Freitag, 20. Januar 2012

Jugendamt Mannheim - Mitschuld am Tod des kleinen Marcel?


Im Fall des verstorbenen Marcel hat eine Verwandte des Jungen schwere Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Das Jugendamt sei bereits seit Jahren über die schwierigen Verhältnisse der Familie informiert gewesen. Es sei schon eingeschaltet worden, als es Probleme mit dem älteren Sohn gab - also lange bevor Marcel erkrankte. Mit dieser Aussage konfrontiert, räumte gestern der Pressesprecher der Stadt Mannheim, Peter Liebe, ein, dass die Familie von Marcel den Behörden bekannt war. "Das Jugendamt hat in dem Fall alles getan, was möglich ist, um der Mutter Hilfe anzubieten." Weitere Fragen wollte Liebe zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten.

Bereits gestern berichtete der "MM" über das Martyrium des neunjährigen Jungen. Am 3. Februar beginnt am Mannheimer Landgericht der Prozess gegen Marcels Mutter. Sie muss sich wegen Totschlags durch Unterlassung und Misshandlung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, das Kind nicht ausreichend versorgt zu haben. Marcel litt an der tödlichen Krankheit Adrenoleukodystrophie. Er war nach einem Hinweis der Ur-oma im April 2010 vom Amtsarzt in der Wohnung der Familie in einem erbärmlichen Zustand angetroffen worden. Gerade mal 14 Kilo wog er noch, hatte Wunden vom Liegen, konnte nichts mehr sehen, nicht mehr sprechen und musste künstlich ernährt werden. Offenbar wie "ein Bündel Elend" wurde er dann ins Klinikum eingewiesen, starb dort wenige Wochen später. Für die Verwandte ist klar: "Das Jugendamt hat sich viel zu spät Zutritt zur Wohnung verschafft. Nur Hilfe anzubieten, hat hier nicht gereicht." Das müsste jedem klar gewesen sein, der die Familie kannte. Marcel lebte mit einer Schwester, einem Bruder, seiner Mutter und bis 2009 auch mit seinem Vater in einer "Miniatur-Zwei-Zimmer-Wohnung", erzählt die Frau. Die Mutter sei sowieso ständig in einer Ausnahmesituation gewesen: "Mit 17 das erste Kind, keinen Job, Hartz IV - sie war schon damit überfordert." Als der älteste Sohn im Kindergarten auffällig geworden sei, habe das Jugendamt erstmals vor der Haustür gestanden und eindeutig mitgekommen, welche Verhältnisse herrschten, ist sich die Frau sicher: "Vielleicht trifft Marcels Mutter eine Teilschuld, aber wie um Himmels willen hätte sie denn das alles schaffen sollen? Es kann nicht sein, dass jetzt nur sie am Pranger steht."

Die Krankheit bei dem Neunjährigen schritt dramatisch schnell voran. Noch im Sommer 2007 wurde Marcel scheinbar kerngesund eingeschult, er tobte, spielte, kannte die Buchstaben, machte einen glücklichen Eindruck. Dann - im September - hatte er erste Aussetzer, der Hort drängte die Mutter, mit ihm zum Arzt zu gehen. Doch erstmal tappten die Mediziner im Dunkeln. "Als die Mutter erfuhr, was Marcel hat, konnte er schon nicht mehr laufen und nicht mehr sehen. Das war Anfang 2008", erinnert sich die Verwandte: "Schon damals hätte man darauf drängen müssen, ihn in ein Hospiz zu geben. Man wusste ja, dass er sterben wird." Hätte nicht sie selbst das Jugendamt anrufen können? "Das hab' einmal gemacht, dann wurde ich von Marcels Eltern beschimpft. Außerdem war ich mir sicher, dass die sowieso ein Auge auf die Familie haben."

Mannheimer Morgen
19. Januar 2012
http://www.morgenweb.de/region/mannheim/fall_marcel/index.html


Bürgermeisterin Dr. Ulrike Freundlieb hat mit Betroffenheit auf die jüngste Entwicklung im „Fall Marcel“ reagiert. Zu den Vorwürfen in einem Zeitungsbericht sagt sie: „Aus unserer Sicht hat das Jugendamt der Stadt alles getan, um der Familie und Marcel zu helfen. Wir werden gleichzeitig alles tun, um ggf. noch offene Fragen aufzuklären.“


Dem Jugendamt und den Sozialen Diensten der Stadt Mannheim ist die Familie bereits seit dem Jahr 2001 bekannt. Damals wandte sich die Mutter von Marcel an die Stadt auf der Suche nach einem Krippenplatz. Die Lage spitzte sich allerdings mit der schweren Erkrankung von Marcel Anfang 2008 zu. Damals wurde bei dem Jungen X-ALD diagnostiziert (Adrenoleukodystrophie), eine tödlich verlaufende Erbkrankheit)


„Die Aufgabe der Jugendhilfe ist es, Familien in Überlastungssituationen zu unterstützen und zu stabilisieren. Der Wunsch der Mutter, ihr todkrankes Kinde bis zum Ende zuhause selbst zu pflegen haben wir – auch nach dem Jugendhilfegesetz – zu respektieren und zu unterstützen“, so Ulrike Freundlieb. Der Soziale Dienst der Stadt hat die Mutter während der Diagnosephase der Erkrankung von Marcel unterstützt. Die Stadt informierte Marcels Mutter frühzeitig über den tödlich endenden Krankheitsverlauf des Kindes und wies die Mutter auch auf eine mögliche Hospiz-Unterbringung des Kindes hin. Das hatte die Mutter jedoch abgelehnt. Sie wollte die Pflege des Kindes selbst übernehmen. In diesem Zeitraum wurde auch eine Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) eingeschaltet. Mitarbeiter des Jugendamtes waren ab Juli 2009 regelmäßig in der Familie, um ganzheitlich bei allen familiären Problemen zu helfen. Zusätzlich waren die SPFH-Mitarbeiter im Schnitt zwei Mal die Woche für jeweils drei Stunden in der betroffenen Familie.


„Wir haben festgestellt, dass alle im Fall Marcel vorgesehenen Verfahren eingehalten wurden“, sagt Ulrike Freundlieb. Den Mitarbeitern des Jugendamtes könne hier kein Vorwurf gemacht werden.


Der damals neun Jahre alte Marcel starb im Mai 2010 im Universitätsklinikum Mannheim. Die Mutter von Marcel muss sich ab dem 3. Februar 2012 vor dem Landgericht Mannheim verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau Totschlag durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener vor.

1 Kommentar:

  1. Warum hatte die Mutter nicht täglich "Hilfe zur Pflege" durch Sozialstation erhalten? Warum hat die familienpädagogische Hilfe, die 2 mal pro Woche 3 Std. kam, nicht kontrolliert, ob das behinderte Kind ausreichend gepflegt wird? Warum bekam die Familie keine sozialhilferechtlich angemessene Wohnung (5 Zimmer bei 5 Pers.) über die GBG? Die pflegeunerfahrene Mutter mit Drogenproblemen wurde hier eindeutig nicht ausreichend unterstützt.

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