Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte „Ich weiß nicht wohin“. Aber ich beklage mich nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Quelle: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Anaconda Verlag 2013, S. 9f.

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Freitag, 11. Mai 2012

Augsburg: Wird ein Kind in der Ukraine versteckt?

Seit fast zwei Jahren bekämpfen sich die Eltern eines zehnjährigen Jungen vor Gericht. Der Vater wurde jetzt wegen der Entziehung eines Minderjährigen verurteilt. Von Klaus Utzni



Wenn Eltern sich nach einer Trennung bekriegen, dann wird der Streit nicht selten auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Dann wird bis aufs Blut um das Sorgerecht gekämpft. Seit nahezu zwei Jahren beschäftigt das Schicksal des zehnjährigen ukrainischen Buben Denys (Name geändert) die Familiengerichte. Das Besondere an dem verzwickten Fall: Das Kind ist von seinem Vater am 21. Juli 2010 in die Ukraine gebracht worden – und bis heute nicht zurückgekehrt.
Und nicht nur die Mutter vermutet, dass der Bub dort vor dem Zugriff der Behörden regelrecht versteckt wird. Der Vater, 42, ist jetzt von Strafrichterin Ulrike Ebel-Scheufele in Abwesenheit wegen Entziehung Minderjähriger zu einer Geldstrafe von 10500 Euro (150 Tagessätze zu je 70 Euro) verurteilt worden. Denys, der die Internationale Schule in Gersthofen besuchte, sollte mit Zustimmung der Mutter die großen Ferien bei seinen Großeltern in der Ukraine verbringen. Doch etwa zur selben Zeit gerieten die Eltern, die erfolgreich eine Pflegeeinrichtung betrieben, wegen finanzieller Differenzen heftig in Streit, was letztlich zur Trennung, gegenseitigen Strafanzeigen und etlichen zivilrechtlichen Gerichtsverfahren führte. Die Folge: Das Kind wurde vom Vater nicht mehr nach Augsburg zurückgebracht. Nach dem internationalen Haager Kinderschutzabkommen ist die Rechtslage eigentlich klar: Der Bub muss wieder nach Deutschland zurück, wo er bislang lebte. Doch entsprechende Anordnungen des Augsburger Familiengerichts nutzten der Mutter bislang wenig.
Denn inzwischen ist in der Ukraine ein Streit zwischen dem Vater und den Großeltern über das Sorgerecht ausgebrochen, so schilderte Anwalt Gerhard Ackermann, Verteidiger des abwesenden Angeklagten, im Strafprozess die derzeitige Situation. Sein Mandant, der sich in der Ukraine befinde, habe momentan gar keinen Zugriff auf das Kind. Das Oberste Gericht in Kiew beschäftige sich derzeit höchstrichterlich mit dem Fall. Mehrmals, so kam im Prozess zur Sprache, hätten Beamte ukrainischer Gerichte schon versucht, an das Kinder heranzukommen. Vergeblich. Der Bub ist angeblich nicht auffindbar. Das Oberlandesgericht München hat inzwischen Rechtsanwalt Stefan Pfalzgraf als Pfleger eingesetzt und ihm das Sorgerecht bis zur Klärung des Falles zugesprochen. Er betreibt nun das Rückführungsverfahren nach dem Haager Übereinkommen.

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