Sonntag, 15. Januar 2012

Jugendamt: Ausgeklinkt und Aggressiv


Ein Kölner Jugendzentrum erstellt mit 20 Jugendlichen ein Schulmüdigkeitsporträt. Die Macher der Studie erlebten 16- bis 18-Jährige, die den Bruch mit der Schule als unabwendbares Ergebnis des Schicksals ohne eigene Verantwortung darstellen.

Eigentlich öffnet das Jugendzentrum in Meschenich erst mittags. Doch nicht selten stehen schon vormittags Jugendliche vor der Tür - für Leiterin Azibiye Kokol eine schwierige Aufgabe: Kinder schwänzen regelmäßig die Schule, täuschen ihre Eltern, indem sie die Wohnung verlassen, um dann vor der Tür der Jugendeinrichtung darauf zu hoffen, dass sie jemand hineinlässt. "Alle meinten: »Geh lieber zur Schule und mach deinen Abschluss und so. Aber ich bin nicht der Typ dafür", sagt einer von ihnen. "Ich habe schon seit Anfang abgekackt. Habe es aber erst später gemerkt." Dann habe er aufgegeben. "Ist besser."
Es ist eine der harmloseren Aussagen eines "Schulmüdigkeitsporträts", das die Meschenicher Einrichtung der "Jugendzentren Köln gGmbH" mit wissenschaftlicher Hilfe erstellen ließ. Der gute Kontakt zu den Jugendlichen machte es möglich, dass sich 20 Schulschwänzer befragen ließen. Herausgekommen ist eine Dokumentation von Selbstaufgabe, tiefem Frust, Aggression, großen sozialen Problemen und Perspektivlosigkeit.

Die Macher der Studie erlebten 16- bis 18-Jährige, die den Bruch mit der Schule als unabwendbares Ergebnis des Schicksals ohne eigene Verantwortung darstellen. Viele beschrieben sich aber auch als Menschen, die sich überhaupt keinen Regeln mehr unterwerfen wollen. "Wenn ich keine Lust mehr hatte, bin ich einfach gegangen", sagt einer. "Ist doch mein Leben, und ich muss ja nicht so leben, wie andere das wollen." Einem Lehrer oder einer Lehrerin zuhören? "Da fühle ich mich wie ein Hund oder so." Ein anderer sagt: "Mich hat gar nicht interessiert, was Lehrer gesagt haben. Nur wenn die was falsch gesagt haben, bin ich zu denen und habe gesagt: Was labern Sie?"

Das ist die höfliche Variante des Protests. Ein anderer Schüler berichtet: "Ich habe mit der Lehrerin richtig gestritten. Ich musste Gewalt einsetzen." Der Schüler kam auf eine andere Schule. Dort ist er nicht mehr hingegangen. Was dann passieren kann, beschreibt eine andere Antwort: "Wir sind von Schule zu Schule gegangen, um uns einen Namen zu machen, damit die alle wissen: Mit uns spielt man nicht. Wir wollten Lehrer schlagen. Wir haben immer irgendwas gefunden, wo wir in die Scheiße reintreten konnten. Kurz gesagt: Gewalt ist eine gute Lösung."

Die Ursachen fürs Schuleschwänzen sind vielfältig, wissen die Experten: Über- und Unterforderung, falsche Rollenzuweisungen in den Familien, schwere seelische Erkrankungen, echte Notlagen. Unabhängig davon scheint allen Fällen jedoch eins gemein: Es fehlen in den Familien oder in der Schule Vertrauens- und Respektspersonen, die rechtzeitig da sind, um mit Unterstützung, Klarheit, aber auch Druck das Abdriften zu verhindern. Drei Viertel der befragten Jugendlichen leben mit alleinerziehenden Müttern zusammen. Deren Überforderung wird durch einen soziokulturellen Aspekt verstärkt, sagen Pädagogen wie Azbiya Kokol. Die Mutter wird nicht als Autorität akzeptiert, weil sie eine Frau ist - ein Phänomen, von dem auch manche Lehrerin berichten kann, die Jungen aus Familien aus einfachen Verhältnissen und mit türkischen oder arabischen Wurzeln unterrichtet.

Er habe das "halt ausgenutzt", als der Vater nicht mehr da war, sagt einer. Früher habe er schon mal Schläge bekommen. "Aber mit meiner Mutter, eine Frau! Die kann nichts machen." Sozialarbeiter berichten, dass Mütter in solchen Situationen nicht selten sogar das Schwänzen durch falsche Entschuldigungen nachträglich erlauben. Auch in der Meschenicher Studie sagt ein Befragter, dass er schon im dritten Schuljahr mit dem Blaumachen angefangen habe. So etwas ist ohne die falsche Unterstützung von Eltern kaum denkbar. Lehrer können diese Defizite oft nicht auffangen.

Die Befragung dokumentiert aber auch, dass Lehrer selbst zur Verschärfung der Konflikte beitragen. So berichten mehrere, wie abschätzig sie behandelt wurden, als sie sich irgendwann doch mal wieder zu einem Schulbesuch entschlossen hatten. Einige sagen, sie seien vor ihren Klassen von Lehrern beschimpft worden. Auch das Schulsystem leistet seinen Beitrag zur Demotivation: Abschulungen und Sitzenbleiben sind schwer verdauliche Niederlagen.

Mitarbeiter des Schulpsychologischen Dienstes, des Jugendamtes oder in Einrichtungen der freien Jugendhilfe berichten, dass es immer wieder möglich ist, Dauerschwänzer zurück "ins System" zu holen. Dass so etwas manchmal Jahre dauern kann, deuten Antworten der Jugendlichen auf die Frage nach den Möglichkeiten von Schulsozialarbeitern an. "Wie hieß der Idiot?", sagt einer. "Ja, es gab Leute. Auf die hört man gar nicht, weil die keine Bezugspersonen waren. Denen hat man nicht vertraut. Mann, Scheiße auf die." Gesucht wird jemand, "der uns auch versteht und Ahnung von unserem Leben hat", findet einer. "Der muss von hier kommen, was verstehen vom Kanakenleben und nicht so daherkommen, so Bonzenkind", fordert ein anderer. Schulsozialarbeiter, die vor einem sitzen und "wie ein Wasserfall reden", bleiben erfolglos.

Wenig scheinen auch die Druckmittel zu bringen, die von Stadt und Staat angewandt werden. "Ich habe vom Jugendamt 1500 Euro Strafe bekommen", sagt einer. Die habe seine Mutter monatlich abbezahlt. Er musste offenbar nichts dafür tun. "Ich war schon öfters beim Jugendamt", sagt ein anderer. Da habe er "der Frau ins Gesicht gespuckt". Seitdem werde er "nicht mehr gestört". Auch dort, wo die Familien reagieren, sind die Folgen meist gering: "Meine Mutter hat die ganze Zeit geheult. Zwei bis drei Jahre lang. Fast jeden Tag. Hat mich nicht so gejuckt, sag' ich mal." Auch ein paar "Handklatscher" und "Stubenarrest" hätten nichts genützt.

Es fehlt in der Regel an lebenspraktischer Motivation, wie sie ein Jugendlicher an einem Beispiel erläutert: Seine Eltern hätten ihn für zweieinhalb Monate zu einem Onkel in die Türkei geschickt. Der Händler habe ihn jeden Tag zwölf Stunden arbeiten lassen. "Für zehn Euro reißen die sich da kaputt." Da sei ihm klar geworden, dass er so nicht leben will. Wenn er nun mal wieder nicht zur Schule wolle, denke er direkt an die Türkei. "Dann automatisch sage ich: Ich schaffe das!"

http://www.ksta.de/html/artikel/1326285631408.shtml

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