Freitag, 8. Juni 2012

Jugendamt Stendal: Todesfall Jason

„Wir waren da, um die Gefährdung abzuschätzen“, erklärte Jugendamtsmitarbeiter Nicky P. gestern vor dem Landgericht in Stendal. Dort hörte die Große Strafkammer weitere Zeugen im Todesfall des Säuglings Jason.


Es habe Hinweise gegeben, dass die Mutter Patricia B. mit den Gebühren für die Kita im Verzug war. Und: Ein entfernter Verwandter hatte dem Jugendamt mitgeteilt, dass das Baby Ende August einen so wunden Po hatte, dass sich sogar Blasen an der aufgerissenen Haut gebildet hatten. Das hatte der Zeuge Andreas zu Beginn des Verhandlunsgtages ausgesagt. Nur einmal hatte Andreas den Jungen gesehen, das war Ende August, als er mit seiner Frau deren Tante besuchte. Die Großmutter von Patricia B. Die hatte Jason und die jüngere Tochter an diesem Tag bei der Uroma abgegeben, um zu einer Einschulung gehen zu können.



Doch nachdem Andreas und eine weitere Zeugin, Simone, das Baby wickeln wollten, seien sie entsetzt gewesen, wie auch die 53-Jährige dem Gericht schilderte. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte Andreas. Überall habe es wunde und offene Stellen am Po gegeben, bis zu den Beinen, und die Windel habe praktisch an der Haut geklebt. Er habe den Eindruck gehabt, als wäre der Junge den ganzen Tag nicht gewickelt worden. Diese Einschätzung wollte Simone gestern allerdings nicht bestätigen. Beide Zeugen erzählten, dass sie Jason erst einmal in ein Kamillenbad setzten und mit einer speziellen Wundsalbe einrieben, damit er mit einer neuen Windel zur Ruhe kommen konnte. Eine Wickeltasche hatte Patricia B. allerdings nicht da gelassen. „Für die Kinder nichts mit, aber aufgedonnert und geschminkt“, bringt der 57-Jährige seine Aussage auf den Punkt. Andreas schildert auch, dass die jüngere Tochter den Eindruck machte, Hunger zu haben. Patricia B. habe zwar bei der Oma eine Kohlroulade bekommen, ihre Tochter nichts. Bis sie sich über eine ganze Schachtel Schokolade hermachte.


Am nächsten Tag habe die Angeklagte überhaupt nicht reagiert, als Andreas sie zur Seite nahm und mit ihr über Jason reden wollte. „Sie hat sich immer abgewandt.“ Mittlerweile vermutet der Städtische Vollzugsbeamte, dass Patricia B. Angst gehabt haben könnte, dass er aufgrund seines Berufes ihren Drogenkonsum an ihren Augen hätte feststellen können. Einen Tag später habe er sich ans Jugendamt gewandt und die wunden Stellen bei Jason geschildert. Die Mitarbeiter hätten ihm nach dem Hausbesuch mitgeteilt, dass das gar nicht so schlimm sei mit dem Kind. Aber er blieb mit dem Jugendamt in Kontakt und erfuhr auch durch die Mitarbeiter vom Tod des Jungen.

Dass die jüngere Tochter zu dünn war und Hunger hatte, konnte die zweite Zeugin Simone allerdings nicht bestätigen, wohl aber die wunden Stellen von Jason. Die Oma von Patricia habe ihr erzählt, dass sie ab Oktober keinen Kontakt mehr zu der Enkelin hatte, was im Gegensatz zu den Aussagen der Angeklagten steht, ihre Kinder seien über die Party-Wochenenden bei der Uroma gewesen. Das soll sie zumindest ihren Freunden immer erzählt haben. Die Großmutter selbst verweigerte gestern die Aussage. Jugendamtsmitarbeiter Nicky P. schilderte dem Gericht den Hausbesuch bei der Angeklagten. Diese sei zugänglich gewesen und habe den Mitarbeitern Jasons Po gezeigt, der „am Abheilen war.“ Die Angeklagte habe auch Hilfebedarf in finanzieller Hinsicht signalisiert und im Beisein des Jugendamtes einen Termin bei der Kinderärztin vereinbart, für die versäumte U3-Untersuchung. „Danach hat sie aber keinen weiteren Termine wahrgenommen“, berichtet Nicky P., und sie habe weder auf Ladungen und Anrufe reagiert. Auch bei Hausbesuchen am 29. September und 13. Oktober habe er niemanden bei Patricia B. zu Hause antreffen können. Kurz darauf wird im Publikum applaudiert, als Nicky P. erzählt, dass er zwischen den Hausbesuchen nur zweimal versucht hatte, die Angeklagte zu erreichen. Der 29-Jährige wird aufgrund seines Beifalls sofort des Saals verwiesen.


Als letzte Zeugin sagte die behandelnde Kinderärztin Dr. Ingrid Thielbeer aus. Sie hatte Jason nur einmal zur U2-Untersuchung Anfang August 2011 gesehen. „Er war ein gesundes, gut entwickeltes Kind. Kräftig, rosig und munter“, beschreibt die Ärztin. Probleme und Sorgen habe es nach Aussage der Mutter mit Baby Jason nicht gegeben, aber sie sei zu den nachfolgenden Terminen, der U3 und den empfohlenen Gewichtskontrollen nicht mehr erschienen, ebenso wie zu den Terminen beim Jugendamt.



Von Bianca Lange


http://www.az-online.de/nachrichten/landkreis-stendal/stendal/kinder-nichts-mit-aber-aufgedonnerttodesfall-jason-kinderarzt-besuch-verwandter-verstaendigt-jugenda-2346661.html




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