Donnerstag, 18. Dezember 2014

Bad Segeberg: Kindesmißhandlung - vor Gericht eine Bagatelle?

Von Michael Stamp

Ein verschlossener Kellerraum voller Schimmel und verschmiertem Kot. Mittendrin ein dreijähriger Junge - allein und splitternackt. Der „Kellerkind“-Fall sorgte vor zwei Jahren bundesweit für Erschütterung. Am Mittwoch stehen die Eltern in Bad Segeberg vor Gericht. Wer einen großen Prozess erwartet, wird allerdings enttäuscht. Der Aufreger von einst droht juristisch zur Bagatelle zu werden.

Juni 2012. In einem Haus am Bussardweg gibt es Ärger wegen der Miete. Die Polizei rückt an, öffnet einen unscheinbaren Kellerraum – und ist fassungslos. Minuten später ist das Segeberger Jugendamt vor Ort und nimmt drei Kinder der Familie K. mit. Der dreijährige Junge und seine ein- und elfjährigen Schwestern landen bei Pflegefamilien. Drei weitere Geschwister sind schon früher in die Obhut des Jugendamtes genommen worden.


Nach einem Bericht über den Fall in der Segeberger Zeitung setzt in der Kreispolitik ein regelrechtes Beben ein. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz beteuern Landrätin Jutta Hartwieg und Jugendamtsleiter Georg Hoffmann (beide sind heute nicht mehr im Amt), dass die Kreisbehörde keinerlei Schuld trifft. „Das Hilfesystem hat gut und richtig gearbeitet. Es hat keine Fehler gegeben“, sagt Hartwieg abends auch im Kreistag. Die Landrätin und ihr Amtsleiter sprechen bei dem verdreckten Keller von einem Raum im „Souterrain“ - ein beschönigender Ausdruck, der vor allem Jutta Hartwieg fortan verfolgen wird. Das missglückte Krisenmanagement soll ihr auch bei der gescheiterten Wiederwahl im Frühjahr 2014 vorgeworfen werden.

Auf Druck der Politiker engagiert die Landrätin den ebenso renommierten wie umstrittenen Jugendhilfe-Experten Prof. Dr. Reinhart Wolff. Sein unter großem Medienecho präsentiertes Gutachten stellt keine persönlichen Verfehlungen der Kreismitarbeiter und der Mitarbeiter eines privaten Hilfeunternehmens aus Kaltenkirchen fest – gleichwohl kritisiert der Fachmann das gesamte Hilfesystem des Jugendamtes und regt etliche strukturelle und personelle Verbesserungen an.

Das Gutachten selbst wird zum Skandal. Eilig hat die Kreisverwaltung etliche Passagen geschwärzt – angeblich aus Datenschutzgründen. Selbst der Hauptausschuss als Dienstvorgesetzter der Landrätin bekommt nicht das unzensierte Papier. Die Original-Fassung geht nur an den Jugendhilfeausschuss, der allerdings zum Jugendamt gehört. Als das geheime Papier dennoch an die Öffentlichkeit kommt, wird offenkundig, dass längst nicht nur persönliche Daten unkenntlich gemacht worden sind, sondern auch Textstellen, die dem Jugendamt hochgradig unangenehm sein müssen.

So sind dort zahlreiche Misshandlungen der Kinder durch die Eltern und die Großmutter dokumentiert. Es ist von „entwürdigenden Erziehungsmaßnahmen“ die Rede. So sei ein Mädchen wiederholt in seinem Zimmer eingesperrt worden – mit einem Topf als Toiletten-Ersatz. Die älteste Tochter erklärt in der Schule blaue Flecke und Gesichtsverletzungen mit einer missglückten Kleiderschrank-Reparatur und einem Treppensturz.

Die Betreuer der Familie vermerken schon fünf Jahre vor dem Kellerkind-Fall, das Wohl der Kinder könne „nicht sichergestellt“ werden. Eine Verwahrlosung der Kinder und eine mangelhafte Körperhygiene werden dokumentiert. Der Junge kann auch mit drei Jahren quasi nicht sprechen, was später auch die juristische Aufarbeitung erschwert.

Die Landrätin greift in Sachen Gutachten durch - aber nicht so, wie erwartet. Anstatt sich selbstkritisch mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, stellt sie Strafanzeige gegen den Unbekannten, der das streng geheime Gutachten den Medien zugespielt hat.

Parallel laufen bei der Staatsanwaltschaft Kiel die Ermittlungen. Schnell wird klar, dass weder die Landrätin noch der Jugendamtsleiter juristisch belangt werden. Im Fokus stehen die Eltern, aus deren Umfeld es heißt, sie hätten ihren Sohn des öfteren in den Keller gesteckt. Staatsanwalt Axel Bieler veranlasst etliche Vernehmungen - wobei die jüngsten Kinder der Familie keine verwertbaren Aussagen machen können, wie im Spätsommer 2013 offenbar wird. Die Zeit geht ins Land. Bielers Ziel: eine Anklage vor der Jugendkammer des Kieler Landgerichts. Es soll beiden Eltern Freiheitsberaubung vorgeworfen werden; auch eine Anklage wegen Körperverletzung steht im Raum. Im August 2014 verweist das Landgericht das Verfahren ans Amtsgericht, weil von den Vorwürfen nicht viel beweisbar ist. Das Einsperren des Jungen lässt sich nur für den Tag belegen, an dem ihn die Polizei befreit hat. Auch bei den Körperverletzungen geht es „nur“ noch um zwei Übergriffe des Vaters. „Wir haben eine sofortige Beschwerde gegen den Nichteröffnungsbeschluss eingelegt“, sagt Staatsanwalt Bieler.

Heute um 12 Uhr wird nun im Saal 4 des Amtsgerichts getagt – einem abseits gelegenen Raum für kleinere Delikte. Dort werden normalerweise Prozesse gegen Verkehrssünder oder Krawallbrüder verhandelt. Die große Bühne, die man nach den Schlagzeilen von damals hätte erwarten können, ist es nicht. Zeugen hat Richterin Dr. Clivia von Dewitz nicht geladen. Dafür haben sich Kamerateams angesagt.

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