Dienstag, 16. Dezember 2014

Wartburgkreis: Jugendamt

Das Jugendamt ist mit zum Teil unglaublichen Fällen konfrontiert: Seit eineinhalb Jahren lebt die siebenjährige Julia (Name geändert) fast ununterbrochen bei ihren Großeltern im Wartburgkreis. Dort fühlt sie sich wohler als bei ihrer Mutter und möchte da bleiben. Doch das ist nicht so einfach.

Der Vater des Mädchens ist für Ämter und Behörden derzeit nicht erreichbar. Die Großeltern, die das Kind erziehen, möchten auch den Kindesunterhalt für ihre Enkelin beim Vater geltend machen. Dagegen aber spricht das Gesetz. Denn nur Elternteile können Unterhaltsvorschuss beziehen, selbst wenn das Kind nicht bei ihnen lebt. Die Großeltern würden gerne auch das Sorgerecht für ihre Enkelin zugesprochen bekommen, doch da habe ihnen das Jugendamt keine Hoffnung gemacht, weiß deren Anwältin.
Die Unterhaltszahlung an die Mutter lässt der Jugendamtsleiter des Wartburgkreises,Bernd Scheumann, gerade prüfen. Die finanzielle Versorgung des Kindes ist für das Amt grundsätzlich relevant. Paradox dabei ist: Der dafür zuständige allgemeine Sozialdienst des Jugendamtes und die Unterhaltsvorschussstelle des Kreises dürfen laut Gesetz nicht miteinander kommunizieren, sagt Scheumann.
Weil das alleinige Sorgerecht vor zwei Wochen vom Familiengericht Eisenach an die Mutter übertragen wurde, diese mit ihren Eltern allerdings im Clinch liegt, ist der Fall Julia außergewöhnlich wie problematisch, weiß der Jugendamtsleiter. Es gehe nämlich weniger um das Sorgerecht als um Geld. Geld, das die Großeltern brauchen, um die Raten für jenes Haus abzuzahlen, in dem die Tochter (noch)mit lebt.

Mädchen geht es bei Großeltern gut

Für Jugendamtsleiter Scheumann ist es unerheblich, dass die Rechtsanwältin der Großeltern kritisiert, dass das Jugendamt im Fall Julia ihm bekannte Einwände negiert habe, die das Sorgerechtsurteil möglicherweise hätten anders ausfallen lassen. Erstens habe man mit der Mutter nun eine alleinige Ansprechpartnerin, was die Kommunikation generell vereinfache, und zweitens gehe es dem Mädchen bei den Großeltern gut, sagtScheumann. Für das Jugendamt ist dies um so wichtiger, da Julia Verhaltensauffälligkeiten in der Schule und im häuslichen Umfeld zeigte und das Jugendamt "dringenden Handlungsbedarf" ausgemacht hatte.
Man möge über das Sorgerecht für die Mutter geteilter Meinung sein, aber es habe keinen Einfluss auf die Unterhaltsangelegenheit, sagt Scheumann. Das Familiengericht hatte die Elternteile, das Kind sowie den Verfahrensbeistand (ein Rechtsanwalt aus Eisenach) und das Jugendamt persönlich angehört und seine Entscheidung getroffen. In der Begründung heißt es: "Bei der Mutter konnte nunmehr aktuell von Seiten des Jugendamtes Problembewusstsein und die Bereitschaft geschaffen werden, auf die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes durch entsprechende Hilfen zur Erziehung und ärztliche Untersuchungen einzugehen". Zur Erinnerung: Julia lebt bei den Großeltern, nicht bei der Mutter.

Verurteilt wegen Urkundenfälschung

Das Jugendamt war von der Rechtsanwältin der Großeltern neben Meldungen aus Schule und Hort auch darüber informiert worden, dass gegen Julias Mutter ein Strafverfahren wegen Verleumdung und Urkundenfälschung anhängig ist. Wegen Letzterem wurde die Mutter am 3. Dezember vom Amtsgericht Eisenach auch verurteilt. Für JugendamtsleiterBernd Scheumann verändert das die Lage nicht. "Wir haben auch sorgeberechtigte Väter, die im Gefängnis sitzen".
Würde Julia bei der Mutter leben, würde das Amt Verdachtsmomenten der Kindesgefährdung freilich nachgehen. Scheumann gesteht, dass bei Sorgerechtsfällen der vom Bundesverband der Verfahrenbeistände aufgelegte Qualitätsstandards nicht immer erreicht werde. Natürlich sei die Einschätzung der Lage mitunter subjektiv.
Die Zeit, die ein Familiengericht für die Beurteilung hat, sei alles andere als komfortabel. Dennoch zögen sich manche Prozesse über Jahre hin, was vor allem dem jeweiligen Kind nicht zuträglich sei.
Pro Tag erhalte das Jugendamt des Kreises durchschnittlich eine Meldung über Kindeswohlgefährdung. "Es ist gut, dass es so ist, aber es bedeutet für uns auch viel Arbeit", sagt der Jugendamtsleiter. Kein Fall sei auch nach der Bearbeitung generell erledigt.
Jensen Zlotowicz 15.12.14 TLZ

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