Samstag, 17. Dezember 2011

Idar-Oberstein: Und wieder versagen Jugendamt und Familiengericht beim Kinderschutz!


Lautes Schluchzen und Stöhnen im Publikum, spürbare Fassungslosigkeit bei Richter, Schöffen, Anwälten und Zuschauern – erschreckende, unfassbare Details werden am zweiten Tag des Prozesses gegen ein völlig überfordertes Elternpaar aus Idar-Oberstein bekannt. Polizeibeamte, ein Mitarbeiter des Jugendamts und eine Kindergärtnerin sagten gestern als Zeugen aus.

Die Mutter (23) und der Vater (24) sollen ihre drei Kinder im Alter von wenigen Wochen bis viereinhalb Jahren bereits im vergangenen Jahr vernachlässigt, ohne Nahrung in völlig verdreckten Zimmern ohne Griffe an den Türen eingesperrt und auf übelste Art und Weise misshandelt haben.

Aufgedeckt wird der Fall im Oktober 2010, als die Mutter mit dem jüngsten Kind zu einer Vorsorgeuntersuchung geht. Die Ärztin bemerkt den lebensbedrohlichen Zustand des Säuglings und lässt ihn in ein Krankenhaus bringen. Polizei und Jugendamt dringen daraufhin in die Wohnung der Familie ein und bringen die beiden Geschwister in Pflegefamilien unter.

Absolute Stille herrscht im voll besetzten Gerichtssaal 117, als nun die Erzieherin vom Verhalten des vierjährigen Jungen berichtet. Zu ihr in den Kindergarten war der Kleine im November 2010 gekommen. Er sei stets isoliert, ängstlich, zurückgezogen gewesen und habe „nie gelacht“. Ständig seien ihm die Tränen die Wangen hinabgelaufen. Und die Traurigkeit habe sogar noch zugenommen. Oft habe der Bub eine ganze Stunde irgendwo gestanden, apathisch in die Ferne gestarrt, dabei angefangen zu schielen und mit dem Oberkörper hin und her gewippt.

Als das Kind erstmals über Mittag in der Tagesstätte bleiben soll, überschlagen sich die Ereignisse. Nach dem Mittagessen wird der Ruheraum abgedunkelt; der Junge wird unruhig, bekommt Angstzustände, fängt an zu weinen und kotet sich schließlich ein. So erzählt es die Kindergartenmitarbeiterin.

Dann habe das Kind ohne Aufforderung vorgemacht, wie der Vater auf die vollen Hosen reagiert habe: Der Junge habe sich laut Aussagen der Erzieherin zuerst an den Po gegriffen, mit einem Finger andeutungsweise Kot aufgenommen, sich dann über Zähne und Mund gewischt. Dabei habe er angeekelt das Gesicht verzogen. Nur gelegentlich habe ihn die Mutter mit Feuchttüchern sauber gemacht, habe der Junge zudem berichtet. Der Kleine habe außerdem geäußert, sein Vater habe ihm oft „den Po gehauen, bis er rot war“ und darüber hinaus „an den Haaren gerissen, bis Blut kam“.

Zuvor hatten die drei Polizeibeamten berichtet, in welch verwahrlosten Zustand sie die Wohnung im Oktober 2010 vorfanden.

Die Rolle von Jugendamt und Familiengericht blieb undurchsichtig. Schon vor dem Zugriff der Polizei gab es Hinweise seitens des Jugendamtes, dass das Wohl der Kinder gefährdet sei – im März 2010 und im September 2010. Und schon 2007 wurde laut Jugendamtsakte auch die Gefahr der Vermüllung erkannt. Immer wieder habe die Familienhilfe besagte Wohnung inspiziert, entgegnete ein Sprecher des Jugendamtes. Wann dies aber zuletzt der Fall gewesen sei, konnte er nicht sagen.

Der Prozess wird am Donnerstag, 5. Januar, mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt.

Musste es so weit kommen? Haben Behörden falsch reagiert, weggeschaut oder sogar versagt? Diese Fragen werden laut, seit sich ein Elternpaar vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss.

Über Jahre wird die Familie von Jugendamt und Familienhilfe betreut. Hinweise auf katastrophale Zustände in der Wohnung häufen sich, immer wieder neue Ansprechpartner werden installiert. Dennoch eskaliert am 25. Oktober 2010 die Lage. Die Polizei dringt in die Wohnung ein, die Kinder werden in Pflegefamilien gegeben.

Den Eltern wird nun vorgeworfen, ihre drei Kinder vernachlässigt und tagelang in völlig verdreckten Zimmern ohne Nahrung eingesperrt zu haben. Zudem soll das älteste Kind gezwungen worden sein, Erbrochenes zu essen. Mutter und Vater sollen dem Jungen zudem Kot in Mund und Gesicht geschmiert, ihn verprügelt und ihm Haare ausgerissen haben. Zeugenaussagen bestätigen dies.

Wie ein Tagebuch des Grauens

Was aber hat das Jugendamt, die die Familie bereits seit 2007 betreut, in all den Jahren getan? Welche Maßnahmen wurden ergriffen? Die Auflistung eines Jugendamtsmitarbeiters vor Gericht hört sich an wie ein Tagebuch des Grauens, zeugt zudem von Hilflosigkeit.

Bereits im September 2007 – der Junge ist eineinhalb, die Mutter erneut schwanger – werden der damals 19-Jährigen Unzuverlässigkeit und Tendenz zur Vermüllung testiert. Im Januar 2008 wird ihr ein Psychologe zur Seite gestellt, im Oktober 2008 zudem der Jugendhelfer, der sie von einst kennt.

Nach kurzer Besserung verschlechtern sich im März 2009 die Zustände. Der Junge geht nicht in den Kindergarten, die Familie verweigert die Kooperation mit den Ämtern, die Wohnung verwandelt sich langsam in eine Müllhalde.

Im Juli 2009 ist die Situation „unhaltbar“ geworden, steht in einem Hinweis ans Familiengericht. Die Kinder werden von Amts wegen bei den Großeltern untergebracht – unter der Bedingung, sie nicht den Eltern zu übergeben. Kurz danach spricht die Mutter beim Jugendamt vor, will die Kinder wieder zu sich holen. Am 13. August 2009 wird ihre Wohnung überprüft, Urteil: „in Ordnung“. Dass es sich um eine andere, neue Wohnung handelt, fällt offenbar niemandem auf.

Im September 2009 erhält die Mutter die Kinder zurück. Sie hat sich von dem Mann getrennt, sichert Zusammenarbeit zu. Die Großeltern wollen zweimal die Woche nach dem Rechten sehen. Einem ärztlichen Gutachten, das eingeholt werden soll, stimmt die Mutter ebenfalls zu.

März 2010: Das Jugendamt weist auf die Kindsgefährdung hin und empfiehlt die Einweisung der Mutter in eine Psychiatrie. Der Vater erhält von der Familienhilfe einen männlichen Ansprechpartner, „weil er mit Frauen Probleme hat“.

Im April 2010 behauptet die Mutter, einen stationären Therapieplatz gefunden zu haben. Doch die Therapie scheitert an ihrer erneuten Schwangerschaft. Am 31. August wird das jüngste Kind geboren, drei Tage später bricht der Vater den Kontakt zu den Behörden erneut ab.

Ein angeordnetes Gespräch mit den Eltern beim Jugendamt am 17. September 2010 endet im Streit über den Umfang der Hilfe für die Familie. Das Jugendamt weist das Familiengericht am 22. September erneut auf die Gefährdung der Kinder hin. Erneut geschieht nichts.

Danach kümmert sich offenbar niemand mehr um die Familie. Der Mitarbeiter des Jugendamts hat keine weiteren Aufzeichnungen, kann nicht sagen, wann ein Mitarbeiter der Familienhilfe das letzte Mal in der Wohnung war.

Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum nicht eine der beiden Hebammen, die sich im Kreis eigens um solche gefährdete Familien kümmern, in diesem Fall eingeschaltet wurde.

Der Prozess wird am Donnerstag, 5. Januar, fortgesetzt. Dann sollen ein Mitarbeiter der Familienhilfe und die Großeltern der Kinder aussagen.

Andreas Nitsch

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