Dienstag, 12. August 2014

Traumatisierungen im Kindesalter

Beziehungstraumatisierung und Mangel am Notwendigen

Kinder haben in sich tiefes Bedürfnis nach Beziehung, Begegnung und Spiegelung. Sie brauchen zum Gedeihen Begegnung und die Sicherheit der elterlichen Fürsorge und des elterlichen Schutzes. Offensichtlich ist das Teil unserer normalen biologischen Entwicklung genau wie das Größerwerden der Lungen und der Gliedmaßen, denn Kinder erwarten, in Schutz geboren zu werden, halten danach Ausschau und fordern es ein, so gut sie können, und erleiden schwere Störungen, die sogar zum Tode führen können, wenn diesen Bedürfnissen nicht begegnet wird. Verständlich wird dies auch durch die Bedingungen des Kleinkindalters: es ist vollkommen abhängig von der elterlichen Sorge. Es kann nicht selbst für seine Grundbedürfnisse sorgen: ohne Gemeinschaft und Eltern würde es schlicht verhungern, es könnte nicht existieren. Eltern machen sich dies gewöhnlich nicht hinreichend bewusst. Sie beurteilen die Situation des Kindes von ihrem erwachsenen Standpunkt aus, als könne das Kind wie sie selbst wissen, dass die Eltern wiederkommen werden, wenn sie für einige Stunden das Haus verlassen, oder als könne es weggehen und sich jemanden suchen, der es versteht, wenn die Eltern sich nicht um das Kind kümmern und vieles mehr. Damit wird der existentiellen Bedürftigkeit von Kleinkindern häufig nicht angemessen begegnet, was tiefste Not in den Säuglingen hervorruft. Entgegen früheren Meinungen, dass kleine Kinder noch kein Bewusstsein und kein Gedächtnis besitzen, weiß man heute, dass diese frühen Beziehungserfahrungen die Basis für die gesamte spätere Beziehungsfähigkeit und Lebenswelt des Kindes darstellen, sowohl Partnern gegenüber, als auch sich selbst gegenüber, als auch der Gesellschaft und späteren eigenen Kindern gegenüber. Um als Person jemand werden zu können, braucht das Kind auch die konkrete und differenzierte Spiegelung in den Personen der Eltern. Kinder brauchen in den Eltern und ihren Reaktionen Hilfen, um zu lernen, wie sie sich selbst und ihrer Erregung steuern können. Wenn die Eltern nun nicht auf die Kinder achten und sie nicht als kleine Personen erkennen, sie ihm Sinne des Wortes links "liegenlassen" , so werden sich die Kinder nur schwer selbst als solche entdecken und entwickeln können, sie lernen auch nicht die notwendige Selbstregulation ihrer Gefühle und inneren Zustände. Kleine Kinder können also schwerste Störungen und Traumatisierungen entwickeln nicht nur dadurch, dass ihnen etwas zugefügt wird, sondern auch dadurch, dass ihnen vorenthalten wird, was sie für ihre gesunde Entwicklung zwingend brauchen. Das gilt auch auf der materiellen Ebene. So kann eine Zwangsfütterung nach der Uhr dazu führen, das Menschen eine Störung entwickeln, die inneren organismischen Bedürfnisse spüren und angemessen befriedigen zu können; Hunger kann zu einer lebenslangen Not führen, nicht satt zu werden, wobei der körperliche Hunger auch der Ausdruck des seelischen Hungers nach Nähe und Geborgenheit sein kann und ständiges körperliches Frieren (wenn die körperlichen Bedingungen stimmen) auch ein Ausdruck des Mangels an erlebter wärmender Liebe sein kann. Die gesamte Persönlichkeit des späteren erwachsenen Menschen braucht eine gelungene, sicher und liebevoll begleitete Reifung der ersten Lebensmonate und -jahre.


Traumatisierung durch Trennung und Scheidung der Eltern

Trennung der Eltern ist bei Kindern innerlich in der Psyche nicht vorgesehen. Egal wie tapfer, stumm oder scheinbar vernünftig die Kinder damit umgehen, ihr Ort der Sicherheit im Leben zerbricht, und damit auch viel Vertrauen in die Welt, das Leben und insbesondere in Beziehungen. Dabei spielt eine wesentliche Rolle, wie die Eltern mit der Trennung umgehen und zurecht kommen. Denn in vielen Fällen machen die Eltern, oder mindestens ein Elternteil, es noch viel schlimmer, indem er nicht nur seine Wut, Verletztheit und Kränkungen offen zeigt und vor den Kindern auslebt, sondern die Kinder werden häufig auch zum Auffangbecken eigener Überforderung und Überwältigung. Und was schon die Erwachsenen nicht aushalten können, können die Kinder noch viel weniger aushalten, auch dann nicht, wenn man es ihnen von außen nicht ansieht. So ist die höchste Verantwortung von Eltern die, ihre Kinder zu schützen, indem sie ihre eigenen Gefühle, Kämpfe und Konflikte in sich behalten und damit zu Menschen gehen, die das aushalten können und kompetent in der Beratung und Begleitung sind. Das können einerseits gute Freunde und Verwandte sein, vor allem aber braucht es eine therapeutische Begleitung. Das gilt auch, wenn die Elternteile meinen, dass sie das nicht brauchen, denn die Benutzung der Kinder geschieht unwillkürlich und am Bewusstsein vorbei - wenn die Kontrolle des rationalen Verstandes überhaupt noch funktioniert. 


Schocktraumata im Kindesalter

Kinder leben, wenn sie beschützt, behütet und in ihrer Art gelassen sind, in der für sie auch wichtigen Illusion absoluter Sicherheit, dem Gefühl und der Erwartung, dass alles sich richten wird, das es letztlich irgendwie gut wird. Schocktraumatisierung kann wie Beziehungstraumatisierung dieses Bild der "Sicherheit der Welt" zerstören. Das Kind fällt heraus aus Vertrauen und Einheit mit seiner Welt, es erlebt sich auf einmal, und weit vor der Zeit wo das auf gereifte Weise möglich wird, "vereinzelt". Das kann zu Verzweiflung, Wut, Ohnmacht und Enttäuschung auch den Eltern gegenüber führen. Das Kind zieht sich zurück, es spricht nicht mehr über seine Gefühle, es wird "komisch", umso mehr, wenn die Eltern dies nicht erkennen und dem nicht richtig begegnen. Es sucht in sich selbst eine Lösung, besonders dann, wenn es sich schuldig fühlt für das, was geschehen ist. Da das Kind gewöhnlich die Eltern als "nur gut" ansieht, wird es häufig das Gefühl haben, selbst etwas falsch gemacht zu haben, auch wenn es keinerlei Schuld und Verantwortung trägt. Hinzu kommt, je nach Ereignis, die typische Aktivierung von traumatischen Aktivierungen, die mit allgemeiner Übererregung, Wut, Angst und Ohnmachtsgefühlen einhergehen. Das Kind wird in der Regel gefangen sein in diesen widersprüchlichen und unverständlichen Reaktionen. Zum Teil wird es seine Erregung ausleben, indem es übererregt ist oder wie abgeschaltet, oder im Wechsel beides, es wird vielleicht Wutanfälle haben oder verschiedene Ängste benennen. Wenn die Eltern von dem traumatisierenden Ereignis wissen, können sie viel für die Bewältigung tun, indem sie diesen Symptomen verständnisvoll und freundlich regulierend begegnen, dem Kind auf einfache Weise auch die Zusammenhänge erklären, und ihm vor allem Sicherheit in der Beziehung bieten, was auch einschließt, dass das Kind gegenüber seinem Alter in seinem Verhalten für eine Zeit zurückfallen wird, zum Beispiel wieder im Bett der Eltern schlafen will. Wenn die Eltern von dem Ereignis nicht wissen, wie bei sexuellem Missbrauch in der Nachbarschaft oder Gewalt in der Schule, sollten sie das Auftauchen solcher Symptome unbedingt sehr ernst nehmen, dem nachgehen und auch fachkundige Hilfe in Anspruch nehmen, denn hier werden die Weichen für das Leben der Kinder in eine komplett neue Richtung gestellt. Dabei ist es wichtig, selbst Ruhe und Klarheit zu wahren, und das Kind nicht durch eigene Übererregung oder Angst weiter zu belasten
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Gewalt durch Erwachsene

Kinder sind abhängig von Erwachsenen. Sie sind ihnen in körperlicher Hinsicht unterlegen und besitzen gegenüber den Erwachsenen keine Macht, es sei denn, dass andere Erwachsene sie beschützen. So sind Kinder absichtlicher und unabsichtlicher Gewaltanwendung ausgesetzt, sowohl auf körperlicher, als auch seelischer Ebene. Teilweise wird ihnen auch befohlen, zu befolgen, was Erwachsene von ihnen fordern, insbesondere gibt es natürlich einen starken Druck, sich der elterlichen Gewalt zu beugen. Wenn Nachbarn, Verwandte, Fürsorgepersonen die gewaltausübenden sind, werden die Kinder häufig bedroht und erpresst, zu Hause nicht zu erzählen, was ihnen geschehen ist, besonders bei sexualisierter Gewalt. In dieser werden Kinder mit Emotionen und Zuständen konfrontiert, die ihrer persönlichen Entwicklungsstufe nicht entsprechen. Sie werden oft zur Mitarbeit animiert, manipuliert und offen gezwungen, teilweise zu Praktiken, die auch bei vielen Erwachsenen Ekel hervorrufen. Da es meist mehr um die Gewaltausübung und die Machtausübung geht als um die Sexualität, werden hier Macht, Gewalt und Sexualität auf unheilvolle Weise verquickt, die auch im erwachsenen Leben große Probleme in der eigenen Sexualität nach sich ziehen kann. Fallen Eltern und die Gewalttäter zusammen, entsteht ein kaum auflösbarer Widerspruch, dass die "Guten", die Fürsorger, die Überlebensgeber gleichzeitig die "Schlimmen" sind, eine oft unvereinbare Wahrnehmung, die zur Verdrängung des Schlimmen führen kann. Es entsteht eine Art Blindheit für Gewalttäter, oder es wird, weil vertraut, deren Nähe gesucht. Auch wird erlebt, dass die "Bösen" diejenigen sind, die im Leben die Gewinner sind, die es schaffen, ihre Bedürfnisse durchzusetzen. So kann der Gewalttätigste (später auch in der Jugendgang) der Attraktivste sein, in dem Sinne, dass er den besten Schutz gegen die Welt verspricht. So werden später wiederum gewalttätige Beziehungen gesucht, die aufgrund alter Verbote, sich aufzulehnen oder abzusondern kaum verlassen werden können. Eltern haben es oft sehr leicht, da die Gesellschaft noch immer Kinder als Eigentum ihrer Eltern ansieht und auch gegen offensichtliche Gewalt und Vernachlässigung kaum vorgegangen wird.


Folgen kindlicher Traumatisierung

Bei einer gelungenen Entwicklung sind Kinder und später Erwachsene in der Lage, in flexibler und fließend abgestufter Weise auf die Bedingungen und Erfordernisse der Welt zu reagieren, sowohl innerlich in Wahrnehmung, Gedanke und Gefühl, als auch in der Antwort auf das was geschieht, also der Handlung. Wir nehmen wahr was geschieht und finden aus dem Augenblick heraus unseren Weg der Lebensgestaltung. Das gelingt nur, wenn eine integrierende Persönlichkeitsentwicklung stattgefunden hat, sowohl was sie psychischen inneren Instanzen betrifft, als auch die motorischen und informationsverarbeitenden Fähigkeiten. Trauma jedoch ist durch Abspaltung und Fixierung gekennzeichnet. Es stehen also nicht alle Lebenserfahrungen, Persönlichkeitsanteile und Fähigkeiten frei zur Verfügung, und nicht alle Handlungsmöglichkeiten können auch genutzt werden. Konkret bedeutet das zum Beispiel eine Abspaltung des "inneren Kindes" vom normalen Lebensfluss. Spiel und Freude sind nicht mehr verfügbar dort, wo das Leben anbietet frei und vergnügt zu sein, stattdessen regieren auch dort Ernst und Vernunft. Die abgespaltenen kindlichen Teile ihrerseits sind noch da, kommen aber nicht mit dem Leben in Kontakt. Sie sind in dem Gefühl gefangen, mit dem gemeinsam sie abgespalten wurden und können eine ständige diffuse Quelle innerer Angst, Wut oder Trauer sein. Der "Erwachsene" ist damit konfrontiert, dass innere Störquellen seinem Leben immer wieder in die Quere kommen wollen, ohne zu verstehen, wie es dazu kommt. Die erwachsene Persönlichkeit kann nun entweder in endloses Grübeln kommen, in dem gewöhnlich erfolglosen Versuch den Quellen seiner Probleme auf die Spur zu kommen, oder die Gefühlsseite insgesamt so gut wie möglich abschalten, oder in Form von Sucht- oder Zwangsverhalten diese inneren Störungen soweit wie möglich minimieren oder im Zaume halten, mit schweren Folgen an anderer Stelle. Es kann auch zu schweren Störungen im Beziehungsverhalten und -erleben kommen. Die Aufrechterhaltung eines inneren Gleichgewichts kann die schwierigste und aufwendigste Seite des Lebens werden, neben Alkohol, Psychopharmaka, Schmerzmitteln, anderen Drogen ist es manchmal die innere Isolation von allen Beziehungen, die ständige Suche nach neuen Therapieformen oder der Weg der Meditation, welche Gleichgewicht oder "Schmerzfreiheit" bringen sollen. Es kann auch zu gelegentlichen oder regelmäßigen Ausbrüchen kommen, in denen sich der immer neu entstehende innere Druck entlädt. Die Betroffenen spüren, dass etwas wesentliches in ihrem Leben fehlt, und reagieren darauf mit innerer Verleugnung und Abstumpfung oder ständiger Suche. In Körper und Motorik sind oft Steifheit, Asymmetrien oder Störungen des Bewegungsflusses zu finden, häufig bildet sich die Psyche in körperliche Symptome hinein ab. Die Symptome wiederum werden vom bewussten Erleben nicht verstanden und können Ursache für weitere Fixierung oder Ängste werden. Häufig gibt es ein anscheinend grundloses Auftreten sich wiederholender Gefühlszustände, sei es in Richtung Wut und Zorn (Jähzorn, Streitsucht, recht haben müssen bis hin zu ständigen Rechtsstreitigkeiten), in Richtung Angst (Panikattacken, häufig einsetzend, wenn eine wichtige Beziehungsperson, die äußere Sicherheit gegeben hat, verloren geht; verschiedene konkrete Angstfixierungen, die sich verändern können, besonders wenn eine bestimmte Form von Angst erfolgreich behandelt wurde) oder in Richtung Trauer (manchmal die Basis einer sogenannten Depression).

Levine, Peter u. Kline, Maggie: Verwundete Kinderseelen heilen. Kösel 2005, ISBN 3466306841
Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst. Spiegelneuronen. Heyne 2006 ISBN 978-3453615014


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