Freitag, 17. Oktober 2014

Eisenacher Eltern kämpfen um ihre vier Wochen alte Tochter

"Das ist Schikane und Hinhaltetaktik", ist Jennifer Winkler auch vier Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes über die Arbeitsweise des Eise­nacher Jugendamts erzürnt. Mit großem Aufgebot nahmen Polizisten am 18. September - wenige Stunden nach der Geburt - der 23-jährigen Eisenacherin ihr Baby im Helios-Klinikum Gotha ab. Seither hat die junge Frau ihren Säugling nicht zu Gesicht bekommen. Auch ihre beiden anderen Kinder konnte sie seit Monaten nicht in die Arme schließen.
Nach dem "Familienpsychologischen Gutachten zur Erziehungsfähigkeit", welches das Familiengericht Eisenach vor einem Jahr bei einem Kassler Büro bezüglich ihres zweiten Kindes in Auftrag gab, sei die Mutter nicht erziehungsfähig.

Keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung

Im Befund der Gothaer Klinik wird ihr hingegen aus psychiatrischer Sicht keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung, aber auch keine Indikation für eine Einweisung in eine Psychiatrie bescheinigt. Jennifer Winklers Rechtsbeistand, der bezüglich der Inobhutnahme von einem "unverhältnismäßigen Eingriff" spricht, sah frühestens bei der Entlassung der Mutter aus der Klinik für das Jugendamt Handlungsbedarf, da das damalige Gutachten Winklers häusliches Umfeld und nicht das der Klinik als unangemessen für das Kindeswohl betrachtet. "Wir dürfen nach außen keine öffentlichen Angaben machen; es ist ein laufendes Verfahren", sagt Janina Walter, Leiterin der Pressestelle der Stadtverwaltung. In Eise­nach seien 2011 13 und im Jahr darauf 29 Kinder in Obhut genommen worden. Bis zum dritten Quartal 2013 waren es nur sieben Fälle. "Das zeigt, wie sehr die Zahlen von Jahr zu Jahr schwanken", äußert sich Walter nur allgemein.
Das eingerichtete Kinderzimmer für das neugeborene Mädchen im Eisenacher Westen bleibt verwaist. Der Inobhutnahme hat jetzt der leibliche Vater des Babys widersprochen. Der 26-jährige Roy Otto hat seinen kleinen Schatz noch gar nicht zu Gesicht bekommen.
Am Montag habe nochmals ein Hausbesuch stattgefunden, und das vorbereitete Kinderzimmer wurde von zwei Mitarbeitern des Jugendamtes begutachtet. Obwohl der leibliche Vater sich nichts zu Schulden kommen ließ, werde ihm der Umgang bis dato verwehrt. "Man möchte den Papa wohl erst einmal richtig kennenlernen", meint Jennifer Winkler. Für die Einschätzung muss sich der Vater derzeit vielen Fragen der Jugendamtsmitarbeiter stellen, die bis tief in seine Kindheit zurückreichen. Das Jugendamt vermute, so Winkler, dass der Vater die Erziehung seiner Tochter nicht bewältigen könne.

"Seit Wochen kein Lebenszeichen von meiner Kleinen"

Sie ist enttäuscht, dass sie bisher nicht weiß, wie es ihrer kleinen Tochter geht. "Seit vier Wochen habe ich kein Lebenszeichen von meiner Kleinen", ärgert sich die Mutter, "am Ende wird man immer nur vor den Kopf gestoßen." Bei einem gestrigen Beratungsgespräch sei den Eltern eröffnet worden, dass sie ihren Säugling am Dienstag nächster Woche erstmals sehen könnten. Roy Otto freut sich sehr, seine Tochter endlich kennenlernen zu dürfen.
Der Papa, der ein festes Arbeitsverhältnis vorweisen kann, würde gern ein Babyjahr nehmen, sagte er gestern fernmündlich. Er hofft, dass er die Tochter bekommt. Am 6. November soll darüber am Amtsgericht Eisenach entschieden werden. Falls gegen den leiblichen Vater entschieden wird, kommt das Baby zur Vollzeitpflege in eine Pflegefamilie.
Über die Arbeit des Eise­nacher Jugendamtes ist auch Regina Schimmel (ehemals Melin) wenig erfreut. Sie pflegt das älteste Kind von Jennifer Winkler. "Was ich mit dem Jugendamt erlebt habe, spottet jeder Beschreibung, man kann sich nicht vorstellen, was die mit einem machen können", ärgert sich die Eisenacher Geschäftsfrau. Wie man ihr das Pflegekind zwischenzeitlich aufgrund von Falschaussagen und auch von Missverständnissen wegnahm, bezeichnet sie als "unmenschlich".  "Ich bin seit 21 Jahren selbstständig, und man riet mir, ich solle doch daheim bleiben", kocht es in ihr wieder hoch. (Hier lesen Sie die Geschichte von Regina Schimmel - http://www.tlz.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Frau-verliert-zeitweilig-ihre-Kinder-wegen-unhaltbarer-Vorwuerfe-1048429636) Das Jugendamt will keine Stellung zu den erhobenen Vorwürfen beziehen.

Norman Meißner 17.10.14 TLZ

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