Samstag, 29. Oktober 2011

Ein bisschen Alltag mit dem Kind - Väter nach der Trennung


Münster - Zwölf Männer sitzen in einem Café an der Hammer Straße in Münster zusammen. Der eine ist Jurist, der andere lebt von Hartz IV. Einer kommt aus Münster und ein anderer aus dem Ruhrgebiet. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Nur eines verbindet diese Männer: Sie dürfen ihre Kinder seit der Trennung kaum noch sehen. Eine Situation, in die theoretisch jeder Vater geraten könnte.

„Ich war über zwanzig Jahre mit meiner Frau zusammen, jetzt erkenne ich sie nicht wieder“, sagt Thomas Weber* und schaut auf die Tischplatte. Er ist das erste Mal beim Stammtisch vom Verein „Väteraufbruch für Kinder“. Zwei Stunden hat er ungläubig den Geschichten der Männer gelauscht, den Blick kaum gehoben. Er erkennt Muster wieder.


Wie er wurden viele von ihnen des Missbrauchs bezichtigt, von ihren Ex-Frauen ausgesperrt und immer wieder vor Gericht gezerrt. Es sind die Fortsetzungen von Trennungsgeschichten. Wenn das Geschirr geflogen und der Sorgerechtsstreit schon verloren ist, ist der Streit in manchen Fällen noch lange nicht vorbei.

So auch bei Dirk Müller. Er kämpft seit sechs Jahren um eine einigermaßen normale Beziehung zu seinem Sohn. „Die Mutter meines Kindes hat seit der Trennung jede Möglichkeit genutzt, den Kontakt so stark es geht einzuschränken“, sagt er. „Es ist in Deutschland möglich, während eines gesamten Sorgerechtsverfahrens und darüber hinaus die Kommunikation zu verweigern.“

Im Fall von Dirk Müller begann es im Sommer 2005. Seine Frau trennte sich von ihm und verweigerte von heute auf morgen weitere Treffen mit ihrem Ex. Damit der Kontakt zu seinem damals sechs Monate alten Sohn nicht komplett abbrach, zog der Vater vor Gericht. „Von da an kommunizierten wir nur noch über unsere Anwälte. Über ein halbes Jahr dauerte es, bis der Umgangsbeschluss vor dem Gericht durch war“, erinnert sich Müller. Als er seinen Sohn dann endlich wiedersah, war er bereits 14 Monate alt. Alle zwei Wochen darf er ihn seitdem treffen.


»Es geht um meinen Sohn und sein Recht auf seinen Vater«

- Dirk Müller, Vater

Über die ersten Jahre der „Übergaben“ bei den Väterwochenenden zu sprechen, fällt Dirk Müller schwer. „Meine Frau hat das Kind einfach auf den Flur gestellt und die Tür zugezogen. Ein Bekannter ist dann die Treppen in den vierten Stock hinauf gesprintet und hat mir meinen Sohn gebracht“, erzählt er. Die Fronten waren massiv verhärtet, und rechtlich konnte der Vater kaum gegen das Verhalten seiner Ex vorgehen. „Wie die Übergabe des Kindes gestaltet wird, obliegt der Mutter“, sagt er.

Karl Materla hat als Vertreter des Jugendamtes in Münster häufig mit Eltern zu tun, bei denen der Streit eskaliert ist. „Wenn Menschen sich im Alltag massiv überwerfen, dann ist der Staat nur bedingt in der Lage einzugreifen“, sagt er. „Kinder- und Elterninteressen kollidieren gelegentlich“.

Im Fall von Dirk Müller sorgte dieser Umstand dafür, dass seine frühere Partnerin immer wieder Mittel und Wege fand, die Kommunikation zu unterbinden, so der Vater. „Ich hatte bereits drei einstweilige Verfügungen wegen Stalkings am Hals“, sagt er. Die Behauptungen seien jedes Mal vollkommen abstrus gewesen. Aber so lange das Verfahren lief, wurde das Umgangsrecht aufgehoben. An anderen Umgangstagen sei der Sohn plötzlich krank geworden, ein Treffen angeblich unmöglich gewesen. Und dann der Gipfel: Die Mutter zieht nach Ostdeutschland und lässt per Anwalt nachfragen, ob denn bei der langen Anfahrt ein Umgangsrecht alle zwei Wochen überhaupt noch realistisch sei.

„Natürlich fahre ich da alle zwei Wochen hin“, sagt Dirk Müller. „Es geht schließlich um meinen Sohn und sein Recht auf seinen Vater.“ Inzwischen bildet er eine Fahrgemeinschaft mit einem Mann, der ebenfalls mit seiner Ex ein Kind hat. „Papa, ich habe jetzt eine Schwester“, so erfuhr Dirk Müller durch seinen Sohn vom Nachwuchs. Die Mutter hatte er während der gesamten Schwangerschaft nicht gesehen.

Die beiden Väter haben aus der Not eine Tugend gemacht: Um Geld zu sparen, fahren sie regelmäßig gemeinsam in den Osten Deutschlands und mieten dort eine Ferienwohnung. Ein Wochenende lang leben sie mit ihren Kindern als Patchwork-Familie - an einem Ort, zu dem die Väter ansonsten keinen Bezug haben.


»Wie die Übergabe des Kindes gestaltet wird, obliegt der Mutter.«
- Dirk Müller

„Kinder sind nicht selten das Opfer der Mobilitätserwartungen ihrer Eltern. Gesetzlich lässt sich das kaum regeln. Das Grundrecht auf freie Berufs- und Wohnsitzwahl wiegt in Deutschland schwer“, sagt Karl Materla vom Sozialamt. Dirk Müller entgegnet: „In Frankreich und in den USA müssen sich Eltern eines gemeinsamen Kindes in einem bestimmten Radius niederlassen.“

Dirk Müller ist kein negativ eingestellter Mensch. Er übt gerne seinen Beruf aus, hat viele Freunde, mit denen er oft unterwegs ist. Er will nicht jammern. Er will nur, was seiner Meinung nach recht ist. „Wir Väter in diesem Verein machen uns einfach große Sorgen um unsere Kinder. Wir haben ja kaum noch Einfluss auf ihre Erziehung“, sagt er.

Das gilt für fast alle Väter bei Treffen. Teilweise haben sie ihre Kinder seit Monaten nicht mehr gesehen. Die Trauer darüber wiegt schwer. „Bei den Entscheidungen vor dem Familiengericht geht es immer um das Kindeswohl. Die Faktenlage interessiert kaum“, sagt Dirk Müller. Zustimmend nicken die anderen Väter im Café an der Hammer Straße. Sie haben alle ihre Erfahrungen gemacht. Denn was so einleuchtend klingt, ist für die Väter nicht immer nachvollziehbar. „Meine Frau hat eigentlich alles getan, um mich von meinem Kind fernzuhalten. Und nicht nur mich. Auch meine Eltern haben ihre Enkeltochter kaum noch zu Gesicht bekommen“, erzählt Vater Andreas Klinger beim Vätertreff.

Vor dem Familiengericht habe der zuständige Familienrichter durchaus anerkannt, dass die Mutter sich dem Vater gegenüber unkooperativ verhalten habe. Dennoch wurde zum Kindeswohl entschieden, dass das Umgangsrecht mit dem Vater eingeschränkt und die Tochter bei der Mutter bleibe. „Lassen Sie doch erst mal Ruhe einkehren“, hatte der Richter Andreas Klinger gesagt. „Aber ich bin doch kein Störenfried, ich bin der Vater“, sagt Klinger.

„Die Familienrichter müssen zum Kindeswohl entscheiden, so hart das im Zweifelsfall für einen Vater auch sein kann“, sagt Karl Materla vom Jugendamt. Oft habe nun einmal die Mutter das alleinige Sorgerecht und die ersten wichtigen Entscheidungen im Leben des Kindes getroffen - zum Beispiel die Wahl des Kindergartens, der Schule, des Hausarztes, des Therapeuten, der Wohngegend. Dort plötzlich einzugreifen und das Kind aus seinem gewohnten Umfeld herauszureißen, könne schwerwiegende Folgen haben. Das könne im Extremfall aus väterlicher Sicht schwer nachvollziehbar sein.

„Es gibt allerdings seit 2009 ein neues Familienverfahrensgesetz, das stärker auf elterliches Einvernehmen hinwirkt“, sagt Karl Materla. Konkret bedeutet das: Das Gericht erkennt an, dass beide Eltern auch nach der Trennung für ihre Kinder verantwortlich sind. Und aus dieser Logik heraus bringt es die Eltern an einen Tisch, um so einen „sanften Einigungszwang“ zu erzielen. Dahinter stecke die Idee, sehr schnell nach der Trennung unter der Moderation eines Familienrichters zu einer Lösung zu kommen, mit der beide Eltern gut leben könnten. „Wir halten das für sehr sinnvoll, weil sich so Konflikte nicht über lange Zeiträume verhärten müssen“, sagt Materla.

Trotz der positiven Entwicklung an den Familiengerichten fühlen sich nicht wenige Väter allein gelassen. Hier hilft der Verein „Väteraufbruch für Kinder“. Im Café unterstützen sich die Männer gegenseitig - mit Tipps, Informationsmaterial, Statistiken, Fallbeispielen und Verhaltensweisen. „Wenn du als besorgter Vater emotional aufgewühlt beim Jugendamt aufschlägst, hast du gleich schlechte Karten“, rät ein anwesender Psychologe. „Versuche ruhig und sachlich zu bleiben.“


»Die große Mehrheit kann sich außergerichtlich einigen.«

- Tilmann Spieker, Väteraufbruch

Es ist ein spezielles Klientel, das sich hier trifft. Es sind jene Männer, die sich mit ihren Frauen nicht einigen können, denen nur der Weg über das Familiengericht bleibt, um ein halbwegs normaler Vater sein zu dürfen. „Zum Glück ticken viele Frauen anders, sonst wäre der Verein viel größer“, sagt Tilmann Spieker, Leiter des Vätertreffs in Münster. „Die große Mehrheit der geschiedenen oder getrennten Eltern kann sich tatsächlich außergerichtlich einigen. Aber es gibt eben auch die, bei denen das nicht funktioniert. In solchen Fällen haben Väter einfach die schlechteren Karten“, sagt er.

Zahlen bestätigen seine Aussage. 17 763 Paare aus NRW konnten sich im letzten Jahr nach der Trennung auf ein gemeinsames Sorgerecht einigen. 971 Mal ging das alleinige Sorgerecht an die Mutter, in lediglich 103 Fällen an den Vater.

„Das deutsche Familienrecht war in der Vergangenheit tendenziell eher an den Müttern orientiert“, sagt Sozialarbeiter Karl Materla. Dass sich das nun ändert, daran sei jedoch in den vergangenen Jahren vom Gesetzgeber gearbeitet worden. „Familiengerichte sind heutzutage stärker bemüht, die Pflichten und Rechte beider Elternteile gleichermaßen einzufordern.“

Auf ein Umdenken hoffen auch die Väter vom Verein „Väteraufbruch für Kinder“. Die Gläser auf den Tischen sind inzwischen geleert. Thomas Weber hat seinen Mantel genommen und das Treffen verlassen. Es war ein intensiver Abend. Ob er wiederkommt, bleibt offen. Bisher hat er sich nicht wieder an Vätertreff-Leiter Tilmann Spieker gewandt. Aber eines dürfte er ganz sicher mitgenommen haben. Er ist mit seinen Sorgen nicht allein.

* Namen und Wohnorte der betroffenen Väter wurden von der Redaktion geändert.

Neues Kinderschutzgesetz verabschiedet. Nur wer schützt die Kinder vor unberechtigten Inobhutnahmen durch das Jugendamt?

Bundestag beschließt neues Gesetz. Ministerin spricht von "Meilenstein"

Der Bundestag hat einen besseren Schutz von Kindern vor Missbrauch und Vernachlässigung beschlossen. Dies soll durch eine Vernetzung der zuständigen Stellen und den Einsatz von Familienhebammen geschehen. Dazu verabschiedete das Parlament mit den Stimmen der Regierungskoalition bei Enthaltung der Fraktionen von SPD, Grünen und Linken ein Bundeskinderschutzgesetz. Weitere Entschließungsanträge der Opposition wurden durch Union und FDP abgelehnt. Dem Gesetz muss nun der Bundesrat zustimmen. Einige Bundesländer kritisieren aber die Finanzierung.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sprach von einem "Meilenstein" für den Schutz von Kindern. Die Regelung fand inhaltlich fraktionsübergreifend Zustimmung. Unterschiedliche Meinungen gab es allerdings über die Finanzierung der Familienhebammen. Ferner kritisierte die Opposition, dass das Gesundheitsministerium nicht einbezogen worden sei. Mit ihrem Gesetzentwurf reagiert die Bundesregierung auf eine steigende Zahl bekannt gewordener Fälle von Vernachlässigungen sowie auf Ergebnisse der Runden Tische gegen sexuelle Gewalt und zur Heimerziehung. Schröder erinnerte an tragische Todesfälle wie bei den Kleinkindern Jessica, Kevin und Lea-Sophie. Sie hatten bundesweit für Erschütterung gesorgt.

Die Regierung setzt nun auf örtliche Netzwerke sowie frühe Hilfen während der Schwangerschaft und der ersten Erziehungsjahre. Dazu sollen eigens ausgebildete Hebammen Familien in Schwierigkeiten begleiten. Zudem sollen hauptamtliche Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe generell ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Bei ehrenamtlichen Mitarbeitern müssen die Träger hierüber entscheiden.

Verbessert werden soll auch die Zusammenarbeit der Jugendämter. Zieht eine Familie um, werden auch die Akten an das neue Jugendamt weitergereicht. Bisher hatten sich auffällige Familien oft durch das sogenannte Jugendamt-Hopping dem Zugriff der Behörden entzogen. Schließlich sollen Berufsgeheimnisträger wie Ärzte bundeseinheitlich Rechtssicherheit bei der Weitergabe von Informationen erhalten. Für die Familienhebammen stellt der Bund für die kommenden vier Jahre 120 Millionen Euro bereit. Dann könne über eine Verstetigung gesprochen werden, sagte Schröder. Sie appellierte eindringlich an die Länder, dem Gesetz zuzustimmen. Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern haben angekündigt, den Vermittlungsausschuss anzurufen, wenn nicht nachgebessert werde. Länder und Kommunen fürchten, die Kosten später allein tragen zu müssen.


Die Vorsitzende des Bundestagsfamilienausschusses, Sibylle Laurischk (FDP), sprach von einer "neuen, vernetzten Vorgehensweise" zum Schutz der Kinder. Dorothee Bär (CSU) betonte, dass die Regelung den Schutz wesentlich erhöhe. Es könne aber keine absolute Sicherheit geben. Die FDP-Familienpolitikerin Miriam Gruß hob den Präventionscharakter der Regelung hervor. Die SPD-Familienpolitikerin Marlene Rupprecht forderte eine Kostenübernahme für die Familienhebammen auf ein halbes Jahr durch den Gesundheitssektor. Caren Marks (SPD) verwies auf den Kostendruck von Ländern und Kommunen und warf dem Gesundheitsministerium vor, sich "weggeduckt" zu haben. Einen Rechtsanspruch auf Beratung verlangte die Grünen-Familienpolitikerin Ekin Deligöz. Auch sie beklagte eine fehlende Einbindung des Gesundheitsministeriums und eine unzureichende Kostenabschätzung.

Wer schützt unsere Kinder vor sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung und Misshandlung in Jugendhilfeeinrichtungen ?

Freitag, 28. Oktober 2011

ZDF: Kampf ums Kind - Wenn Gutachten Familien zerstören

Bitte Link anklicken und Video anschauen!
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1476038/ZDFzoom-Kampf-ums-Kind

Bitte die einzelnen Seiten anklicken, um lesen zu können. Sollte die Schrift zu klein sein, dann bitte oben rechts Seite anklicken, dann auf zoom und gewünschte Lesegröße einstellen.




Mittwoch, 26. Oktober 2011

"Missbrauch als System - Wer schützt unsere Kinder?"

Die Enthüllungen über unfassbare Vorgänge im früheren Kinderheim Wilhelminenberg erschüttern die Öffentlichkeit. Über Jahre hinweg sollen Kinder missbraucht und prostituiert worden sein. Die Vorwürfe waren der Stadt Wien seit den 70er Jahren bekannt. Auch in den anderen Bundesländern melden sich mittlerweile hunderte Opfer zu Wort. Wurden die Vorgänge jahrzehntelang vertuscht? Wie soll jetzt mit den Opfern umgegangen werden, da die meisten Vorfälle bereits verjährt sind? Und wie geht es heute Kindern in öffentlichen Betreuungseinrichtungen?
Darüber diskutieren bei Ingrid Thurnher "IM ZENTRUM":

Karin Scheele - NÖ Landesrätin, SPÖ,

Reinhard Haller - Gerichtspsychiater,

Irmtraud Karlsson - Studienautorin,

Johannes Öhlböck - Opferanwalt,

Frau Susanne - Opfer

Bitte Link anklicken!

http://tvthek.orf.at/programs/1279-Im-Zentrum/episodes/3070351-im-ZENTRUM

Wieso schotten sich deutsche Jugendhilfeeinrichtungen ab und lassen keinen Kontakt zu den Kindern zu?

Dienstag, 25. Oktober 2011

Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung in Sorge- und Umgangsstreitigkeiten

Eckard Wiedenlübbert, Richter am Oberlandesgericht Naumburg, führte die Teilnehmer in die juristische Sicht auf Umgangsentscheidungen ein. Er betonte dabei, wie sehr Richter an dieser Stelle auf qualifizierte Zuarbeit von Psychologen und Pädagogen angewiesen sind, wenn sie den unbestimmten Rechtsbegriff „Kindeswohl“ mit Leben füllen wollen.

Einer der zentralen und häufigsten verwendeten Begriffe im Zusammenhang mit jeder Diskussion über die Themen Sorgerecht und Umgangsrecht ist der Begriff des Kindeswohls, im BGB auch als "Wohl des Kindes" umschrieben. Und zwar nicht nur in der juristischen Praxis, sondern auch in allen anderen Bereichen die sich mit dieser Problematik auseinandersetzen. Im folgenden geht es ausschließlich um den Begriff der Kindeswohls aus juristischer Sicht, andere Professionen können ein durchaus anderes Begriffsverständnis haben, welches natürlich im folgenden nicht in Frage gestellt werden soll.

Zunächst ist festzustellen dass der Begriff Kindeswohl im Gesetzestext des BGB mehrfach verwendet wird, so wird z.B in § 1697 a BGB das Kindeswohlprinzip ausdrücklich als gerichtlicher Entscheidungsmaßstab bestimmt, eine abstrakte Definition erfolgt aber nicht. Den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts lässt sich nicht nur entnehmen, dass das Wohl des Kindes oberstes Regelungsprinzip gerichtlicher Entscheidungen sein muss und dem entgegenstehende Interessen der Eltern dahinter zurückstehen müssen , sondern auch, dass das Kindeswohl immer der konkreten Situation entsprechend bestimmt werden muss . Eine abstrakte Definition ist deshalb eher ausgeschlossen und wäre in Anbetracht der vielfältigen möglichen Lebenssachverhalte einerseits und der Unflexibilität einer starren Definition anderseits auch wenig hilfreich im Rahmen der konkreten gerichtlichen Entscheidungsfindung. Gleichwohl zeigt die tägliche gerichtliche Praxis, dass mit diesem Begriff sachgerecht gearbeitet werden kann und nachvollziehbare, gute Entscheidungen gefunden werden können. Um zu verdeutlichen wie dies geschieht, muss man sich zunächst die Funktionen des Kindeswohlbegriffs vor Augen führen.



Die Funktion des Kindeswohlbegriffs

Eingriffslegitimation in Elternrechte

So ist das Wohl des Kindes eine Legitimation für den Staat in Ausübung seines ihm übertragenen Wächteramtes in grundrechtlich geschützte Elternrechte einzugreifen. Beispielhaft sei hier, weil die mit dem Begriff verbundene Eingrifflegitimation am deutlichsten erkennbar, § 1666 BGB erwähnt, der bei Gefährdung des Kindeswohls dem Gericht gestattet, die notwendigen Maßnahmen zur Gefahrenabwehr zu ergreifen, bis hin zum Entzug der elterlichen Sorge.

Entscheidungsmaßstab für gerichtliche Entscheidungen

Aus der Norm des § 1666 BGB lässt sich ebenfalls klar entnehmen, dass, wie in § 1697 a BGB klarstellend erwähnt, das Kindeswohl gleichfalls auch Maßstab der gerichtlichen Entscheidung sein muss. Zwar gestattet § 1666 BGB die zur Abwehr einer Kindeswohlgefährdung notwendigen Maßnahmen zu treffen, darüber hinausgehende gerichtliche Entscheidungen sind hingegen unzulässig.
Für den zur Entscheidung berufenen Richter, bzw. die Richterin, hat dies zur Folge, dass in jedem Einzelfall anhand des zur Entscheidung anstehenden Sachverhaltes der Kindeswohlbegriff neu bestimmt werden muss.

Hierzu bietet die Generalklausel des § 1666 Abs. 1 BGB erste Anknüpfungspunkte. Dort wird ausdrücklich zwischen dem körperlichen, geistigen und seelischem Wohl des Kindes unterschieden. Das somit auf jeden Fall die körperliche Integrität des Kindes geschützt wird und entsprechende Gefährdungen durch Schlagen oder andere unmittelbare Eingriffe meistens relativ einfach zu erkennen sind ist nahe liegend. Hiermit korrespondiert auch die Regelung des § 1631 b Abs. 2 BGB. Wenn auch § 1631 b Abs. 2 BGB keine Eingriffsgrundlage für staatliches Handeln bietet, so ist doch durch diese Norm klargestellt, dass die Kindererziehung gewaltfrei zu erfolgen hat und deshalb Gewaltanwendung dem Kindeswohl widerspricht. Die beiden anderen Elemente „geistiges und seelisches Wohl des Kindes“ lassen sich unter anderem durch die im Gesetz genannten Erziehungsziele konkretisieren. In § 1626 Abs. 2 Satz 2 BGB werden die Eltern verpflichtet, die wachsenden Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes zu „selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln“ zu berücksichtigen, während in § 1627 BGB klargestellt wird, dass die elterliche Sorge zum Wohle des Kindes auszuüben ist. In § 1 SGB VIII ist ausdrücklich das Recht jedes jungen Menschen auf Förderung seiner Entwicklung und Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit als staatliche Handlungsmaxime festgelegt.

Aus §§ 1632 Abs. 4 und 1666 a Abs. 1 BGB können noch weitere Gesichtspunkte abgeleitet werden, die bei der Beantwortung der Frage nach dem Kindeswohl zu beachten sind. So sind bei einer Entscheidung neben der Kontinuität und Stabilität der Betreuungs- und Erziehungsverhältnisse, sowie hiermit korrespondierend die inneren Bindungen des Kindes, und letztlich der familiäre Gesamtzusammenhang zu berücksichtigen. Darüber hinaus sind auch außerrechtliche Maßstäbe und wissenschaftliche Erkenntnisse unter Umständen erheblich, hier sei beispielhaft nur die Möglichkeit der Einholung eines Sachverständigengutachtens zur Feststellung von Bindungsqualitäten erwähnt. Als letzter und gleichzeitig auch wichtiger Gesichtpunkt wird der Kindeswille Beachtung finden müssen.

Kindeswohlbegriff in Umgangsstreitigkeiten

Auch auf die Frage nach dem Kindeswohl in Umgangsstreitigkeiten bietet das Gesetz Anhaltspunkte zur Auslegung des Begriffs Kindeswohls. Zwar sind der Umgang und die Eingriffsmöglichkeiten des Familiengerichts in das Umgangsrecht in der Eingriffsgrundlage § 1684 BGB geregelt, aber bei der Anwendung des § 1684 BGB ist immer die grundsätzliche Regelung in § 1626 Abs. 3 BGB zu beachten, wo der Gesetzgeber unter der Überschrift „ Elterliche Sorge, Grundsätze“ ausdrücklich feststellt, dass es zum Wohle des Kindes in der Regel gehört, Umgang mit beiden Elternteilen zu haben, unter bestimmten Voraussetzungen auch mit Dritten Personen. Hieraus folgt, dass der Umgang mit dem anderen Elternteil grundsätzlich dem Wohl des Kindes dient und dies unabhängig davon, ob die Eltern miteinander verheiratet sind, verheiratet waren oder welcher der beiden Elternteile Sorgerechtsinhaber ist. Eine Einschränkung dergestalt, dass der Umgang ausgesetzt, eingeschränkt oder gar ausgeschlossen werden kann, ist deshalb nur dann möglich, wenn vorher durch das Gericht festgestellt wird, dass durch eine andere Umgangsregelung dem Kindeswohl geschadet wird.

Zweck und Inhalt des Umgangsrechts

Aus der Formulierung von § 1684 Abs. 1 BGB „das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil, jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind berechtigt und verpflichtet“ ist eindeutig zu entnehmen, dass neben den bereits erwähnten Umgangsrechten der Eltern auch das Kind ein eigenes Recht auf Umgang mit den jeweiligen Elternteilen hat. Darüber hinaus gibt § 1684 Abs. 2 BGB den Eltern auf, alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeinträchtigt , was im konkreten Fall auch eine aktive Förderungspflicht zur Umgangswahrnehmung bedeuten kann In § 1684 Abs. 3, 4 BGB ist dann näher geregelt, wieweit das Gericht in das Umgangsrecht eingreifen, bzw. das Umgangsecht gestalten kann.

Bevor jedoch diese Kompetenzen näher beschrieben werden, eine kurze Rekapitulation dessen, welche Bedeutung das Umgangsrecht im einzelnen hat, weil sich hieraus letztlich die Grenzen gerichtlicher Gestaltungsmöglichkeiten und gerichtlicher Eingriffsbefugnisse ergeben. Wesentlichster Aspekt des Umgangsrechts ist die Befugnis des Umgangssuchenden das Kind in regelmäßigen Abständen persönlich zu sehen und zu sprechen, und zwar ohne Gegenwart einer Aufsichtsperson .

Denn Zweck des Umgangsrechts ist es, dem Betreffenden laufend die Möglichkeit zu geben, sich von dem Wohlergehen des Kindes zu überzeugen und einer Entfremdung vorzubeugen . Da § 1684 BGB den „Umgang“ und nicht wie § 1634 BGB a.F. den „persönlichen Umgang“ regelt, ist nunmehr klar, das telefonischer oder brieflicher Kontakt auch Ausübung des Umgangsrechts ist und von § 1684 BGB mit umfasst wird. Mit dem Argument, es bestehe regelmäßiger telefonischer oder brieflicher Kontakt, kann aber persönlicher Kontakt nicht unterbunden oder vermieden werden, eine entsprechende Entscheidung wäre im Ergebnis ein Ausschluss des Umgangsrechts. D.H. sie wäre nur unter den Voraussetzungen eines Umgangsausschlusses zulässig.

Dem Umgangssuchenden soll nicht die Möglichkeit der Erziehung des Kindes gegeben werden, hierzu ist die Inhaberschaft der elterliche Sorge notwendig, sei es auch gemeinsam mit dem anderen Elternteil. Das Umgangsrecht ist als Bestandteil der elterlichen Sorge verfassungsrechtlich geschützt . Insoweit sei hier darauf hingewiesen, dass das Umgangsrecht höchstpersönlich und unverzichtbar ist mit der Folge, dass Vereinbarungen in denen auf die Ausübung des Umgangsrechts verzichtet wird, grundsätzlich gemäß § 134 BGB nichtig sind. Wird im Rahmen einer solchen Vereinbarung im Gegenzug eine Freistellung von Unterhaltsansprüchen vereinbart, liegt darüber hinaus auch ein Verstoß gegen die guten Sitten vor. Lediglich dann, wenn der Umgangsverzicht dem Kindeswohl dient, kann eine entsprechende Vereinbarung zulässig sein . Da allerdings im Streitfall wegen der widerstreitenden Interessen den Eltern wohl die notwendige Sachkompetenz fehlen dürfte um zu beurteilen, ob die Vereinbarung dem Kindeswohl dient, wäre eine zulässige Regelung wohl nur innerhalb eines gerichtlichen Verfahrens zu schließen. Zumindest dürfte vor einer entsprechenden Regelung zwischen den Eltern kompetente Hilfe von außen notwenig sein, etwa durch Beteiligung des Jugendamtes. Auch eine Verwirkung des Umgangsrechts, selbst durch jahrelange Nichtausübung, kann nicht erfolgen . Nur wenn hierdurch bereits eine Entfremdung eingetreten ist und durch neuen Kontakt eine Kindeswohlgefährdung einträte, kann unter Umständen in seltenen Ausnahmefällen allein bereits durch die Nichtausübung des Umgangsrechts ein Ausschluss desselben gerechtfertigt sein.

Die Eingriffsbefugnisse des Gerichts im Einzelnen

§1684 Abs. 3 BGB

Durch die Regelung des § 1684 Abs. 3 BGB soll dem Gericht die Möglichkeit gegeben werden, Handlungen eines anderen Elternteils zu begegnen, die die Ausübung des Umgangsrechts erschweren oder verhindern. In diesen Bereich gehören die Fälle, in denen, ohne dass das Umgangsrecht als solches streitig ist, dessen nähere Ausgestaltung problematisch ist. Wenn etwa die Verweildauer beim anderen Elternteil, die Häufigkeit der Besuche, ob die Besuche mit oder ohne Übernachtung erfolgen sollen, streitig sind. Auch die Fälle der streitigen Ferienregelung gehören in diesem Bereich. Hier wird in der Regel, wenn auch häufig erst im Rahmen einer mündlichen Erörterung vor Gericht, eine gütliche Einigung zu erzielen sein. Es sei Hinweis erlaubt, dass eine solche Einigung nur dann vollstreckbar ist, wenn sie in Form einer vollzugsfähigen gerichtlichen Verfügung vorliegt . Um jeden Zweifel von vornherein auszuschließen, ist es sinnvoll, einen Vorschlag zu unterbreiten, der dann vom Gericht ausdrücklich „bestätigt“ oder genehmigt wird, aber auch als eigene Entscheidung in Beschlussform übernommen werden kann. Darüber hinaus muss die Regelung inhaltlich so genau formuliert werden, dass sie vollstreckbar ist . D.h., der zeitliche Beginn der eigentlichen Regelung ist genau zu bestimmen, möglichst mit Datum oder des genauen Wochenendes an dem der Umgang beginnen soll. Ratsam ist es insofern auch, die Frage der Abholung und des Zurückbringens einschließlich der Uhrzeit zu regeln.

§ 1684 Abs. 4 BGB

Hier sind die Regelungsbefugnisse des § 1684 Abs. 4 BGB unter dem Aspekt, wann ein Ausschluss des Umgangsrechts möglich ist, zu beachten. Nach § 1684 Abs. 4 Satz 1 BGB kann der Vollzug einer früheren Entscheidung eingeschränkt oder ausgeschlossen werden, soweit dies zum Wohle des Kindes erforderlich ist. Diese Regelung ist aber immer zusammen mit § 1684 Abs. 4 Satz 2 BGB zu lesen, wonach eine frühere Entscheidung über das Umgangsrecht oder das Umgangsrecht selbst für längere Zeit oder auf Dauer eingeschränkt oder ausgeschlossen werden kann, wenn anderenfalls das Kindeswohl gefährdet wäre. Hieraus muss geschlossen werden, das die Regelung des § 1684 Abs. 4 Satz 1 BGB nur Maßnahmen von kurzer Dauer gestattet, während zeitlich längere Regelungen nur unter den Voraussetzungen des § 1684 Abs. 4 Satz 2 BGB zulässig sind.

Zeit, Dauer

Welche Zeiträume unter den Begriff der längeren Zeit zu subsumieren sind, wird objektiv bestimmt werden müssen, allerdings unter Beachtung des Alters der Kinder und der im konfliktfreien Normalfall angemessenen Umgangshäufigkeit.

Kindeswohlgefährdung/dem Kindeswohl dienlich

Aus den Formulierungen „ für das Kindeswohl erforderlich“ und Gefährdung des Kindswohls ergib sich jeweils eine unterschiedlich hohe Eingriffsschwelle für das Gericht und das bei seiner Entscheidung oberstes Regelungsprinzip das Kindeswohl ist . Dementsprechend sind alle Maßnahmen, die der Förderung dieser Ziele dienen, sicherlich dem Kindeswohl dienlich. Zeitlich kurze Umgangsregelungen gemäß § 1684 Abs. 4 Satz 1 BGB sind deshalb wesentlich eher gestattet, als solche nach § 1684 Abs. 4 Satz 2 BGB. Denn aus der Feststellung, dass eine Maßnahme für das Kindeswohl erforderlich ist, kann nicht geschlossen werden, dass bei deren Unterbleiben gleichzeitig auch eine Kindeswohlgefährdung im Sinne von § 1684 Abs. 4 Satz 2 BGB vorliegt. Körperliche Gewaltanwendung oder Drohung mit Gewalt durch einen Elternteil widerspricht nach dem oben gesagten auf jeden Fall dem Kindeswohl. Auch die Frage, ob bereits Gewaltanwendung gegen den anderen Elternteil bei der das Kind Zeuge wird, dem Kindeswohl widerspricht, lässt sich bei Beachtung des Grundsatzes des § 1631 b Abs. 2 BGB problemlos bejahen. Um allerdings eine Kindeswohlgefährdung annehmen zu können, muss eine konkrete Gefahr für das Kindeswohl bestehen, die durch die Gestaltung des Umgangsrechts vermieden werden kann. Es wird also zum einen eine Gewalteinwirkung von gewisser Intensität erfolgt sein müssen und vor allem die Gefahr bestehen müssen, dass ohne eine Umgangsregelung dem Kindeswohl konkret geschadet wird. Dies wird u.U. bereits dann angenommen werden können, wenn nicht erst die konkrete Gefahr der wiederholten unmittelbaren Gewaltanwendung besteht, sondern bereits dann, wenn die Gewalt des Elternteils bereits nachhaltige Folgen für das betroffenen Kind z.B. in Angstzuständen, Verhaltensauffälligkeiten gegenüber dem betreffenden Elternteil usw. verursacht hat oder solche Folgen ohne gerichtliches Einschreiten unmittelbar bevorstehen. Bei der Feststellung einer Kindeswohlgefährdung wird ein Schwerpunkt der gerichtlichen Tätigkeit liegen, weil hier nicht nur die konkrete Gewalteinwirkung und deren unmittelbare Folgen, sondern auch zukünftige mögliche Schäden für das Kind im Rahmen einer Prognoseentscheidung abgewogen werden müssen. Aus den obigen Ausführungen folgt auch, dass ein zeitlich längerer Ausschluss oder eine längere Einschränkung des Umgangsrechts wegen der Voraussetzung der Kindeswohlgefährdung eher die Ausnahme bleiben werden denn die Regel.

Selbstredend kann eine Kindeswohlgefährdung nicht nur durch Gewaltanwendung erfolgen, die Gefahren sind manigfaltig und nur im Einzelfall genau bestimmbar. So seien nur die Gefährdung durch Vernachlässigung des Kindes, emotionale Bindungslosigkeit, Unterstützung bei der „Schulvermeidung“ als mögliche Beispiele genannt. In Umgangsstreitigkeiten ist leider gelegentlich zu beobachten, dass Kinder im Rahmen der Auseinandersetzung der Eltern von dem jeweiligen betreuenden Elternteil zur Durchsetzung eigener Interessen instrumentalisiert werden sollen. Auch darin kann u.U. eine Gefährdung des Kindeswohls liegen.

Die Verhältnismäßigkeit einer Umgangsregelung

Wenn nach positiver Feststellung einer Kindeswohlgefährdung ein Eingreifen in das Umgangsrecht geboten ist, muss ein solcher Eingriff verhältnismäßig sein . D.h. jeder Eingriff in einen grundrechtlich geschützten Bereich, so auch das Umgangsrecht, muss geeignet, erforderlich und der konkreten Situation angemessen sein. Ein Ausschluss des Umgangsrechts wird zwar in aller Regel durchaus geeignet sein, eine Kindeswohlgefährdung z.B. durch Gewaltanwendung auszuschließen, aber erforderlich ist ein solcher Eingriff nur, wenn kein geeigneteres Mittel zu Verfügung steht. Vor diesem Hintergrund bekommt die Regelung des § 1684 Abs. 4 Satz 3 BGB im Rahmen der Verhältnismäßigkeitsprüfung eine zentrale Bedeutung. Danach kann das Familiengericht insbesondere anordnen, das Umgang nur dann erfolgen darf, wenn ein mitwirkungsbereiter Dritter zugegen ist. Wenn also durch eine Form des begleiteten Umgangs die Kindeswohlgefährdung ausgeschlossen werden kann, kommt ein Ausschluss des Umgangsrechts nicht in Frage. Das Gericht wird demnach vor einer solchen Entscheidung alle Möglichkeiten des begleiteten Umgangs durchdacht, wenn nicht gar versucht haben müssen. Wenn dann dennoch ein Umgangsausschluss ausgesprochen wird, muss dieser so begründet werden, dass erkennbar zuvor die Frage nach betreutem Umgang mit negativem Ergebnis geprüft worden ist.

Betreute Umgangsangsanbahnung

Bestand zwischen dem Umgangssuchenden Elternteil und dem Kind für einen längeren Zeitraum kein Kontakt, so dass u.U. bereits eine Entfremdung eingetreten ist, bietet sich die Möglichkeit der betreuten Umgangsanbahnung an. Dabei ist ein Dritter, der das Kind nach Möglichkeit bereits kennt und dessen Vertrauen genießt, nur zu Beginn der Kontaktaufnahme zugegen um anfängliches Misstrauen abzubauen. Auch in den Fällen, wo bereits durch die Einflussnahme des einen Elternteils eine Abwehrhaltung des Kindes verursacht worden ist, kann eine dritte Person zu Beginn der Kontakte mit dem anderen Elternteil die Situation entspannen und das Misstrauen, bzw. die Distanz des Kindes zum Umgangssuchenden mindern.

Betreute Kindesübergabe

Insbesondere bei ausgeprägten Konflikten zwischen den Eltern, wenn ein auch nur
kurzeitiger friedlicher Kontakt zwischen ihnen anlässlich der Kindesübergabe nicht möglich ist, kommt die sogenannte betreute Kindesübergabe in Betracht. Hier besteht die eigentliche Aufgabe des Dritten lediglich darin, die eigentliche Kontaktaufnahme so zu organisieren, dass die Eltern nicht in unmittelbaren Kontakt kommen.

Betreuter Umgang

Diese Maßnahmen werden aber bei besonders problematischen Fällen, wie z.B. Gewalt im Elternhaus, möglicherweise nicht in Betracht kommen, aber der sog. Betreute Umgang im engeren Sinne kann bereits als Mittel in Erwägung gezogen werden. Danach ist der „Dritte“ nicht immer unmittelbar präsent, sondern hält sich während der Umgangsausübung z.B. im Nebenzimmer auf, um gegebenenfalls einschreiten zu können. Wenn der gewalttätige Elternteil z.B. nur in bestimmten Stresssituationen oder unter Alkoholeinfluss gewaltbereit ist, dürfte diese Form des Umgangs das geeignete Mittel zur Abwehr einer Kindeswohlgefährdung sein.

Der kontrollierte Umgang

Der kontrollierte Umgang, bei dem immer eine Person bei den Kontakten unmittelbar präsent ist, bietet sich u.a. auch in den Fällen an, wo das Kind nicht nur Opfer, sondern auch Zeuge von Gewalttaten war und die Gefahr besteht, das durch Drohung oder sonstiges Einwirken auf das Kind versucht wird, ein bestimmtes Aussageverhalten zu erreichen. Letztlich sei darauf hingewiesen, dass nach der bisherigen Rechtsprechung bei bewiesenem sexuellem Mißbrauch ein Ausschluss des Umgangsrechts eher bejaht wird, bei Verdachtsfällen ist dies bereits problematisch. Im Ergebnis bleibt zunächst festzustellen, dass ein Umgangsausschluss längerer Dauer auch in den Fällen häuslicher Gewalt durch das dem Gericht im Rahmen der Regelungen des § 1684 Abs. 3, 4 BGB zu Verfügung gestellte Instrumentarium eher die Ausnahme als die Regel sein wird. Da der eigentliche Zweck des begleiteten Umgangs ist, eine zeitlich begrenzte Krisenintervention mit dem Ziel den Umgang des Kindes mit dem Umgangssuchenden zu verselbständigen –also Umgang ohne Begleitung- , wird das Gericht im übrigen in regelmäßigen Abständen, vor allem bei erheblichen Eingriffen in das Umgangsrecht, seine Entscheidung überprüfen müssen.

Der Kindeswille

Gerade die Kindesanhörung kann ein erhebliches Problem ergeben, wenn sich nämlich herausstellt, dass entweder das Kind den an sich gebotenen Umgang verweigert oder aber einem an sich gebotenem Umgangsausschluss widerspricht. Hier können unter Umständen der Ausgang des Verfahrens sehr erheblich beeinflusst und vorher erarbeitete Erkenntnisse nachhaltig in Frage gestellt werden. Vor diesem Hintergrund muss bei der Frage nach dem Kindeswillen im Rahmen der Anhörung sorgfältig vorgegangen werden. Bei der eigentlichen Abhörung bietet sich als Hilfsmittel zuerst die gedankliche Unterscheidung zwischen erklärtem und wirklichem Willen des Kindes an. Aber selbst bei der Feststellung des erklärten Willens ist nicht nur auf die verbalen Äußerungen des Kindes zu achten, auch nonverbale Mitteilungen können durchaus relevant sein. Deshalb ist nicht nur genaues Zuhören sondern auch genaues Beobachten notwendig. Sodann wird das Gericht feststellen müssen, inwieweit die Willensäußerung auch dem eigenen Willen des Kindes entspricht –denn nur dieser wirkliche Wille des Kindes soll erforscht werden- und nicht bloß eine Wiedergabe des Willens eines Elternteils ist. Gerade hier ist die Unterscheidung verbal/nonverbal hilfreich. Daran anschließend stellt sich dann die Frage nach der Beachtlichkeit des Kindeswillens. Bei kleineren Kindern geht die überwiegende Rechtsprechung davon aus, dass der das Kind betreuende Elternteil verpflichtet und auch regelmäßig in der Lage ist, einen entgegenstehenden Kindeswillen durch geeignete erzieherische Maßnahmen zu überwinden . Diese sich aus § 1684 Abs. 2 BGB ergebende Verpflichtung kann auch mit den Zwangsmitteln des FGG durchgesetzt werden . Die klare und ernsthafte Weigerung eines Kindes zum Umgang gibt auf jeden Fall Anlass, sorgfältig den Gründen nachzugehen . Ergeben sich dabei nachvollziehbare objektive Gründe, die gegen einen Umgang sprechen, so ist die Weigerung des Kindes beachtlich . Allerdings ist hierbei zu beachten, dass einer bereits bestehenden Entfremdung und hieraus resultierender Weigerung des Kindes durch Umgangsanbahnung begegnet wurden sollte. Falls keine nachvollziehbaren Gründe erkennbar sind, kann ein Umgang auch gegen den Kindeswillen angeordnet werden . Je älter das Kind welches den Umgang ernstlich verweigert, desto beachtlicher ist dieser Wille, die Einsichtsfähigkeit und persönliche Entwicklung wird dabei Maßstab zur Bewertung des Willens sein. Eine gerichtlich angeordnete Umgangsregelung gegen den Willen eines älteren Kindes wird nicht nur rechtlich bedenklich, sondern darüber hinaus im Hinblick auf die Bestimmung des § 33 Abs. 2 Satz 2 FGG auch nicht durchsetzbar sein.

Verfahrensvorschriften

Da es sich bei den Verfahren nach §§ 1684, 1685 BGB um FGG-Verfahren handelt, gilt Amtsermittlungsprinzip gemäß § 12 FGG. Auch die Anhörungspflichten des Gerichts ergeben sich aus dem FGG. Hierbei sind insbesondere die §§ 49 a (Anhörung des Jugendamtes); 50 a Abs.1, 2 (Anhörung der Eltern, bzw. des nicht sorgeberechtigten Elternteils) und § 50 b Abs. 1, 2 FGG nach dem Kinder in einem Alter von 14 Jahren und älter angehört werden müssen. Bei jüngeren Kindern hat das Gericht einen Ermessensspielraum, wobei die Regel gilt, dass je älter das Kind, desto geringer die Möglichkeit von einer Anhörung abzusehen. Da das Gericht eine Ermessensentscheidung trifft und diese, zwar nicht uneingeschränkt, aber nachprüfbar ist, sollte in den Fällen, wo sich das Gericht keinen unmittelbaren Eindruck vom Kind verschafft, in der Entscheidung kurz begründet werden, warum von der Anhörung abgesehen worden ist.


Verfahrenspfleger

Zur Feststellung des Kindeswillens, aber auch zur Feststellung der Interessen der Eltern, und nicht zuletzt des beteiligten Jugendamtes, dürfte in den meisten Fällen die Bestellung eines Verfahrenspflegers gemäß § 50 FGG für das Kind, bzw, die Kinder, geboten sein. Zweck der Verfahrenspflegschaft ist, eine hinreichende Berücksichtigung der grundrechtlichen Stellung des betroffenen Kindes zu gewährleisten, wenn eine für die Zukunft des Kindes bedeutsame Entscheidung zu treffen ist und wegen eines Interessenkonflikts zwischen Eltern und Kind die Interessen des Kindes nicht genügend durch die Eltern wahrgenommen werden können . Der Verfahrenspfleger soll demnach die Interessen des Kindes wahrnehmen und sie gegenüber den Interessen der Eltern sowie der weiteren Beteiligten unabhängig von diesen zu vertreten und in das gerichtliche Verfahren einzubringen , er ist mithin im wesentlichen Interessenvertreter des Kindes. Damit aber das Verfahren nicht durch eine hohe Anzahl von Beteiligten erschwert wird, bzw. in angemessener Zeit durchgeführt werden kann, muss das Gericht, wenn das Umgangsrecht für mehrere Kinder streitig ist, vorab abwägen, ob ein Verfahrenspfleger die ihm obliegende Aufgabe auch bei mehreren Kindern bewältigen kann, oder ob u.U. ein weiterer Verfahrenspfleger bestellt werden muss. So können in Fällen häuslichen Gewalt unter Beteiligung von Kindern deutlich unterschiedlichen Alters die jeweiligen Kindesinteressen erheblich differieren, hier kann dann ausnahmsweise die Bestellung von mehr als einem Verfahrenspfleger durchaus sinnvoll sein. Da solche Verfahren in der Regel auch unter überdurchschnittlichem Zeitdruck durchzuführen sind, mithin eine sehr zügige Bearbeitung notwendig ist, dürfte in manchen Fällen der Bestellung eines Verfahrenspflegers gegenüber der förmlichen Bestellung eins sachverständigen Gutachters der Vorzug zu geben sein, weil letzterer in der Regel bis zur Erfüllung seines Auftrages mehr Zeit benötigt als ein Verfahrenspfleger. Ausdrücklich hingewiesen werden muss in diesem Zusammenhang auf die Bestimmung des § 50 Abs. 2 FGG. Begehrt ein gewalttätiger Elterteil Umgang, womöglich mit dem geschädigten Kind, dürfte der Regelfall des § 50 Abs. 2 FGG gegeben sein mit der Folge, dass das Gericht einen Verfahrenspfleger zu bestellen hat und nur bei Vorliegen besonderer Gründe hiervon absehen kann. Beim Absehen von der Verfahrenspflegerbestellung muss dies ausdrücklich in der Entscheidung begründet werden.

Sehr umstritten ist die Frage, ob die Verfahrenspflegerbestellung selbständig mit einem Rechtsmittel angegriffen werden kann. Während ein Teil der Rechtsprechung die Auffassung vertreten, eine selbständige Anfechtung sei möglich , begründet der die Anfechtbarkeit ablehnende Teil seine Meinung im wesentlichen mit dem Argument, die Verfahrenspfleger sei lediglich eine nicht anfechtbare Zwischenverfügung des Gerichts. Gegenwärtig dürfte zur Beantwortung der Frage, ob aus anwaltlicher Sicht die Einlegung eines Rechtsmittels erfolgversprechend ist, zuerst an Hand der aktuellen Rechtsprechung der zuständigen OLG´s, gegebenenfalls der einzelnen Senate, festzustellen sein, wie die Frage der Anfechtbarkeit dort gehandhabt wird.

Neben der Interessenvertretung des Kindes kann u.U., so wenn die Umsetzung eines Beschlusses an fehlenden Kapazitäten des Jugendamtes, sei es personeller oder sachlicher Art, zu scheitern droht, kann der Verfahrenspfleger auch vom Gericht als sogenannter Umgangspfleger eingesetzt werden. Dieser ist dann der „Dritte“ im Sinne von § 1684 Abs. 4 BGB.

Montag, 24. Oktober 2011

"Opa, ich darf nicht mehr zu dir"


Wenn eine Familie auseinanderfällt, leidet die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln häufig mit.

Eine Bildergalerie neben dem grünen Kachelofen erinnert an glücklichere Zeiten: die strahlende Enkelin tobend, tanzend, matschend im Garten. "Liba Opa", hat die siebenjährige Klara in ungelenken Lettern an ihren Großvater Gerhard L. (Namen geändert) geschrieben, "ich möchte mal wida zu dir." Am liebsten, soll sie gesagt haben, an fünf Tagen in der Woche. Doch die Abstände, in denen der 69-Jährige die Kleine sehen darf, werden immer länger. "Einmal im Vierteljahr", meinte zuletzt das Jugendamt, sei genug. "Als sie kürzlich eingeschult wurde, habe ich abseits gesessen", sagt der frühere Tierarzt. "Ich bin empört über das, was mit mir gemacht wird."

Die Geschichte ist kompliziert, das "Kuddelmuddel" laut Gerhard L. kaum noch aufzudröseln. Klaras Vater jedenfalls habe sich um das Kind nicht gekümmert. Seine psychisch kranke Tochter habe ihr Leben als allein erziehende Mutter nicht auf die Reihe gekriegt. Da seien er und seine Ex-Frau, von der er seit mehr als 20 Jahren geschieden ist, als Großeltern in die Bresche gesprungen. Gerhard L. hat seine Enkelin als Baby gefüttert und gewickelt, ihr einen abgewrackten Wohnwagen in den großen verwilderten Garten gestellt, wo sie mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft spielen konnte, wenn sie für ein paar Tage bei ihm war.

Das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Enkelin war der seit langem wieder verheirateten Großmutter zugesprochen worden, womit Gerhard L. einverstanden war. Seit mehr als einem Jahr verweigere seine Ex-Frau ihm aber plötzlich den Umgang mit dem Kind, angeblich wegen zu vieler Termine.

Gerhard L. räumt seine "Neigung zu Depressionen" ein. Rechtsanwälte sind eingeschaltet, das Jugendamt, eine psychologische Gutachterin, eine Berufsbetreuerin, die der Großmutter zur Seite gestellt wurde. Seine Klage um ein eigenes Umgangsrecht hat Gerhard L. erst mal ruhen lassen. "Ich hoffe auf eine außergerichtliche Regelung. Wenn schon die Eltern nicht für sie sorgen, soll Klara wenigstens Großeltern haben, die für sie da sind."

"Großeltern können ein Fels in der Brandung sein", weiß der Münchner Diplompsychologe und Gutachter am Familiengericht Josef Salzgeber. Mit Hochachtung erinnert er sich an einen besonnenen Großvater, dessen Tochter sich von ihrem Mann trennen wollte. Auf einer Tagung mit Fachleuten habe er herausfinden wollen, wie er selbst zum Wohl seiner Enkelkinder am besten in diesem Konflikt agieren könnte. Nicht selten kommt es nach den Beobachtungen des Vorstandsmitglieds beim Deutschen Familiengerichtstag aber vor, dass Großeltern noch Öl ins Feuer gießen, wenn der Familienfrieden des Kindes ohnehin schon in Flammen steht: Großmütter, die mit der eigenen Tochter um die Enkelkinder rivalisieren, weil sie sich für die bessere Mutter halten. Großeltern, die sich zu Verbündeten des eigenen Sohnes und manchmal sogar der Schwiegertochter machen. Und häufig Elternteile, die nicht nur den früheren Partner, sondern mit ihm gleich dessen ganze Sippe vom Umgang mit den Kindern ausschließen wollen. "Ich kenne alle Variationen", sagt Salzgeber und weiß um die besondere Nähe, die Großeltern und Enkel im Normalfall verbinden kann, und um die Trennungsschmerzen, wenn diese Nähe nicht mehr gelebt werden darf.

Seit 1998 gesteht das Kindschaftsrecht Großeltern ein eigenes Recht auf Umgang mit ihren Enkelkindern zu – wenn es deren Wohl dient. "Das wird im Streitfall nicht automatisch vermutet, sondern muss vom Familiengericht festgestellt werden", erklärt Isabell Goetz, Familienrichterin in München und Sprecherin des Deutschen Familiengerichtstags. Was dem Kindeswohl dient, sei nicht eindeutig zu definieren und müsse jeweils von Fall zu Fall entschieden werden. "Es ist leider nicht so klar, wie den Unterhalt zu regeln." Deshalb muss das Gericht nicht nur das Kind selbst, sondern auch das Jugendamt, Erzieherinnen, Nachbarn und – falls keine Entscheidung zustande kommt – einen Gutachter hören. Wenn es besonders schwierig wird, bestellt es einen Verfahrensbeistand, der dem Kind anwaltlich zur Seite steht.

"Meistens sind solche Konflikte rechtlich gar nicht zu lösen", gibt Josef Salzgeber zu bedenken und rät Großeltern eher davon ab, ein eigenes Umgangsrecht zu beantragen. "Ein zweites Gerichtsverfahren neben der Scheidung der Eltern trägt nicht zum Frieden in den Familien bei." Auch nicht zum Wohl des Kindes, das sich in doppelter Hinsicht als ständige Ursache von Streitereien erlebe. Nicht nur, dass solchen Verfahren häufig tiefe Verletzungen zugrunde lägen, die besser im Gespräch aufgearbeitet würden. Nicht selten werde das Umgangsrecht von den streitenden Parteien auch instrumentalisiert für den innerfamiliären Machtpoker. Jeder Elternteil sollte, sofern das Kind Zeit mit ihm verbringen darf, versuchen, in seinen Umgang mit dem Kind auch die eigenen Eltern und somit die Großeltern des Kindes einzubeziehen.

Gerhard L. will nichts versäumen und seiner Enkelin später mal sagen können: "Ich habe alles gemacht, was ich tun konnte für unsere Beziehung." Aufgeben würde er erst dann, wenn Klara selbst sagte: "Ich will mit Opi nichts mehr zu tun haben." Aber meinen Kinder wirklich, was sie sagen, wenn sie sich so äußern gegenüber Bezugspersonen, die aus dem System ausgeschlossen werden sollen? Familienrichterin Götz kann sich an die Anhörung eines fünfjährigen Knirpses erinnern, der ganz unbedarft von sich gab: "Jetzt habe ich vergessen, was ich sagen sollte." Da hatte ihm offensichtlich ein Elternteil die Marschroute vorgegeben. Parental Alienation Syndrom (PAS) heißt der Fachbegriff, wenn Bezugspersonen Kinder dermaßen zu manipulieren versuchen, dass sie dem anderen Eltern- oder Großelternteil entfremdet werden und den Umgang von sich aus verweigern. Zu holzschnittartig freilich kommt Josef Salzgeber der Begriff PAS daher. Zu vorschnell werde etwa die Mutter, bei der ein Kind lebt, der Manipulation verdächtigt, wenn dieses Kind nach einem Wochenende bei seinem Papa behaupte, es wolle da nicht mehr hin. "Das kann auch Gründe haben, die mit dem Papa zu tun haben. Vielleicht kann er mit seinem Nachwuchs nichts anfangen, und das Kind hat sich nur maßlos gelangweilt." Andererseits können Manipulationsversuche sehr subtil ausfallen: Die Mutter ermuntert zwar zum Besuch des Vaters, zeigt aber, wie traurig sie darüber ist.

"Enge Bezugspersonen mit Feindbildern zu belegen, ist das Schlimmste, was man in Kinderseelen anrichten kann", empört sich Rita Boegershausen, die 2002 die Bundesinitiative Großeltern mitgründete. Diese setzt sich nicht nur politisch für die Rechte von Großeltern und deren Enkel ein, sondern macht auch praktische Angebote wie eine Großelternschule in Köln. Dort können sie lernen, was sie selbst beitragen können, damit ein Streit nicht auf dem Rücken der Enkel ausgetragen wird. "Es spielt sich unheimlich viel auf der menschlichen Ebene ab", erkennt auch Boegershausen die Grenzen gerichtlicher Regelungen.

Dieser menschlichen Ebene ist zu verdanken, dass wirklich gute Großeltern-Enkel-Beziehungen zuweilen viele Trennungsjahre überstehen. Gerhard L. glaubt fest an die "Grundliebe" zwischen Klara und ihm, die "nicht zu zerstören ist". In Rita Boegershausens Initiative "häufen sich zurzeit die Wunder: Enkel, denen die Trennung von den Großeltern als Kinder aufgezwungen wurde, kommen jetzt als Jugendliche zu Oma und Opa zurück."


Mehr Informationen gibt’s im Internet auch zu regionalen Initiativen: http://www.grosseltern-initiative.de

Sonntag, 23. Oktober 2011

Aachen - Anna und der schwierige Weg in das Leben


Greta M. kennt Anna schon seit Jahren. Das Mädchen wuchs in der unmittelbaren Nachbarschaft mit ihren drei Geschwistern auf. Eine glückliche Kindheit erlebt sie nicht.

Anna ist lernbehindert, ihr Vater greift immer häufiger zu brutalen Erziehungsmethoden. Er verprügelt sie, greift dabei zu Stöcken, würgt sie - immer häufiger auch in der Öffentlichkeit. Mit elf Jahren spricht Anna darüber mit Greta M. Dort spielt sie häufiger mit den Hunden der Nachbarin. Es entwickelt sich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den beiden.

Behörde sind die Hände gebunden

Greta M. will helfen und wendet sich an das Jugendamt ihrer Stadt. Die Behörde schreitet ein, doch ihr sind die Hände gebunden. Für Anna ändert sich die Situation wenig. Immer wieder wird Greta M. Zeugin, wie die Situation nebenan eskaliert. Immer häufiger informiert sie die Polizei. Irgendwann will Anna nicht mehr nach Hause und möchte bei Greta M. bleiben. Doch so einfach ist das nicht, denn zu diesem Zeitpunkt ist sie erst 13 Jahre alt. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht liegt bei den Eltern, das Jugendamt muss wieder tatenlos zusehen, wie das Mädchen in die Familie zurückgeholt wird. Der Vater gelobt zwar Besserung, doch es bleibt bei einem Lippenbekenntnis. Auch Annas Mutter ist von Misshandlungen betroffen - und schweigt.

Im Frühjahr dieses Jahres schließlich kommt nach einem erneuten Ausbruch des Vaters Bewegung in die Sache. Greta M. erklärt sich bereit, Anna bei sich aufzunehmen, auch wenn sie finanziell nur schwer dazu in der Lage ist. Der Entschluss wird gefestigt durch die Tatsache, dass ein Umzug bevorsteht. In eine andere Stadt, weg von den Nachbarn. Anna soll mitkommen. Zunächst willigen die Eltern ein, dann machen sie einen Rückzieher. Es beginnt ein Tauziehen um das Mädchen, das hin- und hergerissen ist. Endlich, nach vielen Monaten, nach ungezählten Behördengängen und Briefwechseln, lebt Anna bei Greta M., besucht in der neuen Stadt die Schule.

Finanzielle Unterstützung erhält Greta M. jedoch immer noch nicht. Das Jugendamt der neuen Heimat ist nicht zuständig, sondern der Ort, in dem Annas Eltern wohnen. Dort wird der Sachverhalt geprüft - die Untersuchung zieht sich über Monate. Annas Kleidung, das Essen, das Kinderzimmer, selbst Schulsachen muss Greta M. aus eigener Tasche bezahlen. Sie geht in Vorleistung, aber die finazielle Not wächst von Woche zu Woche. «Ich weiß einfach keinen Ausweg mehr», schreibt sie unserer Redaktion. Wer Anna auf ihrem Weg in ein besseres Leben unterstützen möchte, kann dies mit einer Geldspende unter dem Stichwort «Anna» machen.

Sachspenden können wir nicht entgegennehmen

Aus organisatorischen Gründen können wir keine Sachspenden entgegennehmen.

http://www.az-web.de/news/hochschule-detail-az/1848475?_link=&skip=&_g=Anna-und-der-schwierige-Weg-in-ein-besseres-Leben.html

Samstag, 22. Oktober 2011

Rechtsanwältin Claudia Grether spricht Über Betreuung, Psychiatrie und K...

Familie Reimann-Wilhem - leere Kinderzimmer und Kinder die nach Hause wollen


Dies ist kein Märchen, keine erfundene Geschichte.
Die Kinder und ihre Eltern, die Rainer aus Bärlin als Beistand begleitet, sind Väter-für-Gerechtigkeit bekannt, da sie sich seit Jahren für andere Betroffene intensiv eingesetzt haben. Gute Freunde und liebevolle Eltern.
Vermutlich ist das ein Mitgrund dafür, daß man sich durch Fremdunterbringung der Kinder an ihnen zu rächen versucht.
Glücklicherweise konnte die Verschleppung des jüngsten Kindes, zum Zeitpunkt der "Inobhutnahme" gerade einige Wochen alt, nicht aufrecht erhalten werden.
Das Baby ist bei den Eltern.
Die anderen vier Knder wurden, da sie sich miteinander solidarisiert und vehement für ihre Rückführung gestritten haben, auseinandergerissen und in verschiedene Einrichtungen verteilt. Nicht zuletzt wohl auch, um den Eltern unmöglich zu machen, bei den seltenen Umgängen alle zusammen zu sehen.

So werden in Deutschland intakte Familien zerstört!

Berlin
von Rainer Schnittka, Dienstag, 18. Oktober 2011 um 14:13

Links im Kinderzimmer führt eine Treppe auf die Hochebene. Oben steht ein Bett, davor ist roter Langflorteppich ausgelegt. Das Kinderzimmer ist weiß gestrichen und mit rosa Farbflächen abgesetzt. Die Hochebene ist unten ein Spielhaus mit Fenstern.

Das Kinderzimmer steht leer, seine Bewohnerin ist nicht mehr physisch anwesend und doch wirkt es so, als sei sie nur eben kurz rausgegangen - zur Toilette, zum Einkaufen oder auf den Spielplatz - und würde im nächsten Moment wiederkommen.

Drei weitere Kinderzimmer stehen ebenso leer.


Ich gehe mit zum Jugendamt, zu einem vereinbarten Gespräch mit den Eltern, daß gern hochtrabend "Hilfekonferenz" genannt wird. Als wir klingeln erklärt uns eine - ja wie soll man sie nennen, "SachbearbeiterIn" nennen sie sich selbst - das der "Termin abgesagt" sei.

Schriftlich nicht, aber irgendjemand habe doch irgendjemanden davon unterrichtet. Nicht die Eltern versteht sich.

Die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut, wenn Kinder zu "Fällen" in "Sachbearbeitung" werden, denke ich.

Wenn im Jugendamt hinter Schreibtischen ein "Kindeswohl" gefährdet gesehen wird, nimmt das Jugendamt Kinder "in Obhut". Das ist in diesem Fall geschehen, ohne das ein konkreter Vorwurf an die Eltern formuliert worden wäre. Es gibt keinerlei Gewaltvorwürfe, wie es sich mancher vielleicht denken würde.

Die Familie habe "viele Kinder" und sei daher auf "Hilfe angewiesen". Da die Familie jedoch "die Kooperation mit dem Jugendamt verweigere" sei von Kindeswohlgefährdung auszugehen.

"Beratungsresistent" ist der Vorwurf, der gemacht wird, wenn ungebetene "Hilfe" von einem Jugendamt "nicht angenommen" wird. Die "Hilfen", die ein Jugendamt "anbietet" helfen Familien nicht im Alltag. Denn bei diesen "Hilfen" geht es fast ausschließlich um "Angebote", die Eltern Zeit kosten. Es geht um "Gespräche", um "Gruppenangebote". Das Jugendamt ist längst zu einem Arbeitsvermittler für Sozialpädagogen geworden, die als sogenannte "freie Träger" mit "Eltern arbeiten", Kindern "helfen".

Vier Kinder hat das Jugendamt "in Obhut" genommen. Auf verschiedene "Einrichtungen" verteilt. Anfangs dachte jeder, es handele sich um einen Irrtum, der schnell geklärt werden könne. Schließlich können auch MitarbeiterInnen von Jugendämtern Fehler machen.

Nun dauert dieser "Irrtum" bereits länger als ein halbes Jahr an und die Eltern sind verständlicherweise nicht "zur Kooperation" mit diesem Jugendamt bereit. Zur Anhörung vor Gericht kommen drei VertreterInnen des Jugendamtes und sagen "Kindeswohlgefährdung". Worin diese konkret bestehe - nun, die Eltern seien "nicht zur Kooperation mit dem Jugendamt bereit".

Wer meint, bis zum Beweis eines Gegenteiles müßten Kinder bei ihren Eltern bleiben sieht sich getäuscht. Wenn ein Jugendamt "Kindeswohlgefährdung"sagt und Eltern widersprechen, wird ein "Gutachten" eingeholt. Auf die Auswahl dieses "Gutachters" haben Eltern keinerlei Einfluß. Ein/e Richter/in "bestellt" ihn.

So werden die immer gleichen "Gutachter" bestellt, die sich rund um die "Familiengerichte" eingenistet haben. Darunter Hochstapler und Betrüger, die ganz offen Eltern zu "Laien" erklären und deren Überzeugung es ist, daß Eltern grundsätzlich "zu Kooperation" bereit sein müßten. Wer ein Jugendamt als "Erziehungsinstanz" nicht anerkenne, verwirke sein Elternrecht. Diese "Gutachter" bilden gleichzeitig aus: Nämlich "Sozialpädagogen", denen sie im Studium die "Grundlagen gutachterlicher Tätigkeit" erklären und für mehr "Mut zur Begutachtung" werben.

Es ist ein relativ kleiner Kreis, der immer und immer wieder Eltern "Erziehungsunfähigkeit" attestiert, ohne eine konkrete Handlung der Eltern nachweisen zu müssen. Es gilt als "psychologisch fundierte Konklusio", wenn ein "Gutachter" eine "Einschätzung" abgibt, die nicht auf Handlungen der Eltern in der Vergangenheit, sondern auf eine angenommene Entwicklung in einer Zukunft abstellt: "Ich nehme an, das die Kinder besser...."

Nun kann jeder lustig spekulieren, was wäre, wenn. "Kindeswohlgefährdung" - inganz Deutschland längst zu einer Idee verkommen, die Eltern unter einen Zwang setzen soll, ein Jugendamt als Erziehungsinstanz anzuerkennen.

Das Kinderzimmer ist bewohnt, auch wenn seine Bewohnerin zur Zeit "fremduntergebracht" ist. Mit Erinnerungen, persönlichen Gegenständen und dem Geist des Kindes, das hier sein Zuhause hat.

Wie in den anderen drei Kinderzimmern auch.

Das Leid der Kinder in Kinderheimen - zdf heute17.02.2009

Kinderbetreuung Wo bleiben die guten Krippen?

Kinderbetreuung Wo bleiben die guten Krippen?

Die Verarbeitung von Trennungsängsten gelingt den Kleinen nicht immer. Erst allmählich wird klar, wie sich die Krippenbetreuung auf die Kinder auswirkt.
Von Martina Lenzen-Schulte
18.10.2011


Kinderkrippen © picture-alliance/ dpa

Kinder liegen der Koalition am Herzen

Die Familienministerin nimmt ihr Kind mit ins Büro, es gibt dort schon einen Wickeltisch. Sie kümmert sich selbst und setzt daneben auf die Unterstützung der Großeltern. Frau Schröder bringt also ihr Kind nicht in die Krippe, deren Ausbau ihr als Politikerin so am Herzen liegt. Das ist verständlich, denn letztlich ist nicht ausgemacht, wie viel die frühe Erziehung außer Haus nützt oder schadet. Auf dem diesjährigen Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Bielefeld fiel die Bilanz eher ungünstig aus. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der Stressforschung, die Carola Bindt, Kinder- und Jugendpsychiaterin an der Universitätsklinik Hamburg, vorstellte. Was Kinder stresst, ist längst nicht offensichtlich. Schon Anna Freud hatte dokumentiert, dass im Krieg Lebensmittelknappheit und Bombenalarm von Kindern vergleichsweise wenig bedrohlich empfunden wurden - solange nur die wichtigsten Bezugspersonen in der Nähe waren. Erst das Auseinanderreißen von Familien, etwa auf der Flucht, löste schwere Traumata aus. Vor allem die Wucht psychischer Stressfaktoren könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, betonte Bindt: "Sie resultiert aus der Angst vor sozialer Zurückweisung, die eben so spezifisch ist für den Menschen."

Die Belastung der Kleinsten in der Frühbetreuung kann man messen, Auskunft gibt das Cortisol-Tagesprofil. Der Pegel des Stresshormons steigt bei Gesunden in einem charakteristischen Muster auf und ab. Bei achtzig Prozent der Kinder in der Tagesbetreuung - sie erleben täglich neu den Wechsel von zu Hause zur Einrichtung - ist dieses Muster anhaltend verändert, deren Spiegel steigen pathologisch bis zum Abend stetig an. Dieser Stresseffekt kann durch gute Betreuungsqualität abgeschwächt, aber nicht aufgehoben werden. Er ist umso klarer nachzuweisen, je jünger die Kinder sind. Spuren dieser Belastung sind nicht nur Monate, sondern selbst Jahre später auszumachen. Noch die Cortisollevel von Teenagern sind umso höher, je länger sie außerhalb der Familie betreut wurden. Dennoch macht die Krippe nicht zwangsläufig krank. Das liegt zum einen an der Resilienz des Einzelnen, seiner Widerstandsfähigkeit, erklärte Bindt, denn: "Ein gewisses Ausmaß an Stress schädigt nicht jeden. Milder Stress kann sogar entwicklungsfördernd sein."

Das liegt zum anderen auch an Art und Umfang der Krippenerfahrung, denn die Spanne, was die Qualität der Betreuung und die Dauer der Unterbringung angeht, ist groß, entsprechend unterschiedlich sind die Folgen. Jay Belsky von der University of California in Davis war nach Bielefeld gekommen, um die Eckdaten seiner inzwischen berühmten, aber in Deutschland wenig beachteten Langzeitstudie vorzustellen. Er hatte sich als Antwort auf die von Ideologien geprägten "Krippenkriege" der siebziger und achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten vorgenommen, hierzu eine methodisch möglichst unanfechtbare Studie in die Tat umzusetzen. 1364 Kinder wurden im Alter von einem Monat aufgenommen und regelmäßig untersucht, um an ihrem Schicksal die Auswirkungen der Kleinkindtagesbetreuung zu dokumentieren. 900 von ihnen standen immerhin noch im Alter von 15 Jahren für eine Beurteilung zur Verfügung. Geprüft wurde etwa, wie sich Quantität und Qualität der Betreuung im Alter von drei bis 54 Monaten auf die Kinder auswirkten. Eine hohe Betreuungsqualität, so fand man, lässt im Vergleich zu einer schlechten eine Verbesserung der geistig-kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten erwarten. Die Hoffnung, insbesondere Kindern aus schwierigen und bildungsfernen Familien somit durch langjährige Frühförderung eine bessere Ausgangsbasis vor dem Schulanfang zu verschaffen, trügt jedoch, denn die Dauer der Unterbringung in der Krippe trägt dazu nichts bei. Die Betroffenen haben im Gegenteil umso mehr andere Schwierigkeiten, je länger sie als Kleinkind in einer Gruppeneinrichtung verbrachten. Erzieher und Lehrer attestierten ihnen besonders häufig "Problemverhalten". Das wollten Befürworter einer frühkindlichen Gruppenbetreuung jedoch nicht gelten lassen. "Immer wieder habe ich zu hören bekommen, diese Kinder seien nur ein wenig unabhängiger, durchsetzungsfähiger", sagte Belsky. Aber solche Beschönigungen konnte sein Team widerlegen. Die Kinder waren nicht einfach nur schwierig, sie waren deutlich aggressiver, häufiger an Kämpfen beteiligt, fielen eher durch Gemeinheiten, Ungehorsam und Sachbeschädigung auf.

Dieser Befund war unabhängig von der Qualität der frühkindlichen Krippe, und er war bis ins Jugendalter zu erheben. Dann fielen die Langzeitbetreuten durch Alkoholkonsum, Diebstahl und Vandalismus auf. Allerdings ist die Wirkung frühkindlicher Fremdbetreuung im Guten wie im Schlechten insgesamt eher gering, sowohl was kognitive Leistungen als auch was das psychosoziale Verhalten betrifft: "Eigentlich wird der dominierende Einfluss der Familie durch unsere Studie untermauert", hob Belsky hervor. Allerdings sei es möglich, dass auch solch schwache Veränderungen beim Einzelnen große Auswirkungen auf die Gruppendynamik haben. So stellte er eine Folgestudie vor, wonach in einer Schulklasse mit sehr vielen Kindern, die über lange Phasen in der Kindheit aushäusig in Gruppen betreut wurden, diese den anderen ihr Problemverhalten aufzwangen.

Wenn sich kognitive Leistungen überhaupt nur bei guter Betreuungsqualität steigern lassen, dann ist die Situation in Deutschland besonders negativ zu bewerten, denn es mangelt an guten Krippen. "Die Qualität der hiesigen Betreuungsangebote bleibt weit hinter den gesetzten Standards zurück", monierte Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld. Der Personalschlüssel wird deutlich unterboten, die Gruppen sind in der Regel unangemessen groß, nur drei Prozent der Erzieherinnen haben einen Bachelor-Abschluss und das Mischungsverhältnis der Altersgruppen ist ungünstig. Nicht nur Strukturen, auch Abläufe - etwa bei der Eingewöhnung der Kinder - lassen zu wünschen übrig. So wurde in einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 nur zwei Prozent der deutschen Kinderkrippen eine sehr gute bis gute Qualität bescheinigt, zwei Drittel erhielten mittelmäßige Noten und ein Drittel den Stempel unzureichend. Nach einem effektiven Werkzeug zur frühen Förderung klingt das nicht. "Statt allein auf den Ausbau der Krippenbetreuung zu bauen, sollten alternative Fördermodelle eine Chance erhalten, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohne Belastung der Kinder ermöglichen", forderte Böhm. Das sind politisch denkbar unkorrekte Ansätze, sollen doch Krippenplätze bis 2013 flächendeckend mit einem Anspruch für alle ab dem ersten Lebensjahr zur Verfügung stehen. Zu viel Kritik am Ist-Zustand ist gegenwärtig jedoch derart verpönt, dass Böhm sogar der Hinweis auf interessengeleitete Beschönigungen in einem aktuellen wissenschaftlichen Aufsatz für die Fachzeitschrift "Kinderärztliche Praxis" gestrichen wurde.

Der in freier Praxis tätigen Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer aus Hamburg war es vorbehalten, die wissenschaftlichen Ergebnisse in das Narrativ der Krankengeschichte einer Patientin zu übersetzen, die in der DDR wie alle Kinder eine Krippe besuchen musste. "Wir sehen solche Patienten immer öfter in unseren Praxen, aber gesellschaftlich ist es immer noch ein Tabu, das anzusprechen", sagte Scheerer. Kennzeichnend für die Leidenskarrieren sei vor allem, dass die krankmachenden Umstände - Trennungsängste, mangelnde Zuwendung durch die Erzieherinnen und das stundenlange Sichselbstüberlassensein - selten als Auslöser für die heutigen Defizite im Gefühlsleben dieser Menschen erkannt würden. "Es war normal, wie bei allen", so zitiert die Therapeutin die am häufigsten vorgebrachte Entschuldigung der Betroffenen wie auch ihrer Eltern. Gisela Kalz, die noch als Kinderärztin in der ehemaligen DDR praktizierte und inzwischen das Sozialpädiatrische Zentrum in Neuruppin leitet, bestätigte, dass bis heute die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser frühen Traumatisierungen zu wünschen übrig lässt. Dabei lassen allein die historischen Tatsachen erkennen, wie sehr die frühe Krippenbetreuung seinerzeit die Bedürfnisse der Mütter und Kleinkinder ignorierte: Zunächst wurde von etwa 1950 an die Parole ausgegeben, dass die Babys so früh wie möglich in die Krippe sollten, damit die Arbeitskraft der Mütter ungeschmälert zur Verfügung stünde. Nach und nach gewährte man jedoch aufgrund schlechter Erfahrungen der Kinder immer längere "Auszeiten". So gab es von 1986 an Lohnfortzahlungen für zwölf Monate beim ersten und bis 18 Monate ab dem dritten Kind. Überdies sei vielen Kinderärzten die Not der Eltern und Kinder seinerzeit durchaus bewusst gewesen. Sie konnten sie zeitweise vor der Pflicht zur Gruppenverwahrung schützen, indem sie die Kinder "krippenuntauglich" schrieben - eine Diagnose, die man weltweit in einschlägigen Krankheitsmanualen vergeblich sucht.
Was tut die Avantgarde?

Deutschland fühlt sich notorisch als Hinterbänkler, wenn es um die Vorschulbetreuung geht. Alles ist andernorts besser, von den französischen Ecoles maternelles über die akademisch gebildeten Erzieherinnen in Skandinavien bis hin zur Vollbeschäftigungsquote junger Mütter, die gefühlt überall vorbildlich zu sein scheint. Eine genauere Betrachtung lässt freilich erkennen, dass andere Länder den jungen Eltern weit mehr zu bieten haben als nur einen Krippenplatz für die Kleinsten. Schweden zahlt Eltern, die ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr zu Hause betreuen, monatlich umgerechnet 300 Euro. Sie haben außerdem einen Anspruch auf flexible Teilzeitarbeitsplätze und sogar die Möglichkeit, sich bis zu 120 Tage im Jahr für die Pflege von kranken Kindern freistellen zu lassen. Drei Viertel der französischen Kinder werden von ihren Eltern oder Verwandten zu Hause betreut, nur jedes zehnte Baby muss dort in die Krippe.

Die Themen des jüngsten skandinavischen Fachkongresses zum Thema Krippenbetreuung (Nordic Early Childhood Education and Care), der im Mai in Oslo stattfand, lassen erkennen, dass bis vor kurzem „frühe Betreuung“ auch in Skandinavien überwiegend eine Betreuung ab dem dritten Lebensjahr war. Zudem fragen sich auch in den nordischen Musterländern die Experten in Sachen Frühpädagogik mit Sorge, wie die immer stärkere Vorverlagerung der Altersgrenzen den Kleinsten wohl bekommt. Qualitätsmängel der Krippen, beispielsweise in Norwegen und Dänemark, werden schonungslos benannt. Der Unterschied zu der hiesigen Debatte liegt mithin nicht darin, dass die Zweifel am Konzept geringer wären, sondern dass man ohne ideologische Scheuklappen darüber spricht und sie nicht unterdrückt. (mls)

Quelle: F.A.Z.

Freitag, 21. Oktober 2011

Fall Anna - Pflegeeltern sind voll schuldfähig


Im Falle einer Verurteilung wären die Pflegeeltern der gewaltsam zu Tode gekommenen neunjährigen Anna voll schuldfähig. Das ergaben am Donnerstag vor dem Bonner Landgericht die Gutachten zweier psychiatrischer Sachverständiger.

BONN / KÖNIGSWINTER - Im Falle einer Verurteilung wären die Pflegeeltern der gewaltsam zu Tode gekommenen neunjährigen Anna voll schuldfähig. Das ergaben am Donnerstag vor dem Bonner Landgericht die Gutachten zweier psychiatrischer Sachverständiger. Hinsichtlich des mutmaßlichen dreiminütigen Untertauchens des Kindes in der Badewanne durch die 52-jährige Pflegemutter schloss der Gutachter zudem eine Affekthandlung aus psychiatrischer Sicht aus.
Die Persönlichkeit der Pflegemutter beschrieb der Sachverständige als ambivalent. Ihre Kindheit sei eigentlich unauffällig und ohne schwere Belastungen verlaufen. Die Pflegemutter selbst nehme ihr Heranwachsen jedoch als negativ geprägt wahr.

Als Grundüberzeugung, erklärte der Sachverständige, habe sich für die 52-Jährige ergeben: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste und keine Fehler begehe.“ Obwohl sie auf der einen Seite eine „durchaus durchsetzungsfähige“ Frau sei, erlebe sie sich andererseits als unsicher und bedürfe der Bestätigung durch andere. „Es fällt ihr jedoch schwer, sich an andere Menschen um Unterstützung zu wenden.“ Gleichzeitig betonte der Experte „manipulative Elemente“ in der Gestaltung ihrer sozialen Beziehungen. Damit versuche sie sich Vorteile zu verschaffen.

Inwiefern hierunter auch die Schilderung der Pflegemutter falle, sie habe sich vor dem Tod Annas erschöpft und überfordert gefühlt, konnte der Sachverständige nicht sagen. Zumindest objektiv gebe es aber dafür keine Anhaltspunkt. „Niemand hat diese subjektive Überforderung gesehen“, sagte der Psychiater und berief sich dabei auf die Protokolle der Hilfeplangespräche mit dem Jugendamt Königswinter und auf Äußerungen aus dem Umfeld der Pflegeeltern. Trotz „auffälliger Persönlichkeitszüge“ verneinte der Sachverständige schließlich eine Persönlichkeitsstörung der 52-Jährigen.

Hinsichtlich des Pflegevaters (52) wollte der zweite Sachverständige eine Persönlichkeitsstörung jedoch nicht ganz ausschließen. „Man kommt zumindest in den Grenzbereich“, sagte der Psychiater. Den 52-Jährigen schilderte er als einen Menschen mit depressiven Tendenzen, der Konflikten auch in seiner Ehe aus dem Weg gehe. Während der Sachverständige der Pflegemutter eine „Inszenierung von Leistungskompetenz“ attestierte, erklärte er zum Pflegevater: „Er hat dieser Konstruktion keine kritische Kontrolle und keine Grenzen entgegengesetzt.“

Nach Ansicht des zweiten Gutachters habe sich Anna zudem in einem „Loyalitätskonflikt“ zwischen der leiblichen und der Pflegemutter befunden. Nahrung und Sauberkeit hätten für die Pflegemutter symbolische Bedeutung in diesem Konflikt gehabt, wer die bessere Mutter sei.

Annas Sprung vom Balkon am Tag vor ihrem Tod bezeichnete der Psychiater als „kreativen symbolischen Akt“, der eindeutige Aussagekraft besitze. Auf Nachfragen des Anwalts des Pflegevaters verneinte der Sachverständige jedoch, dass der 52-Jährige die Möglichkeit des Todes Annas in dieser Konfliktlage habe voraussehen können.

Einen Beweisantrag der Verteidigung der Pflegemutter zu einem Ortstermin in der früheren Wohnung der Pflegeeltern lehnte das Gericht ab. Bis zum nächsten Verhandlungstag erhielt der Verteidiger jedoch noch Gelegenheit zur Stellungnahme.

Piratenpartei - Problem Jugendamt


Das nächste Treffen findet am 25.10.2011 statt. Pape´s Gasthaus, Sonnenallee 127 in Neukölln um 20 Uhr. Anfragen an: piratenneo@web.de

Squad Problem Jugendamt

Dieses Squad wurde aus persönlicher Not heraus gegründet. Wir sind Betroffene und wissen das wir zuviele Betroffene sind. Wir sind keine "Einzel"fälle. Ich - persönlich - empfinde dies mittlerweile als Schimpfwort. Wir wollen die vielen "individuellen" Fälle zusammentragen und beleuchten, wo Gesetze - denen das Jugendamt verplichtet ist - gebrochen wurden. Dies ist mit unsäglichem Leid der Familien verbunden. Jeder einzelne Fall stellt eine Tragödie dar. Die Gesamtsumme der Fälle betrifft mittlerweile eine Bevölkerungsgruppe und es in der Steigerung keine Ende absehbar. Um diese Vergehen innerhalb der kommunalen Selbstverwaltung aufzudecken und Tranparenz in den Jugendamtsklüngel zu tragen müssen wir handeln. Das Squad soll Inhalte herausarbeiten, die als Ansätze dienen sollen, auf politischer Ebene, die zwingend notwenigen Änderungen durchzuführen, damit endlich Elternrecht und Kindeswille wahrlich in den Vordergrund der Jugenhilfe treten.

"Wenn du zu Papa gehst, hab`ich dich nicht mehr lieb"...

Die Mutter macht Lena ständig Schuldgefühle, damit sie nicht zum Vater geht.
Die Schuld ist unser stetiger Begleiter. Wenn sie uns einholt, hauen wir ab, legen den Hörer auf, heulen, oder brechen den Kontakt ab. Meistens jedoch sind wir gefangen, in diesen Schuldgefühlen des andern ohne Gnade. Vor allem wenn die Mütter diese auslösen.

"Du hinterlistiges Luder," sagt Lenas Mutter. "Ja, ja", sagt die Tochter Lena verletzt und weint. Mit Schuldgefühlen hat sie die Tochter wieder eingefangen. Böse ist die Mutter. Mütter dürfen alles. Sie dürfen auch gegen Väter hetzen. Das bringt Macht und manchmal Rache.

"Dein Vater ist ein Schwein," sagt Lenas Mutter. "Zu dem gehst du nicht mehr. Er hat mich betrogen, der wollte dich nie. Wenn du zu ihm gehst, hab ich dich nicht mehr lieb."

Dann hat Lena Schuldgefühle und hat Bauchweh, wenn der Papa anruft.

"Ich bin doch da für sie", sagt Lena "sie hat doch niemanden". "Sie sagt, sie hat nur mich. Sie hat so so viel für mich getan. Das ist Verrat, wenn ich zum Vater gehe."

So verwaisen die Väter und zahlen weiter. Die Kinder vergessen.Lena vergisst. Die Väter gehen in Therapie. Umsonst.

© AD

Ist Erziehungsfähigkeit messbar?

Unfähige Gutachter glauben, die "Erziehungsfähigkeit" messen zu können......
und deshalb glauben Juristen an psychologische und pädagogische Märchen...........

So behauptete ein Familienrichter, dass er davon überzeugt sei, da...ss die Gutachterin F. aus Laer tatsächlich in der Lage sei, über die Beobachtung einer halbstündigen Mutter-Kind-Interaktion herausfinden zu können, ob die Mutter in der Lage sei, kindangemessen mit ihrem Baby umgehen zu können.......

Die Märchentanten und Märchenonkels sind jene Gutachter, welche landauf und landab regelmäßig behaupten, sie könnten die Erziehungsfähigkeit mit psychologischen Methoden messen............

Verursacht haben diesen mittelalterlich anmutenden Wissenschaftsglauben zahlreiche unzureichend ausgebildete Psychologen und Pädagogen, welche ihren Lebensunterhalt mit ihrer Gutachtertätigkeit bestreiten und glauben, dass ihr oft Jahrzehnte zurück liegendes Psychologie- und Pädagogikstudium sie dazu befähigt habe, Menschen beweiskräftig "ausmessen" zu können. Richter schließen sich gutgläubig jenen omnipotenten und sich selbst überschätzenden GutachterInnen an und formulieren von GutachterInnen nicht zu beantwortende Fragestellungen wie z.B. am 25.05.2004 das Amtsgericht Mönchengladbach-Reydt:

"Es soll ein kinderpsychologisches Gutachten über die Erziehungsfähigkeit der Kindeseltern eingeholt werden."

Auf geheimnisvolle Art und Weise kommen dann GutachterInnen zu dem Schluss:"Aus psychologischer Sicht sind die Kindeseltern XY erziehungsunfähig"

Ein Gutachten mit einer solchen Schlussfolgerung ist nicht mit wissenschaftlichen Methoden erstellt worden und ist aus diesen Gründen nicht gerichtsverwertbar und beweiserheblich. Denn diese Gutachten geben vor, etwas gemessen zu haben, was so überhaupt nicht messbar ist.

Wer so gutachtet, läuft Gefahr, mit Schadensersatzansprüchen aus einem Falschgutachten haften zu müssen.Hier gilt dann nur noch das Prinzip: Wo kein Kläger ist kein Richter. Wehe, wenn die Betroffenen, sich gegen solche pseudowissenschaftlichen Gutachten wehren. Eine Gutachterin kostete ein solches Falschgutachten 30.000 Euro. Denn Gutachten müssen dem Stand der Wissenschaft entsprechen und dürfen nicht vorgeben, etwas zu messen, was man gar nicht messen kann.

Warum lässt sich nun eine "Erziehungsfähigkeit" gar nicht messen?

Das Wort "Erziehungsfähigkeit" unterstellt, dass Menschen eine "angeborene" und messbare Eigenschaft oder Fähigkeit besäßen, zu erziehen. Es wird unterstellt, dass man Menschen nur nach bestimmten Merkmalen untersuchen müsse und dann sagen könne, dass sie die Fähigkeit hätten zu erziehen. Dabei wird eine künstliche Unterteilung unternommen zwischen Menschen welche erziehen können und andere welche nicht erziehen können. Gleichzeitig wird unterstellt, dass für eine förderliche Entwicklung eines Kindes nur die "richtige" Erziehung zum Erfolg führe. Kinder werden hier wie ein Stück Knete betrachtet: Wer die richtigen "Modellierfähigkeiten" sprich Erziehungsfähigkeiten besäße, so wird geglaubt, kann aus dem Stück Knete einen psychisch gesunden Menschen formen......

Wenn Sie die Gutachter danach fragen, an welchen Merkmalen sie nun erkennen können, dass ein Mensch erziehungsfähig sei, bekommen sie grundsätzlich keine klaren Antworten und schon gar keine wissenschaftlich fundierten Begründungen. Denn:

Das Konstrukt „Erziehungsfähigkeit“ birgt dabei folgende Schwierigkeiten, welche in gutachterlicher Hinsicht zur Unmöglichkeit einer Beantwortung der Beweisfrage führt:

Das Konstrukt "Erziehungsfähigkeit" kennt weder die Pädagogik (=Wissenschaft von der Erziehung) noch die Sozial-Pädagogik:
In den Erziehungswissenschaften ist eine „Erziehungsfähigkeit“ als besondere mess- oder beschreibbare Eigenschaft nicht bekannt. Jeder Sozialarbeiter oder Sozialpädagoge der behauptet man könne "Erziehungsfähigkeit" konkret umschreiben hat keine Ahnung.

Das Konstrukt "Erziehungsfähigkeit" ist auch in der Psychologie unbekannt
Auch die wissenschaftliche Psychologie kennt das Konstrukt „Erziehungsfähigkeit“ nicht: Siehe dazu die Ausführungen von Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Klenner, Oerlinghausen (in: Zeitschrift für das gesamte Familienrecht - FamRZ, 1989, Heft 8, Seiten 804-809,Vertrauensgrenzen des psychologischen Gutachtens im Familienrechtsverfahren)

„ In den psychologischen Sachverständigengutachten finden sind immer wieder Aussagen über die Eignung der Eltern zur Erziehung ihres Kindes. Die Vorstellung, eine positiv zu konstatierende erzieherische Eignung der Kindeseltern ließe sich als entscheidendes Kriterium feststellen, hat in der Tat etwas Bestechendes für sich. Unausgesprochen wird dabei von der Fiktion ausgegangen, beide Elternteile verfügten über eine graduell unterschiedliche erzieherische Eignung, und dies ließe sich auch noch mit der wissenschaftlich gebotenen Exaktheit diagnostizieren. Leider haben wir aber keine speziell für die erzieherische Eignung geeichten psychologischen Untersuchungsverfahren. Darum sind Aussagen über ein Mehr oder Weniger an erzieherischer Eignung bei den Kindeseltern Extrapolationen anderer Untersuchungsergebnisse, also nicht exakt, wenn sie nicht gar subjektive Meinungen und Deutungen sind.“(Zitat Ende – Hervorhebungen Unterzeichner)

Es existieren keine anerkannten wissenschaftlichen Methoden um das Konstrukt „Erziehungsfähigkeit“ in beweiserheblichem Sinne messen zu können.

Auch wenn die Autoren Westhoff und Kluck hier glauben, es handele sich um seltene Fälle, wenn das Gericht Fragestellungen vorlegt, zu denen in der Psychologie kein Wissen vorliegt:

„In seltenen Fällen werden Fragestellungen geäußert, zu denen in der Psychologie kein Wissen vorliegt bzw. kein Wissen vorliegen kann, weil die empirische Untersuchung solcher Sachverhalte prinzipiell nicht möglich ist. [..] Handelt es sich also um eine prinzipiell nicht zu beantwortende Fragestellung, so erklären wir dies dem Fragesteller. Im Gespräch kann eventuell gemeinsam eine Fragestellung zur Lösung des Problems gefunden werden, die auch untersucht werden kann.“(Westhoff, Karl, Kluck, Marie-Luise „Psychologische Gutachten schreiben und beurteilen, 5., vollst. überarb. u. erw. Aufl., 2008, X, 280 S., Geb. ISBN: 978-3-540-46837-0)

so sagen sie ganz klar, wie ein Gutachter zu reagieren hat, damit er seinen Auftrag erfüllen kann.

FAZIT:
Eine wissenschaftlich fundierte Aussage zur Frage, ob jemand erziehungsfähig sein soll, ist nicht möglich. Im juristischen Sinne lässt sich daher weder beweisen ob jemand „erziehungsfähig“ ist, noch lässt sich generell eine Aussage treffen, dass eine Person „erziehungsunfähig“ sein könne. Auch die öfters in Gutachten anzutreffende Feststellung einer „eingeschränkten“ Erziehungsfähigkeit lässt sich mit wissenschaftlichen und damit beweiserheblichen Methoden nicht belegen.

Jedes Gutachten welches für sich in Anspruch nimmt, die Erziehungsfähigkeit gemessen zu haben ist nicht verwertbar !
Daher sollten Sie umgehend einem solchen Gutachten widersprechen und ein Gegengutachten beantragen. Wichtig ist dabei darauf hinzuweisen, dass die Messung der Erziehungsfähigkeit mit den für Gutachten geforderten wissenschaftlichen Methoden nicht möglich ist.

Nach Abschluss des Verfahrens sollten Sie solche Gutachter verklagen, denn sie haben ihr Gutachten nicht nach wissenschaftlichen Grundsätzen verfasst. Bleibt Ihnen nur zu wünschen, dass das Gegengutachten von einem Gutachter erstellt wird, welcher die notwendige Kompetenz hierfür hat, denn Untersuchungen haben ergeben, dass mehr als 50% der Gutachten nicht den geforderten wissenschaftlichen Standards entsprechen....

Eingestellt von Monika Armand

Kinderschutz was ist das eigentlich?

Von Rainer aus Bärlin, der weiß wovon er spricht.



http://www.vaeter-fuer-gerechtigkeit.de/forum/35-Geschichten--M%C3%A4rchen---Ein--u-Ausf%C3%A4lle/1011-Kinderschutz---was-ist-das-eigentlich.html

Entsetzen ist nicht genug - und nicht nur in Österreich, sondern noch viel mehr in Deutschland


Eine Aufforderung an die Stadt Wien, den Jugendwohlfahrtsbereich einer Diagnose und einer Behandlung zu unterziehen. Heute!

Jetzt sind alle entsetzt. Entsetzt darüber, dass passieren konnte, was im ehemaligen Kinderheim Wilhelminenberg passierte. Nein, nicht nur einmalige Vergewaltigungen von Kindern, sondern mehrfache, tägliche. Und dann war wieder Ruhe ein, zwei Wochen, wie eine Betroffene im Interview sagt. Und alle kamen mal dran, alle 20 des Schlafsaales.

Das bedeutet, dass kein Kind verschont blieb. Schon allein die Anzahl der Kinder und die zeitliche Frequenz der massiven physischen und psychischen Gewaltanwendungen von denen Opfer berichten, deutet auf ein organisiertes Verbrechen hin.

Ein organisiertes Verbrechen. Wann haben Sie zuletzt diese Worte gelesen oder in den Mund genommen? Sicher nicht im Zusammenhang mit schwerstem sexuellen, körperlichen und seelischem Missbrauch an Kindern.

Kindesmissbrauch ist ein Schwerpunktthema meiner Vorlesung in der SozialarbeiterInnenausbildung. Ich habe in diesem Seminar noch nie von organisiertem Verbrechen gesprochen. Doch von nun an muss ich es tun.

Organisiertes Verbrechen

Ich werde über organisierte Verbrechen von SozialarbeiterInnen referieren. Das Seminar besuchen die künftigen SozialarbeiterInnen und-pädagoInnen im 2. Semester ihres Studiums an der FH. Was geht wohl in ihren Köpfen vor, wenn sie daran denken, in Zukunft dieser Berufsgruppe anzugehören? Mit welchen Fragen und Aussagen sind sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, von Seiten ihrer Familie konfrontiert und wie argumentieren sie? Inwieweit wird die dunkle Geschichte der Heimerziehung ihren Berufseinstieg und ihren Berufsweg beeinflussen?

Glücklicherweise haben sie die Möglichkeit mit LektorInnen der Fachhochschule
über das zu sprechen, was sie aktuell über das Heim Wilhelminenberg in er Zeitung lesen.
Und sie lesen auch über die systematische Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, initiiert von der Stadt Wien.

Aufarbeitung braucht Zeit, viel Zeit

Das geht also? Traumatisierende Erlebnisse systematisch aufarbeiten? Ja, es geht. Und wenn sie aufgearbeitet sind, dann gibt es Zahlungen, je nach gradueller Traumatisierung natürlich. Doch: Viele Opfer haben bereits Zahlungen erhalten. Wie geht das? Da ist es nicht weit her mit der systematischen Aufarbeitung, denn die kostet Zeit, viel Zeit, die die Betroffenen brauchen bzw. bräuchten, um über das zu sprechen, was vor 40 Jahren geschah.

Alles bestens?

Hat sich die Stadt Wien eigentlich Gedanken über eine Retraumatisierung der Betroffenen gemacht oder ist das wieder einmal nur ein Gedanke, den frau/man als Psychologin und Sozialarbeiterin hat? Nun, mir jedenfalls geht es viel zu schnell, wie die Stadt Wien hier vorgeht. Missbrauchsfälle aufdecken, Zahlungen an die Opfer leisten, noch schnell Berichte darüber, dass seit der großen Heimreform im Jahr 2000 nun eh keine Heime mehr in Wien existieren und es flächendeckend Wohngemeinschaften mit bis zu acht Kindern gibt, ja und Krisenzentren gibt es auch, also alles gut. Alles Bestens!

Von wegen alles gut, alles Bestens. Genau jetzt ist es wieder (!) mal an der Zeit, die Stadt daran zu erinnern, dass es nicht genügend Plätze für (Kleinst)Kinder und Jugendliche gibt, die vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr bei ihrer Familie leben können.

Ich war zuletzt vor eineinhalb Jahren mit meinen Studierenden in einem Krisenzentrum in Wien. Was wir gesehen haben? Matratzen unter Tischen, auf denen Kinder schlafen und daneben ihre Köfferchen mit ein paar Dingen, die sie dringend zum Leben brauchen. Das Lieblingskuscheltier, ein Foto von Mama und Papa und Bruder, ein paar Kleidungsstücke, die Oma gekauft hat. Wie fühlt es sich wohl für ein Kind an zu warten? Zu warten nach und mit massiven Verletzungen. Zu warten mit Kindern und BetreuerInnen, die fremd sind, die ebenfalls unwissend sind. Denn niemand weiß, wann die Reise weitergeht. Gemäß Auftrag müssten die Kinder so schnell als möglich in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft oder einer Pflegefamilie landen. Doch die SozialpädagogInnen im Krisenzentrum können den Kindern keine Auskunft geben, auch nicht ihre zuständigen SozialarbeiterInnen des Jugendamtes. Denn die Wartelisten sind lang, für die Kinder unendlich lang.

Systemfehler

Warten bedeutet hier für alle Beteiligten Hilflosigkeit, Frustration, oftmals auch Aggression. Wen wundert es da, wenn die Kinder weglaufen wollen. Wen wundert es da, wenn die JugendamtssozialarbeiterInnen weglaufen, nur mehr für kurze Zeit am Jugendamt arbeiten. Die Wohngemeinschaften sind so voll, dass auch dort Kinder und Jugendliche nicht nur auf engstem Raum untergebracht sind, sondern oftmals von PädagogInnen betreut werden müssen, die in ihrer Ausbildung nicht genügend vorbereitet wurden auf die Praxis, die selbst hilflos sind in diesem Kontext. KollegInnen, die dringend selbst supervisorische Begleitung beim Berufseinstieg und darüber hinaus bräuchten, um den schwer traumatisierten, missbrauchten, geschlagenen Kindern ein Beziehungsangebot machen zu können.

Die Leiterin des Krisenzentrums hatte Tränen in den Augen, als sie erzählte, dass viel zu viele Kinder hier seien, dass es dringend weitere Krisenzentren und Personal bräuchte, dass sie seit zwei Jahren mehr als 60 Stunden pro Woche arbeite, was ihr übrigens deutlich anzusehen war. Und dass niemand von der Stadt Wien trotz mehrfacher Meldungen bereit sei, mehr Geld für die Jugendwohlfahrt bereitzustellen.

Was jetzt?

Nun, das war zu Zeiten, als es in Wien Rot-Grün noch nicht gab. Gibt es nun bei Rot-Grün Ambitionen die Jugendwohlfahrt systematisch zu untersuchen? Gibt es nun endlich Geld für Forschung in diesem Bereich, um sichtbar zu machen, welches System da geschaffen wurde, um misshandelte, verwahrloste, bedürftige Kinder und deren Familien zu unterstützen? Ich selbst habe vor drei Jahren mit einer Kollegin angeboten, die Jugendwohlfahrt Wiens unter die Forscherinnenlupe zu nehmen, die Arbeitsbedingungen der KollegInnen transparent zu machen, die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen, die fremduntergebracht werden mussten, zu erforschen.

Die Antwort, die wir erhielten, war klarerweise ein Nein. Ein Nein an zwei externe ForscherInnen. Einige Monate später kam eine Mail mit der Nachricht, dass intern dazu geforscht werde. Bis heute sind die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes der Magistratsabteilung nicht bekannt. Ich weiß nicht, was da rausgekommen ist.

Leben aus dem Koffer und unter dem Tisch

Aber eines weiß ich. Ich weiß, dass die Kinder im Krisenzentrum auf Matratzen schlafen, dass sie das nicht nur einige Tage tun, sondern viele Monate. Sie leben aus dem Koffer, sie wissen nicht, wann sie wohin kommen, wie sich ihre Lage bessern soll.

Keine einfachen Lösungen

Ich weiß auch, dass oft eine einfache Lösung gewählt wird. Dass es nach ganz schlimmen familiären Krisen oftmals ziemlich schnell wieder nach Hause geht. Denn zu Hause ist zu Hause, besser als jedes Heim, sagt man dann. In Anbetracht der Vorfälle im Kinderheim Wilhelminenberg wird diese Meinung nun sicherlich wieder von vielen vertreten werden. Traurigerweise auch von KollegInnen. Die Entwicklung dahinter ist jedoch eine andere. Es geht um die Kosten. Ich habe als Sozialarbeiterin fast zehn Jahre lang dafür gesorgt, dass Kinder fremduntergebracht werden. Diese Unterbringung sei viel zu teuer, wurde mir vermittelt. Meine Akten wurden kontrolliert, aber nicht von SozialarbeiterInnen, sondern von Juristen und Finanzbeamten. Wie könne ich nur so eine teure Fremdunterbringung in Erwägung ziehen?, fragten sie. Sei das denn wirklich nötig? Ja, es war nötig. Jedes einzelne Mal. Und es geschieht nur, wenn es notwendig ist, jedes einzelne Mal.

Die Riesenheime wie am Wilhelminenberg wurden geschlossen, zum Wohle der Kinder. Gut so. Sie wurden durch kleine Wohngemeinschaften ersetzt. Und die haben jetzt zu wenig Personal, schlecht ausgebildetes Personal, zu viele extrem auffällige, schwierige, oft nicht mehr zu führende Kinder zu versorgen. Sie bräuchten Geld. Aber statt dessen lässt man nun Kinder lieber bei den Eltern, das ist billiger. Und alle unterstützten dies, vom Diagnostiker bis zum Therpeuten. Es wurde allen ja oft genug vor Augen geführt, wie teuer die neue Unterbringung ist. Alle sind auf Linie.

Opfer werden manchmal wieder Opfer

Nun wage ich die Vermutung, dass einige dieser Kinder und Jugendlichen, einige dieser Opfer wieder Opfer werden. Opfer der Stadt Wien. Die Weltstadt, die sich seit Jahren weigert, den Jugendwohlfahrtsbereich einer Diagnose und einer Behandlung zu unterziehen. Ich fordere Sie hiermit dazu auf! Nicht morgen, nicht übermorgen. Heute. (Leser-Kommentar, Beatrix Kaiser, derStandard.at, 20.10.2011)

Autorin

Mag.a. Beatrix Kaiser, Psychologin und Dipl. Sozialarbeiterin, Lektorin der FH Campus Wien

Mehr als nur ein Sturz vom Wickeltisch?


Wenn bei einem Kind Verletzungen nicht zum geschilderten Unfallhergang passen, dann besteht Verdacht auf eine Misshandlung.

s ist 3 Uhr morgens an einem Sonntag, als ein Auto vor dem Haus 32 auf dem Gelände der Uniklinik vorfährt. Ein junges Paar steigt aus, der Mann holt ein Baby im Strampelanzug von der Rückbank und trägt es auf dem Arm ins Gebäude. In der Kinderklinik orientiert sich die Familie an den Schildern, folgt den Hinweisen zur Notaufnahme und meldet sich bei der Schwester. Der kleine Jannik (Name und Alter geändert) sei am Vortag vom Wickeltisch gefallen, berichtet die Mutter. Der zehn Monate alte Junge habe zunächst geweint, sich aber bald wieder beruhigt. Am Abend sei Jannik sehr schläfrig und fahrig gewesen und habe nichts trinken wollen. Er sei früh eingeschlafen, in der Nacht aber aufgewacht und habe sich übergeben. Weil er danach nicht mehr ansprechbar gewesen sei, seien sie lieber in die Klinik gekommen, berichtet sie weiter.

Die Schwester schaut nach dem Jungen auf dem Arm seines Vaters. Da fängt der Kleine an zu krampfen. Sofort funkt sie den diensthabenden Kinderarzt in der Klinik an und führt die Familie ins Behandlungszimmer. Als wenig später der Dienstarzt den Raum betritt, hat der Junge einen weiteren Krampfanfall. Abermals erzählen die Eltern vom Sturz von der Wickelkommode. Der Arzt tastet den Schädel ab, kann jedoch keinen Bruch feststellen, aber eine nach oben gewölbte Fontanelle. Da ein Blut-Schnelltest keine Entzündungszeichen ergibt und der Arzt bei der weiteren Untersuchung keine Nackensteife feststellen kann, schließt er eine Hirnhautentzündung aus. Wegen der Möglichkeit einer Aneurysmablutung, einer geplatzten Ader im Kopf, soll der Schädel noch radiologisch untersucht werden. Derweil wird schon alles für eine mögliche Operation vorbereitet; der Junge wird intubiert und künstlich beatmet.

Noch einmal rötgen
Auf der Computertomographie sind tatsächlich Blutungen zu erkennen, allerdings an mehreren Stellen. Dass das Hirnödem und die Blutungen von nur einem Sturz herrühren, erscheint dem Arzt unwahrscheinlich. Weil er ein sogenanntes Schütteltrauma vermutet, bittet er die Schwester, die Rufbereitschaft der Kinderschutzambulanz zu alarmieren. Diese wurde vor knapp einem Jahr mit finanzieller Hilfe des Vereins Kinderhilfestiftung an der Uniklinik eingerichtet. Diese Zeitung sammelt nun Spenden ihrer Leser, um die Arbeit zu unterstützen und die Ambulanz personell besser ausstatten zu können.

Heute hat Oberarzt Marco Baz Bartels Dienst. Als der auf Kinderschutz spezialisierte Arzt in der Uniklinik eintrifft, ist der Junge schon im Operationssaal. Bartels betrachtet die Röntgenbilder und bestätigt den Verdacht, dass das Kind mehr als nur einen Unfallsturz vom Wickeltisch erlitten haben muss. Die Blutungen ließen darauf schließen, dass sein Kopf ruckartig bewegt wurde. Nach der lebensrettenden Operation untersucht er Jannik genau, tastet den kleinen Körper nach Knochenbrüchen ab und lässt das Kind zur Sicherheit noch einmal röntgen. Würden bei dem Jungen neue und alte Rippenfrakturen oder andere Brüche entdeckt, könnten die Eltern ein einzelnes Unfallereignis nicht mehr glaubhaft machen, sagt Bartels.

Fotos und Röntgenaufnahmen kommen auch in die Akte
Tatsächlich sind auf dem Röntgenbild des Brustkorbs akute und verheilte Rippenbrüche zu erkennen. Außerdem hat Jannik mehrere blaue Flecken am Rücken, die Bartels fotografiert. Er veranlasst weitere Untersuchungen, um andere Ursachen wie eine Blutgerinnungsstörung oder eine Erbkrankheit zweifelsfrei auszuschließen. Im Anschluss spricht der erfahrene Arzt der Kinderschutzambulanz selbst mit den Eltern, lässt sich den angeblichen Unfallhergang schildern und schreibt alles genau mit. Die Eltern sind nervös, aber durchaus gefasst. Sie scheinen beruhigt zu sein, dass ihrem Kind hier geholfen wird. Dieses Verhalten ist Bartels aus früheren Gesprächen bekannt, entkräftigt deshalb nicht seine Annahmen. In den frühen Morgenstunden wird er die Eltern allerdings noch nicht mit dem Verdacht der Kindesmisshandlung konfrontieren.

Im Anschluss füllt er einen standardisierten Befundbogen aus, legt Fotos und Röntgenaufnahmen sowie ein Protokoll der Arztbesprechung zur Akte. Diese Dokumente würden im Fall eines Strafverfahrens vor Gericht gebraucht, berichtet Bartels. Damit ist der Fall Jannik für ihn noch lange nicht abgeschlossen. Aus Erfahrung weiß er, dass die Hauptarbeit noch vor ihm liegt.

Das Jugendamt schreitet ein
Als nächstes informiert er das zuständige Jugendamt in Frankfurt, das ebenfalls über eine Rufbereitschaft verfügt. Auch ein Rechtsmediziner der Uniklinik wird hinzugezogen. Er weiß am besten, welche biomechanischen Beweise und Dokumente von den Richtern anerkannt werden. Gemeinsam beraten die Ärzte, ob sie eine Anzeige bei der Polizei erstatten sollen, wollen aber zunächst noch die Kollegin vom Jugendamt befragen. Vielleicht kennt diese die Familie schon und hat Einblicke in deren Situation.

Da die Beweislage gegen die Eltern erdrückend ist und dem Kind bei einer Rückkehr nach Hause weitere Misshandlungen drohen könnten, nimmt das Jugendamt Jannik sofort in seine Obhut. Polizei und Familiengericht werden involviert, die Eltern in einem Besprechungszimmer der Klinik von der Mitarbeiterin des Jugendamts, Bartels und einer Psychologin des Kinderschutzteams über den Verdacht und das weitere Vorgehen informiert. Fortan haben sie nur noch ein eingeschränktes Besuchsrecht.

Jannik kann nicht mehr alleine sitzen
Nach drei Tagen ist Janniks Gesundheitszustand stabil, dank Medikamenten kommt es nicht mehr zu Krampfanfällen, und er kann aus dem künstlichen Koma geweckt werden. Von der Intensiv- wird er nun auf die normale Kinderstation verlegt. Zwei Wochen später wird er in eine kinderneurologische Fachklinik gebracht, wo er sechs Wochen lang zur Rehabilitation bleibt. Allerdings muss er sein Leben nun mit Behinderungen meistern: seine rechte Körperhälfte ist spastisch gelähmt, er hat eine starke Sehstörung und muss wegen einer sogenannten symptomatischen Epilepsie voraussichtlich sein Leben lang Medikamente einnehmen.

Dennoch findet sich eine Pflegefamilie, die Jannik aufnimmt, ihn unterstützt und regelmäßig den Kinderneurologen vorstellt. Das Schütteltrauma hat den Jungen in seiner motorischen und geistigen Entwicklung weit zurückgeworfen: Konnte er sich vor dem Klinikaufenthalt schon alleine aufsetzen, am Sofa hochziehen und einige Schritte machen, schafft er es jetzt noch nicht einmal, alleine zu sitzen. Dennoch sind seine neuen Eltern zuversichtlich: Denn aus Jannik ist innerhalb weniger Monate ein lebenslustiges und fröhliches Kind geworden, das mit seinem Lachen alle für sich gewinnt.

Quelle: F.A.Z.