Sonntag, 1. Juli 2012

Leipzig: Staatsanwaltschaft prüft Verhalten von Amt und Nachbarn

Der vor knapp einer Woche in Leipzig tot aufgefundene Junge hätte möglicherweise gerettet werden können. Wie ein Polizeisprecher am Sonnabend erklärte, hatten Nachbarn den Zweijährigen in der Wohnung schreien hören, aber nichts unternommen. Als Grund gaben sie an, der Kleine habe in den vergangenen Monaten immer wieder geschrien.

Hätten Behörden oder Nachbarn etwas tun können? 

Nach Aussage von Ricardo Schulz, Sprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig, wird derzeit in mehreren Richtungen ermittelt, ob Unterlassungshandlungen vorliegen. Bisher lägen jedoch noch keine Anhaltspunkte dafür vor. Zu klären sei, ob es Versäumnisse beim Jugendamt oder dem Allgemeinen Sozialdienst gegeben habe. Aber auch das Verhalten der Nachbarn stehe auf dem Prüfstand der Ermittler, erklärte Schulz.

Das Jugendamt hatte am Freitag bestätigt, dass die Mutter des Jungen der Behörde seid ihrem 16. Lebensjahr wegen ihrer Drogensucht bekannt war. Beide waren am vergangenen Sonntag tot in einer Wohnung im Leipziger Stadtteil Gohlis gefunden worden. Den vorläufigen Obduktionsergebnissen zufolge handelt es sich nicht um Gewalttaten. Die Ermittler vermuten allerdings, dass der Zweijährige seine Mutter mehrere Tage überlebte und hilflos in der Wohnung verdurstete. Die Stadt kündigte für kommenden Montag ein Treffen mit Drogenhilfe, Gesundheitsamt, Sozialdienst und Jugendamt an. Sie will sichergehen, dass es bei der Betreuung der Mutter keine Lücke gab. Diese habe nach bisherigen Kenntnisstand ihr Kind nie vernachlässigt, sagte Stadtsprecher Matthias Hasberg.

Kinderpsychiater: Kurze Kontrollintervalle nötig 

 Der Direktor der Leipziger Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kai von Klitzing, forderte angesichts des Dramas ein schärferes Kontrollsystem. Er erklärte in der "Leipziger Volkszeitung", drogenabhängige Eltern seien ein hohes Risiko für ihren Nachwuchs. Deshalb sollten die betroffenen Kinder wöchentlich beim Arzt vorgestellt werden und ebenso oft Besuch von einer Familienhelferin bekommen, sagte der Kinderpsychiater. Auch der Besuch einer Kita sollte Pflicht sein. Im vorliegenden Fall hatte ein Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes die Frau und ihren Sohn am 10. April zuletzt gesehen. Den Kontakt danach zwei Monate ruhen zu lassen, war von Klitzing zufolge fahrlässig, weil sich der Zustand drogenabhängiger Eltern häufig und schnell ändern könne.

Kritik kommt auch von der Deutschen Kinderhilfe. Der Vorsitzende Georg Ehrmann sprach von Behördenproblemen. Es herrsche vielerorts, offenkundig auch in Leipzig, eine Mentalität, dass es schon gut gehen werde. Ehrmann kritisierte in diesem Zusammenhang das seit Januar geltende Bundeskinderschutzgesetz, in dem bewusst auf verbindliche einheitliche Fachstandards verzichtet worden sei. Es gehöre nach diesem Fall auf den Prüfstand.

 http://www.mdr.de/nachrichten/toteskind104_zc-e9a9d57e_zs-6c4417e7.html


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