Donnerstag, 13. März 2014

Kinder werden massiv beeinflusst, damit Gericht und Jugendamt zu dem gewünschten Ergebnis gelangen


Treffen mit den Eltern finden zunächst nur im Beisein einer Umgangsbegleiterin statt, alle 14 Tage. Während die Mutter ihren Sohn von Anfang an nur in einem kleinen Zimmer in den Räumen der Umgangsbegleiterin sehen darf, erhält der Vater Privilegien: Ihm werden während der Umgangstermine Ausflüge und ein Besuch des Oktoberfests in München gestattet. Wenig überraschende Folge: Dem Jungen machen die Treffen mit dem Vater mehr Spaß. Im August 2011 wird Robert Schmelzer dennoch das Sorgerecht entzogen. Es stehe nicht fest, ob er in der Lage sei, den Bedürfnissen seines durch die Trennung schwer beeinträchtigten Sohnes gerecht zu werden, lautet die Begründung des Gerichts. 

Die Mutter scheidet als Sorgeberechtigte ohnehin aus. Zum Zeitpunkt, als die Psychologin ihr Gutachten beim Familiengericht abgibt, läuft gegen sie am Landgericht München immer noch das Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs. Das Gericht übergibt das Sorgerecht vorläufig der Katholischen Jugendfürsorge. Im Oktober 2011 äußert Matthias laut einem Schreiben der kirchlichen Einrichtung »den Wunsch, die Mutter öfter und länger als jetzt sehen zu können und mit ihr auch Ausflüge machen zu können«. 

November 2012. Matthias lebt inzwischen bei seinem Vater. Obwohl das Gericht noch im August 2011 seine Erziehungsfähigkeit bezweifelte, durfte er, ohne weitere Prüfung seiner Eignung, den Sohn im Dezember 2011 bei sich zu Hause aufnehmen. Das Gericht hat nun, knapp ein Jahr später, wieder einen Gutachter bestellt, der klären soll, wie Umgänge zwischen Mutter und Sohn künftig gestaltet werden könnten. Beim ersten Gespräch mit dem Gutachter sagt der Junge, dass er seine Mutter nicht sehen will. 

Woher der Sinneswandel? Gerichtsakten belegen, dass auf den Jungen von mehreren Seiten eingewirkt wurde. Das Strafverfahren gegen die Mutter endete mit der Einstellung im Oktober 2011 – die Aussagen der Haushälterin waren durch Ermittlungen der Polizei in allen wesentlichen Punkten widerlegt. Dennoch hat ein Mitarbeiter der katholischen Jugendfürsorge Matthias erklärt: »Die Mama hat einiges nicht gut gemacht.« Außerdem könne er nicht länger bei seiner Pflegefamilie bleiben und müsse entscheiden, ob er in eine andere Pflegefamilie oder zum Vater wolle. Der Junge entschied sich für den Vater. 

Die Umgangsbetreuerin, die bisher die Treffen zwischen Matthias und seiner Mutter überwacht hat, beendet daraufhin ihre Tätigkeit. Sie habe Bedenken, die Mutter werde sich und ihren Sohn umbringen, wenn sie erfährt, dass er nicht zu ihr zurückkehrt. Obwohl es sich um reine Spekulation handelt, erfährt auch Matthias davon: Seine Therapeutin erklärt ihm, seine Mutter könne ihn möglicherweise nach Südamerika entführen. Die Botschaft wirkt: Anfang 2012 erzählt der Junge Freunden in der Schule, er fürchte, seine Mutter könne ihn entführen. Mitte April 2012 ist die Richterin zu Hause bei Matthias und seinem Vater, um zu sehen, wie er lebt. Sie fragt, ob er immer noch Angst habe, dass er entführt werde. Kurz zuvor hat sie der Mutter für sechs Monate das Umgangsrecht entzogen. 

Im Februar 2013 kommt es zu einem erneuten Treffen zwischen dem Jungen und dem Gutachter. Er bietet ihm an, dass er seine Mutter im März oder April sehen könne. Das lehnt Matthias »kategorisch« ab. In einer Sitzung vor Gericht stellt der Gutachter fest, die Aussagen des Jungen hätten sich »komplett umgedreht«. Die Veränderungen seien »schwer erklärbar« und beruhten womöglich auf einer Beeinflussung des Jungen durch den Vater. Er ist der einzige Experte in dem Verfahren, der diesen Verdacht äußert. Die Therapeutin, Mitarbeiter des Jugendamts, die Verfahrenspflegerin und die Richterin, die zuvor die Mutter beschuldigten, sie habe ihren Sohn gegen ihren Vater aufgewiegelt, schweigen nun. 

Wiederholt versucht der Gutachter, den Jungen allein in seiner vertrauten Umgebung zu sprechen, in seinem Kinderzimmer. Dazu kommt es nicht, die Treffen finden in der Praxis des Vaters statt, der selbst auch anwesend ist. Der Junge wolle das so, sagt der Anwalt des Vaters. Außerdem lehnt er den Gutachter vor Gericht wegen Befangenheit ab. Er habe den Eindruck, »der Sachverständige stehe in einer klammheimlichen Allianz mit der Mutter«, schreibt er an das Gericht. 

Im Sommer 2013 beantragt der Vater, den Umgang zwischen der Mutter und dem Jungen bis zu dessen 18. Lebensjahr auszuschließen. Neun Monate zuvor hatte sein Anwalt mitgeteilt, dass der Vater »selbstverständlich eine gerichtliche Regelung des Umgangs unterstützen« werde. Nun argumentiert er, Matthias habe »sich eindeutig gegen einen Umgang mit der Mutter« ausgesprochen. Er sei zwölf Jahre alt und »zu einer eigenen Willensbildung fähig«. Ein Treffen zwischen den beiden, wie vom Gutachter angeregt, werde nur dazu führen, dass Matthias »noch weiter in seiner emotionalen Entwicklung gestört wird«. Der Rechtsanwalt fragt, ob der Gutachter »eine solche Kindeswohlgefährdung tatsächlich verantworten« könne. Als der Sohn 15 Monate lang vergeblich seinen Willen ausdrückte, zur Mutter zurückzukehren, sah der Anwalt offenbar keine Kindeswohlgefährdung. 

Auch die Rechtspflegerin des Jungen schreibt im September 2013 ans Gericht, Matthias habe deutlich gemacht, dass »ihm derzeit ein Umgang mit der Mutter nicht möglich und für ihn nicht vorstellbar« sei. »Den Willen des Kindes immer wieder in Frage zu stellen, erweckt den Eindruck, dass Matthias nicht ernst genommen wird. Dies muss auch der Eindruck des Kindes sein.« Das Jugendamt schließt sich an: Der Junge wolle keinen Kontakt zur Mutter. »Wie oft soll er es noch aussprechen?« 


P.S. Auch das kommt mir alles sehr bekannt vor. Man tut alles dafür, dass die Kinder sich den Wünschen der "Experten" fügen.

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