Sonntag, 29. Januar 2012

Jugendamt Hamburg - Mitte: "Holt mich aus dieser Familie!"


Die elfjährige Chantal starb an Methadon. Sie war Pflegekind bei einem Junkie-Paar.
Angeblich wussten die Hamburger Behörden nicht, dass die Pflegeeltern drogenabhängig und vorbestraft waren.

Gegen Ende ihres kurzen Lebens schrieb Chantal noch einen Brief an ihren leiblichen Vater. "Bitte holt mich aus dieser schrecklichen Familie", bat sie darin. Ihr Wunsch wurde nicht erhört. Sie blieb bei ihren Pflegeeltern an der Fährstraße im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, weil das Jugendamt es so wollte. Dort starb Chantal am 16. Januar 2012 mit elf Jahren an einer Methadonvergiftung.


Der Tod des blonden Mädchens hat in einen kollektiven Schockzustand versetzt. Nicht nur, weil Chantal bereits das dritte Kind ist, das seit 2005 in der Hansestadt aufgrund massiven Versagens von Behörden sterben musste. Sondern auch, weil die Umstände ihres Todes so unglaublich sind.

Die erste Frage, die sich nach dem Bekanntwerden des Obduktionsergebnisses zu Beginn dieser Woche stellte, war: Wie war das Mädchen an Methadon gekommen? Sie habe womöglich auf einem Spielplatz aus einer Flasche getrunken, hieß es zunächst. Die Wahrheit, die in den folgenden Tagen ans Licht kam, war viel einfacher und ebenso erschütternd: Sylvia L., die 47Jahre alte Pflegemutter der Familie, ist seit Jahren drogenabhängig, spritzte früher Heroin und nimmt nun Methadon. 31 Tabletten der Marke Methaddict fand die Polizei bei einer Razzia in der zur Wohnung gehörenden Garage. Und nicht nur das: Auch der 51 Jahre alte Pflegevater wird mit Ersatzdrogen behandelt. Er saß bereits wegen Drogenhandels im Gefängnis. Die erwachsene Tochter von Sylvia L. wurde in Spanien wegen Kokainbesitzes inhaftiert. Die Hamburger Behörden wussten von alldem angeblich nichts.

Seit 2008 lebte Chantal bei der Familie in einem Backsteinbau über einem zuletzt leer stehenden Ladengeschäft - zusammen mit einem weiteren Pflegekind, das mit der Pflegemutter verwandt ist, und den beiden leiblichen Kindern der Familie.

Nachdem der zuständige Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte, Markus Schreiber (SPD), sich nach Bekanntwerden des Obduktionsergebnisses zu der Bemerkung verstiegen hatte, dem Kind sei es in der Familie bis zu seinem Tode gut gegangen, hat er sich angesichts der jüngsten Erkenntnisse nun selbst einen Maulkorb verpasst. Jetzt will er zunächst alle Akten prüfen. Die müsste es reichlich geben, denn die Familie wurde nach Angaben Schreibers von fünf Sozialarbeitern betreut. Zuletzt sei ein Mitarbeiter am 4. Januar in der Wohnung gewesen. Das Mädchen habe damals ein verspätetes Weihnachtsgedicht vorgetragen.

Zu den Fragen, die Schreiber nach seinem Aktenstudium wird beantworten müssen, gehört die, wie es passieren kann, dass fünf Sozialarbeiter über Jahre nicht merken, dass Pflegeeltern drogenkrank sind. Oder die Frage, wieso nicht die staatlichen Stellen, sondern ein von dem staatlichen Auftrag profitierender freier Träger die Tauglichkeit der Eltern für eine Pflegschaft überprüfte, wie es aus dem Bezirk heißt. Außerdem natürlich die Frage, wieso das Jugendamt offenbar nicht wusste, dass das Paar, dem es zwei Pflegekinder anvertraute, drogenabhängig beziehungsweise in einer Methadontherapie war.

Diese letzte Frage könnte zu einem grundsätzlichen Problem führen. Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht und der Datenschutzbestimmungen konnten die Jugendämter bei der Vergabe von Pflegschaften bis vor Kurzem angeblich gar nicht prüfen, ob potenzielle Pflegeeltern drogenabhängig sind oder sich einer Substitutionstherapie unterziehen. Erst seit Jahresbeginn sei es durch eine Änderung des Bundeskinderschutzgesetzes möglich, beim behandelnden Arzt anzufragen, so die Hamburger Sozialbehörde. Der Arzt dürfe die Fragen beantworten, müsse aber nicht. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, seit 18 Jahren Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses in seinem Wahlkreis Hamburg-Mitte, hat nun gefordert, die Gesetze notfalls zu ändern. "Kinderschutz muss vor Datenschutz gehen", sagte Kahrs.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat mittlerweile Konsequenzen angekündigt. "Ein Kind ist gestorben, und das ist ganz furchtbar", sagte er. "Ich warne davor, achselzuckend zur Normalität übergehen zu wollen. Ich will, dass die Frage mit aller Sorgfalt beantwortet wird, in welcher Pflegefamilie ein Kind ein neues Zuhause finden soll."

Diese Ankündigung reicht einigen Fachleuten allerdings nicht aus. "Ich kann den Behörden nur empfehlen, sich jetzt noch einmal alle rund 1300 Pflegefamilien anzusehen", sagte etwa Thomas Böwer, langjähriger SPD-Bürgerschaftsabgeordneter, Jugendhilfeexperte und Vizepräsident des deutschen Familienverbandes. "Die allermeisten Pflegefamilien machen einen super Job, aber wir brauchen jetzt allesamt Sicherheit." Auch die 2000 Fälle sogenannter ambulanter Familienhilfen müssten überprüft werden. Zudem, so Böwer, solle die Bürgerschaft über eine Enquetekommission nachdenken, um nach den drei Todesfällen der vergangenen Jahre das System der Jugendhilfe komplett zu überprüfen.

Mittlerweile hat der Bezirk das zweite Pflegekind und die beiden leiblichen Kinder der Familie vorübergehend in einem Kinderhaus untergebracht. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Vorermittlungen aufgenommen, um zu prüfen, ob es behördliche Fehler gegeben hat. In der Hamburger Fährstraße, vor dem unauffälligen Haus, in dem die elfjährige Chantal leben musste, ohne es zu wollen, stehen Kerzen, Blumen und ein Teddy.

http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13838267/Holt-mich-aus-dieser-Familie.html

Leserkommentar: "Der traurige "Spaß" geht noch weiter - die Familie hat monatlich knapp 2000Euro für die Pflege der Kinder erhalten (eine stattliche Summe!) - und drei Kampfhunde gab es in der Wohnung auch noch, nebst umherliegenden Drogen."

Paralellen zwische Lara-Marie und Chantalle:



Hier zeigt sich eine Parallele zwischen Lara-Mia und Chantal. In beiden Fällen hat sich das Jugendamt auf einen externen Träger verlassen, ohne seine Aufgaben genau zu klären. Damals war es das Rauhe Haus. Der Jugendamts-Mitarbeiter hatte das Baby damals nicht ein einziges Mal selbst besucht, sondern verließ sich völlig auf die Mitarbeiterin vom Rauhen Haus.


2008/2009 war die Situation im Jugendamt in Wilhelmsburg allerdings auch katastrophal, die Kollegen waren völlig überlastet. Knode: „Daran hat es diesmal nicht gelegen. Wilhelmsburg ist heute mit 20 Mitarbeitern gut ausgestattet.“ Zudem haben die Amtsvormünder früher 100 Fälle betreut, jetzt nur noch die Hälfte. Knode sieht ein anderes Problem: „In den Jugendämtern sind sehr viele junge, unerfahrene Kollegen neu gestartet.“





http://www.mopo.de/nachrichten/zwei-tote-kinder-in-drei-jahren-erst-lara-mia--jetzt-chantal--toedliche-fehler-im-system,5067140,11531296.html

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