Mittwoch, 21. Dezember 2011

Kinder brauchen Mütter



Kinder brauchen Mütter: Von einem Buch, das nicht erscheinen sollte
Hanne K. Götze


Galt es noch vor historisch kurzer Zeit als selbstverständlich, dass ein Kind seine Mutter brauchte, so ist jetzt die Vereinbarung von Familie und Beruf in aller Munde. Der Staat tut alles dafür, dass künftig auch Frauen möglichst lückenlos und voll erwerbstätig sein können. Bücher über diese fragwürdigen Entwicklungen gibt es nicht allzu viele auf dem Markt. Denn sie sind politisch unkorrekt und stören die Staatspläne nach einer Rund-um-die-Uhr-Fremdbetreuung schon ab den ersten Lebenswochen eines Menschen. Die Autoren solcher Warnrufe werden nicht selten medial gejagt und gesellschaftlich diskriminiert. Dieses Schicksal drohte offenbar auch mir.

In dem Spannungsfeld der Grundbedürfnisse kleiner Kinder einerseits und dem heutigen Lebens- und Rollenverständnis des Frauseins andererseits bewegt sich mein Buch Kinder brauchen Mütter. Es erschien im Frühjahr dieses Jahres im österreichischen Ares Verlag, Graz. Ursprünglich sollte es jedoch schon im Herbst 2010 in einem großen deutschen Verlag herauskommen. Doch aufgrund des Umstands, dass meine Grundhaltung nicht dem politisch-ideologischen Mainstream entspricht – so der wörtliche Einspruch der Außenvertreter des Verlages – wurde mir der bereits unterschriebene Vertrag von der Verlagsleitung wieder gekündigt. Ich fühlte mich sofort in DDR-Zeiten zurückversetzt, allerdings mit einem Unterschied: In der DDR wurde die Pressezensur im Gegensatz zu dieser hier damals »von oben« diktiert.

Mein Buch beruht auf dem Erfahrungspotenzial des Ostens, denn dort bin ich aufgewachsen und dort lebe ich bis heute. Ich beginne meine Ausführungen mit meinen eigenen schmerzlichen Erlebnissen als Krippenkind in der DDR.

Der Krippeneintritt war für mich wie die Vertreibung aus dem Paradies. Ich weiß, wie es ist, wenn die Mama geht – wie es scheint, für immer. Die von Wissenschaftlern inzwischen hinlänglich beschriebene Trennungsangst der Kinder, die sie durch das Weggehen und -bleiben der Mutter oder ggf. auch anderer Bindungspersonen erleiden, ist eine furchtbare, existenzielle Angst. Ich kam mir vor, als hinge ich über einem Abgrund und würde jeden Augenblick losgelassen. Ich weiß deshalb, was Todesangst heißt. Auch solche Schilderungen mag heute kaum jemand hören. Vielleicht ist der eigene Schmerz zu groß?

Es war mein Glück, dass meine Eltern trotz der Unannehmlichkeiten, die sie diesbezüglich im DDR-System zu erwarten und durchzustehen hatten, diesem Zustand schnell ein Ende bereiteten. Dass sie mich zu Hause behielten und mir im Weiteren eine glückliche, geborgene Kindheit schenkten, erfüllt mich immer wieder mit großer Dankbarkeit.

Diese Schlüsselerkenntnisse sowie meine Erfahrungen als vierfache Mutter und als Stillberaterin verbinde ich in meinem Buch mit den Fakten der Bindungs- und Hirnforschung. Es geht um die Fragen, was eine zu frühe Trennung eines Kindes von seiner Mutter für das Kind bedeutet und was diese Stressbelastung für unmittelbare Folgen und langfristige Risiken haben kann. Lern- und Verhaltensprobleme von Kindern und Jugendlichen, seelische Krankheiten, Beziehungsnot in der Partnerschaft sowie Schwierigkeiten von Eltern mit ihren kleinen und großen Kindern und die damit verbundene große persönliche Not sind im Osten Deutschlands nach zwei bis drei Krippengenerationen so verbreitet, dass ich immer wieder von Neuem betroffen bin.

Es gibt im Osten keine paradiesischen psychosozialen Verhältnisse, so wie sie die »Frühförderung in Krippen« angeblich bewirken soll. Die Depression wird zur Volkskrankheit, die psychiatrischen Kliniken sind voll. Wir haben z. B. dreimal so viele Kinder wie im Westen, die mit ADHS in einer Klinik behandelt werden müssen. Mit Blick auf die oben beschriebenen Zusammenhänge zwischen Bindung und Gehirnentwicklung sehe ich die tiefsten Ursachen dafür in dem jeweilig erlittenen Liebesdefizit. Die seit 1991 laufende, von zehn amerikanischen Universitäten durchgeführte NICHD-Studie kommt zu folgenden gleichlautenden Ergebnissen:

Je eher und je länger Kleinkinder in Kindereinrichtungen betreut wurden, »... desto aggressiver und ungehorsamer haben die Lehrer sie in der Grundschule bis hinauf in das 12. Lebensjahr bewertet.«[1] Dieser Effekt trat »nach jeder, auch nach hochqualitativer Gruppenbetreuung« ein, unabhängig vom Familienhintergrund.[2]

Bezüglich der Frage, ob und inwieweit sich eine frühe Stressbelastung auf die spätere Stressverarbeitung auswirkt, kam die NICHD-Studie zu folgendem Ergebnis: Sowohl frühkindliche emotionale Vernachlässigung als auch die Betreuung in Krippen, selbst bei hoher Qualität, ist mit dauerhaften Veränderungen der Kortisol-Tagesprofile und damit der Stressverarbeitung verbunden und somit als Risiko für die psychische Entwicklung einzustufen.[3]

Ein weiteres spektakuläres Untersuchungsergebnis ist: »Die negativen Effekte von emotionaler Vernachlässigung und Krippenbetreuung waren additiv wirksam, die Tagesbetreuung konnte also ungünstige Einflüsse des familiären Umfeldes nicht kompensieren oder abschwächen.«[4]

Damit fällt ein Hauptargument für die Vorteile der Krippenbetreuung weg, nämlich das der vermeintlichen Chancengleichheit für Kinder aus schwierigem Familienhintergrund. Aufgrund dieser Fakten sowie vor dem Erfahrungshintergrund des Ostens plädiere ich dafür, das Wohl der Kinder und der ganzen Familie in den Blick zu nehmen. Die folgenden familienpolitischen Akzente wären denkbar und notwendig:

Die Einführung eines Erziehungsgehaltes (in Höhe des Durchschnittslohnes), das echte Wahlfreiheit herstellte, wobei es in der Hand der Eltern läge, ob sie ihr Kind selbst betreuen oder ob sie sich mit diesem eine qualitativ hohe Betreuung »einkaufen« wollen (z. B. eine Tagesmutter)

Das Angebot von Elternschulen, um auf die Herausforderung des Elternseins vorzubereiten, sowie von Elternsupervision bzw., wenn nötig, das Angebot einer familientherapeutische Begleitung von Eltern

Eine wirkliche Erleichterung des beruflichen Wiedereinstiegs nach einer (ggf. auch längeren) Kinderphase usw.

Schritte in diese Richtung wären modern und dringend an der Zeit. Nur so werden wir die derzeitigen und zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen bestehen.

Die Frage bleibt nur: Werden wir uns dafür entscheiden? Werden wir uns in unserer Gesellschaft auf die Liebe besinnen?

Hanne K. Götze


Kinder brauchen Mütter: die Risiken der Krippenbetreuung – Was Kinder wirklich stark macht, Ares Verlag Graz, 19,90 €


Anmerkungen:

[1] Belsky, Jay: »Kleinkindergruppen-Fremdbetreuung und Kindesentwicklung in den Grundschuljahren«, in: Herman, Eva/ Steuer, Maria, u. a. (Hrsg.): Mama, Papa oder Krippe? Erziehungsexperten über die Risiken der Fremdbetreuung, Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2010 S. 137

[2] Ebenda, S. 137

[3] Böhm, Rainer: »Auswirkungen frühkindlicher Gruppenbetreuung auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern«, in: Kinderärztliche Praxis 82 (2011) Nr. 5, S. 318, www.kinderaertzliche-praxis.de

[4] Ebenda, S. 318

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/hanne-k-goetze/kinder-brauchen-muetter-von-einem-buch-das-nicht-erscheinen-sollte.html;jsessionid=60EE245128F178009F4F1DFDEE06460A

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