Donnerstag, 15. September 2011

Jugendamt Brühl im Zeugenstand


Mitarbeiter des Jugendamtes Brühl wurden am Dienstag als Zeugen im Kindestotschlag-Prozess angehört. Sie hätten den Angeklagten wenige Tage vor der vermeintlichen Tat als verantwortungsbewusst und kooperativ erlebt.

Brühl/Köln - „Der Angeklagte ist rein auf seine Vorteile bedacht, lügt, betrügt, zeigt keine spürbare Betroffenheit. Er neigt dazu, Schuld und Misslingen auf andere zu schieben. Während der Verhandlung hat er kein Bedauern gezeigt. Seine Gesten zeigen die Tendenz zur Verharmlosung. Die Voraussetzung einer verminderten Schuldfähigkeit liegt nicht vor.“ Ein düsteres Bild des angeklagten Michael F. zeichnete die sachverständige Nervenärztin gestern in der Sitzung der 11. Großen Strafkammer des Landgerichts Köln. Auch ihre Prognose für seine Zukunft sieht nicht viel besser aus. Der 29-jährige Brühler ist angeklagt, in der Nacht zum 26. November 2010 die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin so massiv geschüttelt zu haben, dass sie zwei Tage später an den Folgen der Hirnverletzung starb.
„Akute Gefährdung“

Bevor die Ärztin ihr Gutachten vortrug, wurde eine Mitarbeiterin des Brühler Jugendamtes gehört, die Mutter, Kind und Lebensgefährten wenige Tage vor dem Geschehen im Appartement von Michael F. in Brühl besucht hatte. Dieser Besuch war nach einem Telefonat mit dem Jugendamt in Ahlen, wo Mutter und Kind zuvor gelebt hatten,für dringend notwendig erachtet worden. In dem Telefongespräch hätten die Kollegen aus Ahlen von einer „akuten Kindeswohlgefährdung“gesprochen. Mit dem Ansinnen, das Kind in Obhut zu nehmen, waren die Zeuginund ein Kollege daraufhin zur Wohnung nach Vochem gefahren. Dort fanden sie einen gepflegten Haushalt vor, das Kind sei aktiv gewesen und habe die Nähe zur Mutter gesucht. Michael F. habe zunächst Kritik am Besuch des Jugendamtes geübt, sich dann aber „kooperativ“ und „verantwortungsbewusst“ gezeigt. Das Fehlen eines Bettes („ein Bett des Kindes gab es nicht, dort lagen maximal einige Matten und Kissen“) wurde nicht thematisiert. „Unser Ergebnis war recht positiv. Wir sahen keinen Anlass, das Kind in Obhut zu nehmen“, sagte die Diplom-Sozialarbeiterin (36) aus.

Obwohl die Anklage auf Totschlag lautet, gab die Kammer gestern den rechtlichen Hinweis, dass es sich bei der Tat womöglich um „Körperverletzung mit Todesfolge“ handele. Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger nahmen dazu keine Stellung. Letzterer stellte einen Beweisantrag: Da er das Schütteltrauma nicht für die Todesursache hält, bittet er um das Gutachten eines Kinderneuropathologen und eines Biomechanikers. Der Prozess wird am 28. September fortgesetzt.

http://www.ksta.de/html/artikel/1315910863170.shtml

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