich bin dem Jugendamt wirklich dankbar.“

Die erste Einrichtung verließ Max nach drei Monaten wieder. Die Nächste, ein heilpädagogisches Kinder- und Jugendheim am Bodensee, besuchte er bis zu seinem Abschluss jetzt im Sommer. Im Zusammenspiel mit der Uniklinik Ulm, an der Max auch medikamentös richtig eingestellt wurde, arbeitet die Einrichtung mit Verhaltenstherapie. Max hat sich nun weit besser im Griff, erzählt Andrea S.

Ab September besucht Max das Berufsbildungswerk Abensberg, das seit einigen Jahren insbesondere autistische Jugendliche auf einen Beruf vorbereitet. „Das Ziel ist, sie hinzuführen zu einem normalen Leben“, so Schönherr. Finanziert wird das von der Agentur für Arbeit, was die Ausbildung betrifft, und vom Jugendamt (pädagogische Hilfe). Finanziell beteiligen müssen sich auch die Eltern im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Max will in Abensberg die Berufe des Schreiners und des Landschaftsgärtners kennenlernen. Schafft er hier einen guten Abschluss, dann rückt sein Traumberuf in greifbare Nähe: er will Präparator werden. Schon jetzt verbringt er die Wochenenden am liebsten im Altmühltal in den Steinbrüchen auf der Suche nach Fossilien. Dass er das schaffen kann, davon ist Peter Schönherr überzeugt: „Max ist auf einem guten Weg.“

(*Namen von der Redaktion geändert)

Wenn es in einer Familie so heftigen Streit gibt, dass das Jugendamt eingreifen muss, ist nichts mehr zu retten. Dieses Bild hat sich bei vielen eingeprägt. Dabei ist die Institution für viel mehr zuständig als im Extremfall den Entzug des Sorgerechts. Sie soll helfen: Kindern, Jugendlichen und Eltern. Aber wie funktioniert Jugendhilfe? Unsere Serie berichtet in sechs Folgen, wie das Jugendamt Aichach-Friedberg mit Eltern und Kindern zusammenarbeitet. Im heutigen zweiten Teil geht es um den 15-jährigen Asperger-Autisten Max. Das Jugendamt ermöglicht ihm als Eingliederungshilfe eine Heimunterbringung.

Aichach-Friedberg Auf den ersten Blick ist Max* ein ganz normaler 15-Jähriger: ein großer, kräftiger Jugendlicher. Dass er Asperger-Autist ist (siehe Infokasten), sieht man ihm nicht an. Seine Mutter Andrea S.* sagt, das sei einerseits ein Vorteil. Andererseits: „Weil man ihm seine Störung nicht ansieht, nimmt auch keiner Rücksicht darauf.“ Er nimmt Mimik und Gestik von anderen nicht wahr und er hat Schwierigkeiten mit großen Menschenmengen und zu hoher Geräuschkulisse. „Das muss er mühsam lernen“, sagt Andrea S. Max ist überdurchschnittlich intelligent, wie Tests mehrfach ergeben haben. In Situationen, die ihn überfordern, kann es aber vorkommen, dass er „explodiert“. Max selbst zieht da Parallelen zu seiner Lieblings-Comicfigur, dem „Hulk“: „Der ist ein netter, sehr intelligenter Wissenschaftler, aber wenn er wütend wird, verwandelt er sich in ein grünes Monster.“

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Erstmals gezeigt haben sich die Symptome, als Max drei Jahre alt war. Der Bub spielte lieber allein in einer Ecke. Wenn zu viele Kinder da waren, bekam er Wutanfälle. Andrea S. ärgert sich noch heute: „Weil ich berufstätig war, hieß es: Die Mutter arbeitet, das Kind ist schlecht erzogen.“ Dann: Es könne an der Feinmotorik liegen. Frühförderung und Ergotherapie folgten, halfen aber nicht.

Sieben Monate stationäre Behandlung

„Als Max in die Schule kam, wurde es massiv schlimmer“, erinnert sich die Mutter. Fast jeden Tag bekam er im Pausenhof einen Wutanfall. Schließlich sollte Max in der Kinder- und Jugendpsychiatrie durchgecheckt werden. Aus den geplanten vier Wochen stationärer Behandlung wurden sieben Monate. Gegen das „hirnorganische Psychosyndrom“, das diagnostiziert wurde, sollten Medikamente helfen. Taten sie aber nicht. Stattdessen litt Max stark an Nebenwirkungen: Er nahm zu, nässte ein. Eine Ärztin unterstellte Andrea S., sie würde ihrem Sohn die verordneten Medikamente nicht geben. Erst eine andere Ärztin stellte bei dem Achtjährigen die Diagnose Asperger-Autismus. Trotz der Probleme, die diese Störung mit sich bringt, war Andrea S. erleichtert: „Wenn dein Kind nicht funktioniert, fragst du dich natürlich: Was habe ich falsch gemacht? Bei einer Diagnose atmet man auf, weil man endlich eine Erklärung hat.“

Weil diese Störung eine pädagogische Therapie statt einer medizinischen verlangt, war nun – ab 2004 – nicht mehr die Krankenkasse zuständig, sondern das Jugendamt. Genauer: die pädagogische Jugendhilfe in Gestalt von Peter Schönherr. „Wenn man Jugendamt hört, da stellt man erst mal die Stacheln auf“, denkt Andrea S. zurück: „Aber das Jugend- amt hilft.“

Wie, das erklärt Schönherr: Wenn Eltern Hilfe beantragen, stellt das Jugendamt zunächst fest, ob und welche Hilfe gewährt wird. Das pädagogische Team, dem er angehört, holt Einschätzungen zum Beispiel der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Lehrer ein. Dann wird nach sinnvollen und geeigneten Maßnahmen für das Kind gesucht, die dann im Hilfeplan festgehalten werden, ebenso wie die Ziele. Der Hilfeplan wird regelmäßig im Gespräch mit Jugendamt, der beteiligten Einrichtung, Eltern und dem Kind fortgeschrieben. Er dient auch der Überprüfung der Ziele und der Wahl der Mittel.

In Max’ Fall bedeutete das zunächst eine pädagogische Betreuung am Nachmittag. Als aber seine Symptome in der fünften Klasse immer schlimmer wurden, bot das Jugendamt eine Heimunterbringung an. Andrea S.: „Am Anfang war es brutal hart, mein Kind in eine Wohngruppe zu geben.“ Aber es habe Max geholfen. „Ich bin dem Jugendamt wirklich dankbar.“

Die erste Einrichtung verließ Max nach drei Monaten wieder. Die Nächste, ein heilpädagogisches Kinder- und Jugendheim am Bodensee, besuchte er bis zu seinem Abschluss jetzt im Sommer. Im Zusammenspiel mit der Uniklinik Ulm, an der Max auch medikamentös richtig eingestellt wurde, arbeitet die Einrichtung mit Verhaltenstherapie. Max hat sich nun weit besser im Griff, erzählt Andrea S.

Ab September besucht Max das Berufsbildungswerk Abensberg, das seit einigen Jahren insbesondere autistische Jugendliche auf einen Beruf vorbereitet. „Das Ziel ist, sie hinzuführen zu einem normalen Leben“, so Schönherr. Finanziert wird das von der Agentur für Arbeit, was die Ausbildung betrifft, und vom Jugendamt (pädagogische Hilfe). Finanziell beteiligen müssen sich auch die Eltern im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Max will in Abensberg die Berufe des Schreiners und des Landschaftsgärtners kennenlernen. Schafft er hier einen guten Abschluss, dann rückt sein Traumberuf in greifbare Nähe: er will Präparator werden. Schon jetzt verbringt er die Wochenenden am liebsten im Altmühltal in den Steinbrüchen auf der Suche nach Fossilien. Dass er das schaffen kann, davon ist Peter Schönherr überzeugt: „Max ist auf einem guten Weg.“

(*Namen von der Redaktion geändert)

http://www.augsburger-allgemeine.de/aichach/Max-explodiert-immer-seltener-id16527596.html

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