Donnerstag, 7. Juni 2012

Zwickau: "Richter erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt"



Vor dem Zwickauer Amtsgericht mussten sich am Mittwoch die Mutter von zwei sowie der Vater von einem Jungen wegen Misshandlung Schutzbefohlener, Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht verantworten.

Konkret ging es um mehrere Prügelattacken, einen Biss der Mutter, heftige Beschimpfungen und Vernachlässigung. Jahrelang waren die heute elf- und neunjährigen Kinder daheim einem Martyrium ausgeliefert, bis sie das Jugendamt schließlich aus der Familie holte und in einem Heim unterbrachte, wo sie bis heute leben. "Der Erziehungszustand der Kinder ist noch immer so schlimm, wie ich es noch nicht erlebt habe", sagte Richter Stefan Noback.

Während der mehrstündigen Verhandlung zeigten sich die Angeklagten zum Teil geständig. So räumte die Mutter ein, dass sie das eine Kind gebissen habe. Auch die Vernachlässigung beider Jungen gab die 32-Jährige zu. Sie sei mit der Erziehung überfordert gewesen. Der Vater des jüngeren Kindes leugnete zunächst, handgreiflich geworden zu sein. Letztlich gab er aber an, seinen leiblichen Sohn zumindest einmal geschlagen und einen Pantoffel in sein Gesicht geworfen zu haben.
Die Situation der Werdauer Familie hatte sich vor allem im Jahr 2007 zugespitzt. Damals hatten die Kinder in der Wohnung gezündelt, woraufhin es zu einem Brand kam. In dessen Folge starb der jüngste Sohn der beiden Angeklagten an einer Rauchgasvergiftung. "Vor allem die Mutter litt unter dem Tod des Kindes", sagte Staatsanwältin Ines Leonhardt. Sie machte ihre Kinder für den Verlust verantwortlich, beschimpfte sie als Mörder und Arschlöcher. Als auch noch der alkoholabhängige leibliche Vater des Älteren nach einer Haftentlassung vorübergehend in die Wohnung der Familie zog, eskalierte die Situation. Die beiden Männer hätten regelmäßig die Kinder verprügelt. Die Mutter unternahm nichts, schlug sogar selbst mit zu.

Trotz der prekären Verhältnisse schritt das Jugendamt nicht ein, obwohl eine Erziehungshelferin seit vielen Jahren regelmäßig die Familie besuchte. Erst eine Anzeige der Tochter des Angeklagten bei der Polizei brachte den Stein ins Rollen und die Eltern vor Gericht.

Da die Beweisführung in solchen Fällen laut Staatsanwaltschaft allerdings schwierig ist, da immer ganz konkrete Missbrauchsfälle nachgewiesen werden müssen, fielen die Strafen für beide Angeklagte mild aus. Jeweils ein Jahr und drei Monate auf Bewährung lautete das Urteil. Bei der Mutter belegte ein psychiatrisches Gutachten, dass sie nach dem Tod des Kindes unter einem Trauma litt und nur bedingt schuldfähig gewesen sei. In seiner Urteilsbegründung richtete der Richter allerdings schwere Vorwürfe an das zuständige Jugendamt. "Es ist ein Unding, dass sie nichts unternommen haben", sagte Noback.


erschienen am 06.06.2012 (Von Denise Märkisch)



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