Samstag, 9. August 2014

Oma, Opa und die Enkel.....

 Ursula M.* hat ihren Enkel seit vier Jahren nicht gesehen. Von heute auf morgen wurde ihr der Umgang untersagt. Aber auch ihr Sohn, der Vater des Zwölfjährigen, bekommt sein Kind nicht zu Gesicht, obwohl ihm das Umgangsrecht per Gericht zugesprochen wurde. „Die Mutter des Jungen verhindert jeglichen Kontakt zu unserer Familie“, erzählt die 71-Jährige. „Wir leiden alle.“ Das Schlimmste aber sei, dass die Mutter des Zwölfjährigen, mit der ihr Sohn nicht verheiratet war, das Kind manipuliere. „Der Junge hat von sich aus gesagt, er wolle seinen Vater nicht mehr sehen, weil es seiner Mutter danach immer schlecht gehe“, sagt Ursula M.
Ihr Fall ist einer von etwa zehn, die an diesem Abend in der Selbsthilfegruppe „Umgangsrecht für Großeltern“ zur Sprache kommen. In der Runde aus Großvätern und Großmüttern, auch ein Ehepaar ist dabei, eint alle das gleiche Problem: Sie dürfen ihre Enkel nicht (mehr) sehen. Ihre Töchter, Söhne oder Schwiegertöchter haben ihnen den Umgang untersagt. Manche wissen nicht einmal warum.
Bis auf Inge P. Nach der zwangsweisen Trennung von ihrer heute 16 Jahre alten Enkelin, die sie jahrelang versorgt hatte, setzte sie vor dem Familiengericht ein Umgangsrecht durch. „Jetzt darf ich sie alle drei Wochen übers Wochenende und zwei Wochen in den großen Ferien zu mir nehmen“, sagt die 73-Jährige. Dass ihr dies gelungen sei, wertet Inge P. als „glücklichen Zufall“. Dieselbe Richterin, die schon ihre Tochter geschieden hat und daher wusste, dass es der Enkelin bei der Oma gut geht, habe auch über das Umgangsrecht entschieden.
Wie viele Kinder ihren Eltern den Umgang mit den Enkelkindern versagen, darüber wird keine Statistik geführt. „Es ist ein wichtiges Thema. Dazu bekommen wir häufig Anfragen“, sagt Annette Menzel vom Deutschen Kinderschutzbund, Ortsgruppe Hannover. „Wir bieten ihnen an, in unsere Rechtsberatung zu kommen.“ Großeltern haben per Gesetz ein Recht auf Umgang mit ihren Enkelkindern – sofern der Umgang dem Wohl des Kindes dient. Doch auf einen Rechtsstreit wollen es viele in der Selbsthilfegruppe nicht ankommen lassen, um nicht noch die letzte Chance auf Versöhnung zu verspielen.
Monika L. hat ihren Antrag auf Umgangsrecht wieder zurückgezogen. „Meine Enkel wurden vor dem Gerichtstermin von einem Verfahrenspfleger gefragt, ob sie ihre Oma weiter sehen möchten“, erzählt die achtfache Großmutter. „Aber die beiden haben nichts gesagt.“ Weil sie die zwölf und 15 Jahre alten Enkel keinem Loyalitätskonflikt aussetzen wollte, habe sie auf ihr Recht verzichtet. „Oma, wir müssen doch bei Mama leben“, hätten ihre Enkelinnen pragmatisch argumentiert. Die jüngere habe den Kontakt zu ihr abgebrochen, die ältere sehe sie inzwischen wieder regelmäßig. „Sicher habe ich im Umgang mit meiner Tochter auch Fehler gemacht“, sagt die Unternehmerin, „aber der Streit kann doch nicht ewig weitergehen.“ Vor allem aber: „Die Kinder haben doch keine Schuld.“
Dennoch sind sie die Leidtragenden. „Bei vielen Trennungen kommt es zum Machtkampf um die Kinder“, erzählt die Diplom-Psychologin und Traumatherapeutin Ulrike Angermann, die Paare in Trennungssituationen berät und unter anderem traumatisierte Kinder und Jugendliche behandelt. „Die Kinder werden als Druckmittel benutzt, aus Rache und um die eigenen Interessen durchzusetzen.“ Die Folgen für die Kinder könnten verheerend sein. „Das ist eine Form von psychischer Gewalt, die zu Ess- und Bindungsstörungen, Ängsten, Lernbehinderungen bis hin zu Borderline-Störungen und Depressionen führen kann“, sagt Angermann. Die Großeltern würden häufig gleich mit in Sippenhaft genommen und der Kontakt zu ihnen gekappt. „Die Kinder werden instrumentalisiert und emotional missbraucht“, betont der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Kurt Brylla vom Winnicott Institut Hannover. Die Trennungserfahrungen ließen sie hilflos zurück und schürten Ängste vor weiteren Verlusten.

Kurse für das richtige Verhalten

Um Missverständnissen in der Familie vorzubeugen, bietet der Deutsche Kinderschutzbund in Hannover Kurse für Großeltern an. Wann sollen und dürfen sich Großeltern einmischen? Wie kann Kritik konstruktiv geäußert werden? Wie sehr dürfen Großeltern ihre Enkel verwöhnen? Fragen wie diese kommen bei dem Kursus „Starke Großeltern – starke Kinder“ an sechs Abenden jeweils mittwochs von 17.30 bis 19.30 Uhr in der Zimmermannstraße 11–13 zur Sprache. Kursbeginn ist der 24. September. Die Kursgebühr beträgt 50 Euro für Einzelpersonen und 75 Euro für Paare. Anmeldungen sind im Internet unter www.dksb-hannover.demöglich.
Manchmal stecken hinter den Beziehungsabbrüchen aber auch andere Gründe. „Das können auch Sekten oder Glaubensgemeinschaften sein, die den Umgang mit der Restfamilie unterbinden“, sagt Ursula M., Mitgründerin der Großelterngruppe. Oder tiefe Zerwürfnisse. Angela F. hat vor vier Jahren das letzte Mal mit ihrer Tochter gesprochen. „Sie wechselt die Straßenseite, wenn sie mich heute sieht.“ Ihre Briefe blieben unbeantwortet, Gesprächsangebote schlug die Tochter aus. Seit vier Wochen ist Angela F. Oma; von der Schwangerschaft ihrer Tochter erfuhr sie eher zufällig. „Sie wirft mir vor, ich hätte ihre Grenzen überschritten“, erzählt die 58-Jährige. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.“
An diesem Punkt ist auch Peter A. angelangt. Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben sich vor zwei Jahren scheiden lassen. Die vierjährige Enkelin wächst bei der Mutter auf, sein achtjähriger Enkel bei dem Schwiegersohn und dessen Familie. An den Wochenenden werden die Kinder „getauscht“, dann kommt die Enkelin zu ihrem Vater und sein Enkel zur Mutter. „Ein Irrsinn“, sagt Peter A. „Der Junge kommt mit dieser Situation überhaupt nicht zurecht. Er ist sehr aggressiv geworden.“ Seine Enkelin sehe er wenigstens noch zwei- bis dreimal die Woche, seinen Enkel kaum noch. „Da hat jetzt der andere Opa seine Hand drauf.“ „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“, sagt Peter A. verzweifelt. „Ich sitze in der Falle, und das Jugendamt will von alldem nichts wissen.“
Es sind vielschichtige Probleme, die in der Großelterngruppe auf den Tisch kommen. „Es tut weh, darüber zu sprechen, und es macht auch hilflos, weil wir oft nichts machen können, außer uns gegenseitig zu stärken“, meint Ursula M. Das ist Monika L. zuversichtlicher: „Wir müssen einfach viel mehr werden, damit wir etwas bewirken können.“

Gruppentreffen

Die Gruppe Umgangsrecht für Großeltern trifft sich jeden 4. Dienstag im Monat um 18 Uhr im Ernst-Korte-Haus, Posthornstraße 27. Nächster Termin ist der 26. August. Weitere Informationen gibt es per E-Mail unter grosselternumgangsrecht@gmail.com.
*alle Namen geändert

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