Mittwoch, 9. Mai 2012

Mannheim: Marcel - Staatsanwalt fordert fast zehn Jahre Haft

Der behinderte neunjährige Marcel wog nur noch 14 Kilo als er ins Krankenhaus kam - die Ärzte konnten ihn nicht mehr retten. Für die Staatsanwaltschaft trägt die Mutter die alleinige Schuld.

Im Prozess um den Tod des Kindes Marcel hat die Staatsanwaltschaft neuneinhalb Jahre Gefängnis gefordert. Die angeklagte Mutter brach in Tränen aus. Ihr Verteidiger Steffen Lindberg plädierte auf eine Strafe von höchstens sechs Jahren. Das Urteil soll am Mittwoch verkündet werden.

Die 31-Jährige hatte die künstliche Ernährung für das schwerkranke neunjährige Kind abgesetzt. "Sie hat Marcel sterben lassen", sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Hofmann. Gegenüber dem Jugendamt habe die Mutter behauptet, das Kind werde ärztlich betreut. Offenbar eine Lüge: Als er im April 2010 ins Mannheimer Uniklinikum kam, wog Marcel nur noch 14 Kilo und war völlig verwahrlost. Normal ist ein Gewicht von rund 23 Kilo. Ärzte kämpften vergeblich um das Leben von Marcel. Der sei am 29. Mai 2010 an den Folgen der Unterernährung gestorben, sagte Hofmann.

Er wirft der Mutter Totschlag durch Unterlassen sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen vor.

Ein Mitverschulden des Jugendamtes oder von Ärzten vermochte Hofmann nicht zu erkennen. "Sie eignen sich nicht als Sündenbock, um die Angeklagte zu entlasten", sagte er. Der "gesamte Sachverstand" des Jugendamtes sei damals mit der Familie befasst gewesen. Um die alleinerziehende Mutter bei der Pflege von Marcel zu entlasten, seien die beiden anderen Kinder zehn Stunden pro Woche betreut worden.


Der Oberstaatsanwalt sieht jedoch eine "Lücke zwischen Jugendhilfe und Gesundheitshilfe. Marcel ist in diese Lücke gefallen."

Sie habe die künstliche Ernährung eingestellt, um die Qualen des Jungen zu beenden, bekannte die Mutter zu Prozessbeginn. Sie werde ein Leben lang an ihrer Schuld tragen.

Seine Mandantin habe "die Augen vor der Realität verschlossen", sagte Verteidiger Steffen Lindberg. Sie sei nicht fähig gewesen, um Hilfe bei der Pflege von Marcel zu bitten. "Er war ihr nicht egal, sie hat ihn geliebt", sagte Lindberg. "Sie war eine gute Mutter und hat zuletzt versagt."


Der Anwalt hat Zweifel, ob der Nahrungsentzug tatsächlich zum Tod des Kindes führte. Dessen Erbkrankheit sei damals bereits im Endstadium gewesen. Der Verteidiger hält eine Mitschuld Dritter für möglich. Er verwies darauf, dass die Staatsanwaltschaft gegen Mitarbeiter des Jugendamtes und eines Freien Trägers ermittelt - wegen des Verdachtes der fahrlässigen Tötung.


Marcel litt an der unheilbaren Erbkrankheit Adrenoleukodystrophie. Die führt zu einem raschen neurologischen Verfall und einem frühen Tod. Seine Lebenserwartung betrug nur noch wenige Jahre. Ende 2009 war der Bub taub, blind, gelähmt und seine Kochen verformten sich. Da er weder kauen noch schlucken konnte, musste er über eine Sonde ernährt werden. Dennoch entschloss sich die alleinerziehende Mutter, ihn daheim zu pflegen. Das Jugendamt respektierte diesen Entschluss. Den Vorschlag, den Jungen in einem Hospiz unterzubringen, lehnte die Mutter ab. Und das obwohl ein zweites ihrer drei Kinder aufgrund von ADHS stark verhaltensauffällig war.


Alarmiert durch die Uroma Marcels, hatte sich ein Amtsarzt am 9. April 2010 Zugang zu der Wohnung verschafft. Da war Marcel nur noch Haut und Knochen und lag in seinen Exkrementen.


Bevor das Kind in die Klinik kam, hatte es monatelang keinen Arzt gesehen. Die Mutter kümmerte sich auch nicht darum, dass Marcel weiterhin seine Medikamente verschrieben bekam.


http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/ueberregional/baden-wuerttemberg_artikel,-Staatsanwalt-fordert-fast-zehn-Jahre-Haft-_arid,172568.html

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