Sonntag, 29. Januar 2012

Jugendamt/Gericht:"Kindesanhörung ist nicht schlimmer als Prüfungsangst"

Als Eberhard Carl vor fünf Jahren bei einer Konferenz in Lyon berichtete, dass in Deutschland Kinder seit 1980 bei Entführungsverfahren von Richtern angehört werden müssen, da kam er gar nicht bis ans Ende seines Vortrags: "Das ist Kindesmissbrauch!", riefen hohe französische Richter aus dem Publikum. "Sie waren wütend, sie pöbelten und beleidigten mich", sagt Carl. 25 Jahre war er als Familienrichter tätig, heute leitet er im Bundesjustizministerium das Referat Mediation, Schlichtung, Internationale Konflikte in Kindschaftssachen.

Im Auftrag seines Ministeriums hat die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universität Tübingen nun untersucht, ob solche Anhörungen vor Gericht wirklich so traumatisierend für die Kinder sind. Die Studie zeigt: Richterliche Anhörungen wegen Sorgerechts- oder Umgangsstreitigkeiten belasten die Kinder nicht wesentlich; die zu beobachtende Anspannung sei vergleichbar mit der Angst vor einer Prüfung oder vor dem nächsten Zahnarzt-Termin.

Untersucht wurden dabei 49 Familien, geschulte Verfahrenspflegerinnen befragten die Kinder. Diese sollten zum Beispiel anhand einer Skala aus fünf Smileys mitteilen, wie sie sich gerade fühlten, von der Grinsebacke (eins) bis zum Gesicht mit herabhängenden Mundwinkeln (fünf).

Eine Woche vor der Anhörung betrug der Durchschnittswert 1,9, unmittelbar vor dem Gespräch 2,2, direkt nach dem Termin 1,8 und vier Wochen später 1,5. "Die Kinder sind vor der Anhörung etwas verängstigt, irritiert und erregt. Von Traumatisierung kann aber keine Rede sein", sagt Michael Karle, wissenschaftlicher Studienleiter und Oberarzt in der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Nur einen Ausreißer habe es unter den 49 untersuchten Fällen gegeben: Einer 13-Jährigen ging es vier Wochen nach der Anhörung deutlich schlechter. "Doch das lag nicht an dem Gespräch im Gericht, sondern an der schwierigen Familiensituation", sagt Karle. "Es kann passieren, dass sich die Situation zu Hause wegen der Anhörung hochschaukelt und dies dann das Kind psychisch belastet."

Eigentlich aber würden die Kinder eher entlastet, sagt Karle, wenn sie merkten: "Ich muss mich nicht zwischen Mama und Papa entscheiden. Das macht der Richter. Und dann kann niemand auf mich böse sein." Der frühere Familienrichter Carl sagt, er habe das selbst erlebt: "Wenn ein Richter das Kind fragt: 'Wie geht es dir?', dann spürt das Kind, dass es respektiert und nicht wie ein Koffer hin- und hergeschleppt wird."

Letztlich war dieser Respekt vor der Meinung des Kindes auch der Grund, warum 1980 die Anhörung von Kindern per Gesetz vorgeschrieben wurde, sobald es um Streitereien wegen Sorgerecht, Umgangszeiten oder Kindesentführung durch ein Elternteil geht.

Noch etwas zeigte die Studie: Richtern ist es hierzulande wichtig, die Kinder anzuhören, bevor sie entscheiden. Die Kindesanhörung habe einen hohen Stellenwert innerhalb des Verfahrens urteilten 884 von 1007 Familienrichtern und -richterinnen an Amts- und Oberlandesgerichten. Und die meisten teilten die Erfahrung von Carl. Rund 90 Prozent der Richter hielten die potenzielle Belastung der Kinder für vertretbar.

"Damit hat sich die Einstellung der Richter im Vergleich zu einer ähnlichen Umfrage aus den Jahren 1983 und 1984 etwas gewandelt", sagt Studienleiter Karle. Damals waren fast alle befragten Richter der gleichen Ansicht wie heute, aber nur, wenn das Verfahren nicht strittig war. Bei strittigen Verfahren hatten nur noch ein Drittel der Richter die Kindesanhörung für vertretbar gehalten.

Psychologie

Die Anhörung eines Kindes ist vorgeschrieben – aus Respekt vor dessen Meinung
Letztlich war dieser Respekt vor der Meinung des Kindes auch der Grund, warum 1980 die Anhörung von Kindern per Gesetz vorgeschrieben wurde, sobald es um Streitereien wegen Sorgerecht, Umgangszeiten oder Kindesentführung durch ein Elternteil geht.

Noch etwas zeigte die Studie: Richtern ist es hierzulande wichtig, die Kinder anzuhören, bevor sie entscheiden. Die Kindesanhörung habe einen hohen Stellenwert innerhalb des Verfahrens urteilten 884 von 1007 Familienrichtern und -richterinnen an Amts- und Oberlandesgerichten. Und die meisten teilten die Erfahrung von Carl. Rund 90 Prozent der Richter hielten die potenzielle Belastung der Kinder für vertretbar.

"Damit hat sich die Einstellung der Richter im Vergleich zu einer ähnlichen Umfrage aus den Jahren 1983 und 1984 etwas gewandelt", sagt Studienleiter Karle. Damals waren fast alle befragten Richter der gleichen Ansicht wie heute, aber nur, wenn das Verfahren nicht strittig war. Bei strittigen Verfahren hatten nur noch ein Drittel der Richter die Kindesanhörung für vertretbar gehalten.


Verändert hat sich allerdings die Praxis der Kindesanhörung. Heute werden auch jüngere Kinder angehört, mitunter schon Dreijährige. Auch hat sich die Befragungsatmosphäre stark verbessert. Eltern sind nur noch in Ausnahmefällen anwesend – das mindert den Loyalitätskonflikt. Außerdem wird nur noch jedes fünfte Kind im Gerichtssaal angehört – oft reicht das Büro des berichterstattenden Richters und für die Jüngeren gibt es spezielle Spielzimmer.

Allerdings muss eine Kindesanhörung vor dem gesamten Senat stattfinden, heißt es in einem Beschluss des Bundesgerichtshofs vom April 2010. Es reiche nicht aus, dass ein einzelner Richter sich einen Eindruck von dem Kind verschafft und dann den Kollegen Bericht erstattet. Das würde bedeuten, dass Kinder doch wieder vor mehr Unbekannten angehört würden: "Das wäre fürchterlich, denn das würde die Kinder mehr belasten und wäre auch wenig kind- und zeitgemäß", sagt Psychiater Karle. Möglicherweise könnten Video-Übertragungen in Echtzeit einen Kompromiss liefern. "Im Strafrecht ist das ja bereits üblich."

http://www.zeit.de/wissen/2011-03/kind-anhoerung-gericht/seite-2

Kindesanhörung in DeutschlandIn Artikel 12 der 1990 in Kraft getretenen UN-Kinderrechtskonvention steht: Ein Kind soll seine Meinung frei äußern können und deswegen solle es "in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren" gehört werden.

In Deutschland müssen Richter ein Kind anhören, wenn seine Eltern vor Gericht über das Sorgerecht streiten oder andere familienrechtliche Verfahren anhängen. So schrieb es das Gesetz über die freiwillige Gerichtsbarkeit (FGG) in § 50b vor. Und so steht es auch im Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG), das das FGG am 01.09.2009 abgelöst hat. Das neue Gesetz hat einige Stellen präzisiert: Es wird nun deutlicher, dass die Anhörung Pflicht ist.

Mehr als 10.000 Kindesanhörungen finden in Deutschland pro Jahr statt.

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