Der vor knapp einer Woche in Leipzig tot aufgefundene Junge hätte
möglicherweise gerettet werden können. Wie ein Polizeisprecher am
Sonnabend erklärte, hatten Nachbarn den Zweijährigen in der Wohnung
schreien hören, aber nichts unternommen. Als Grund gaben sie an, der
Kleine habe in den vergangenen Monaten immer wieder geschrien.
Hätten Behörden oder Nachbarn etwas tun können?
Nach Aussage von Ricardo Schulz,
Sprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig, wird derzeit in mehreren
Richtungen ermittelt, ob Unterlassungshandlungen vorliegen. Bisher lägen
jedoch noch keine Anhaltspunkte dafür vor. Zu klären sei, ob es
Versäumnisse beim Jugendamt oder dem Allgemeinen Sozialdienst gegeben
habe. Aber auch das Verhalten der Nachbarn stehe auf dem Prüfstand der
Ermittler, erklärte Schulz.
Das Jugendamt hatte am Freitag
bestätigt, dass die Mutter des Jungen der Behörde seid ihrem 16.
Lebensjahr wegen ihrer Drogensucht bekannt war. Beide waren am
vergangenen Sonntag tot in einer Wohnung im Leipziger Stadtteil Gohlis
gefunden worden. Den vorläufigen Obduktionsergebnissen zufolge handelt
es sich nicht um Gewalttaten. Die Ermittler vermuten allerdings, dass
der Zweijährige seine Mutter mehrere Tage überlebte und hilflos in der
Wohnung verdurstete. Die Stadt kündigte für kommenden Montag ein Treffen
mit Drogenhilfe, Gesundheitsamt, Sozialdienst und Jugendamt an. Sie
will sichergehen, dass es bei der Betreuung der Mutter keine Lücke gab.
Diese habe nach bisherigen Kenntnisstand ihr Kind nie vernachlässigt,
sagte Stadtsprecher Matthias Hasberg.
Kinderpsychiater: Kurze Kontrollintervalle nötig
Der Direktor der Leipziger Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Kai von Klitzing, forderte angesichts des Dramas ein schärferes
Kontrollsystem. Er erklärte in der "Leipziger Volkszeitung",
drogenabhängige Eltern seien ein hohes Risiko für ihren Nachwuchs.
Deshalb sollten die betroffenen Kinder wöchentlich beim Arzt vorgestellt
werden und ebenso oft Besuch von einer Familienhelferin bekommen, sagte
der Kinderpsychiater. Auch der Besuch einer Kita sollte Pflicht sein.
Im vorliegenden Fall hatte ein Mitarbeiter des Allgemeinen
Sozialdienstes die Frau und ihren Sohn am 10. April zuletzt gesehen. Den
Kontakt danach zwei Monate ruhen zu lassen, war von Klitzing zufolge
fahrlässig, weil sich der Zustand drogenabhängiger Eltern häufig und
schnell ändern könne.
Kritik kommt auch von der Deutschen
Kinderhilfe. Der Vorsitzende Georg Ehrmann sprach von Behördenproblemen.
Es herrsche vielerorts, offenkundig auch in Leipzig, eine Mentalität,
dass es schon gut gehen werde. Ehrmann kritisierte in diesem
Zusammenhang das seit Januar geltende Bundeskinderschutzgesetz, in dem
bewusst auf verbindliche einheitliche Fachstandards verzichtet worden
sei. Es gehöre nach diesem Fall auf den Prüfstand.
http://www.mdr.de/nachrichten/toteskind104_zc-e9a9d57e_zs-6c4417e7.html
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