Montag, 9. Juni 2014

DROGENABHÄNGIGE ELTERN : Interview: „Das Kindeswohl wird nicht gewährleistet“

Welchen Belastungen sind Kinder von Drogenabhängigen ausgesetzt?

Vielfach sind ihre Eltern durch die Sucht und negative Erfahrungen nicht in der Lage, sich fürsorglich zu kümmern. Die Kinder sind in existenziellen Bereichen auf sich gestellt. Schon Säuglinge leiden unter der fehlenden Empathie der Mutter, die Signale ihres Kindes nicht erkennt und entsprechend reagiert. Das Verhalten der Eltern ist nicht selten unberechenbar, schwankt zwischen Fürsorge, Desinteresse und Aggression. Entsprechend zerrissen sind die Kinder in ihren Gefühlen: Sie pendeln zwischen Angst und Ablehnung, Liebe und Loyalität zu den Eltern.
Was heißt das für ihre Entwicklung?
Weil sie sich selbst als nicht liebenswert erfahren haben, leiden sie oft unter einem schlechten Selbstwertgefühl, sind scheu und unsicher. Oft geraten sie in die soziale Isolation, haben wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, da die Sucht nicht öffentlich werden darf. Die Bandbreite reicht von Verhaltensauffälligkeiten über Schulschwierigkeiten bis zu psychischen und körperlichen Krankheiten. Kinder aus Suchtfamilien haben ein sechsfach erhöhtes Risiko, selbst abhängig zu werden. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe, sind aber oft nicht in der Lage, enge emotionale Beziehungen einzugehen.
Werden die Kinder ausreichend geschützt?
Schätzungen zufolge leben in Deutschland 2,6 Millionen Kinder mit einem suchtkranken Elternteil. Nur etwa zehn Prozent davon werden durch das Hilfssystem erreicht. Seit einigen Jahren gibt es vereinzelt Bemühungen um einen besseren Schutz betroffener Kinder. Grundsätzlich ist unser Hilfssystem aber nicht in der Lage, das Kindeswohl ausreichend zu gewährleisten. Kinder sterben, werden behindert geboren oder kommen seelisch und körperlich zu Schaden, obwohl ihre Eltern in professionellen Hilfssystemen betreut werden.
Woran liegt das?
Die Fehler sind meist im System begründet. Es gibt vielerorts immer noch keine Regelungen, die die Zusammenarbeit zwischen Drogenhilfe, Jugendhilfe sowie Medizinern verbindlich festschreiben. Oft bekommen die Jugendämter etwa von der Suchthilfe keine Information darüber, dass im Haushalt ihrer Klienten Kinder leben. Ein positives Beispiel, um Abhilfe zu schaffen, ist Hamburg: Dort wurden Kooperationsvereinbarungen getroffen, in denen sich die Beteiligten auf ein abgestimmtes Vorgehen festgelegt haben.
Was muss sich ändern?
Es müssen bundesweit verbindliche Standards geschaffen werden, die helfen, das Kindeswohl zu gewährleisten. Da ist die Politik gefordert. Mindestens ebenso wichtig ist eine verstärkte Prävention: Projekte, die die Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen stärken und sie davor schützen, selbst abhängig zu werden. In dem Bereich gibt es erfolgversprechende Initiativen. Ein Beispiel ist das Präventionsprojekt Trampolin, das unsere Klinik mitentwickelt hat: Damit wollen wir bundesweit acht- bis zwölfjährige Kinder abhängiger Eltern seelisch entlasten und in ihrer Bewältigungsfähigkeit stärken.

Prof. Dr. med. Rainer Thomasius ist Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

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