Dienstag, 23. September 2014

Ehemaliges Heimkind wird vom Opfer zur Täterin...

Eineinhalb Jahre lang hat sie mit den vier jüngsten ihrer damals acht Kinder nicht nur in einer verwahrlosten Wohnung gelebt, sondern sie auch geschlagen und misshandelt (die BZ berichtete). Am Montag wurde die 37-jährige Mutter dafür auch vom Landgericht Freiburg verurteilt – wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht und Misshandlung von Schutzbefohlenen in 26 Fällen.

Das Urteil fällt milder aus als jenes vom Amtsgericht im Januar, gegen das sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die 37-Jährige Berufung eingelegt hatten: Jetzt wird die Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten um drei Monate gekürzt und erneut zur Bewährung ausgesetzt.

"Die größte Strafe ist, dass die Kinder nicht mehr bei Ihnen leben", sagt Richter Martin Bellm am Ende des zweiten Verhandlungstags. Im Mai 2013 kamen die Kinder in Pflegefamilien, heute leben sie in Heimen. Ruhig und starr nimmt die Mutter die Ausführungen zur Kenntnis. Wieder ist ihre jüngste Tochter bei ihr, wenige Monate ist sie erst alt. "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung", erklärt Bellm. Das habe die 37-Jährige missachtet, aber auch die Verantwortung dafür übernommen. Wie in der ersten Instanz hatte sie am ersten Verhandlungstag in vielen Punkten gestanden. Das berücksichtigt die 14. Strafkammer.



"Ich bin grundsätzlich mit dem Urteil zufrieden", sagt Verteidiger Rezan Sobil. Er machte bereits im Schlusswort deutlich, warum er und seine Mandantin in Berufung gegangen waren. Nicht, weil sie die Anzahl der Fälle anzweifelten oder die Höhe der Strafe. "Die Angeklagte hat ihre Kinder geschlagen und misshandelt", sagt er klar. "Aber sie ist nicht nur Täterin, sondern auch Opfer." Das wollte er berücksichtigt wissen, auch für weitere Entscheidungen des Familiengerichts.

"Wir glauben, dass er Recht hat", erklärt Richter Bellm mit Hinweis auf ihre Biografie: Heimerfahrung, eine psychisch-kranke Mutter, gewalttätige Übergriffe. Sie träumte von der eigenen Familie, bekam sieben Kinder. Doch die erste Ehe scheitert, die ältesten vier nimmt das Jugendamt früh in Obhut. Ende 2011 heiratet sie wieder, ein weiteres Kind kommt. Ihr zweiter Mann wird handgreiflich, ihr und den vier Kleinsten gegenüber. Sie habe nicht die Kraft gehabt, einzuschreiten, sagt Bellm. "Aber – und das ist wohl auch für Sie erschreckend – Sie haben in Überforderungssituationen seine Strafen übernommen."

Die erneute Beweisaufnahme zeigte, so Bellm, wie diese Strafen aussahen. Die Protokolle der Kinderaussagen decken sich. Die Schläge mit dem Stab eines Gitterbetts auf Hände und Füße gesteht die Angeklagte, aber es habe kein Kind geblutet, wie es im Urteil des Amtsgerichts steht. Das sieht auch das Landgericht so.


Kinder mussten nicht erneut aussagen


Dass sie den Kindern Brennnesseln in die Unterhose gesteckt haben soll, bestreitet 37-Jährige. Sie habe Hagebuttenkörner auf den Rücken gerieben. "Das kann nicht alles gewesen sein", sagt Richter Bellm, der zudem glaubt, dass sie den Kindern zur Strafe mehrfach scharfe Habaneros und Tabasco in den Mund getan habe. Das bestreitet die Frau ebenso wie den Vorwurf, sie habe ihre Tochter mit einer Flasche getroffen. Die Kleine habe sich vor Schreck auf die Lippe gebissen. Das indes glaubt ihr der Richter.

Und noch etwas fließt in das Urteil ein: "Ihr Prozessverhalten hat nicht erzwungen, die Kinder nochmal zu verhören." Die zwei ältesten hätten sich seit der Inobhutnahme gut entwickelt, sie leben in einem SOS-Kinderdorf. Ein jüngerer Sohn ist nach wie vor traumatisiert, er braucht therapeutische Hilfe. Die 37-Jährige und ihr Baby werden täglich von Familienpflegerinnen unterstützt. "In Bezug auf das Gebären von Kindern sollten Sie Ihr Verhalten überdenken", sagt Staatsanwalt Sebastian Wachter. Dass die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, hält auch er aufgrund der Entwicklung der Angeklagten für angemessen.


P.S. Derartige Heimkarrieren kenne ich viele. Es werden viel Kinder geboren um die traumatischen Kindheitserlebnisse zu verarbeiten und zu kompensieren. Dann kommt die Überforderung und die nächsten Kinder landen im Heim. So werden immer mehr Heimkinder durch den Staat produziert. Das System nährt sich selbst.

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