Samstag, 17. Januar 2015

Aschaffenburg: Welche Rolle spielte das Jugendamt?


Zu Verhandlungsbeginn hatte die heute 32-Jährige zugegeben, ihren sechs Monate alten Sohn am 17. Juni vergangenen Jahres so schwer misshandelt zu haben, dass der Säugling wenige Tage darauf auf der Kinderintensivstation starb. Sie sei mit dem schreienden Baby überfordert gewesen, gab die Angeklagte an, der der psychologische Sachverständige eine »leichte Intelligenzminderung« bescheinigte.

In der Verhandlung stellte sich heraus, dass das Jugendamt Anja S. Unterstützung angeboten hatte, die diese jedoch ablehnte. »Bei mir haben alle Alarmglocken geläutet, als ich von der Geburt des Kindes hörte. Mir war wichtig, dass ihr jemand Erziehungshilfe anbietet«, hatte eine ehemalige Nachbarin ausgesagt. Sie informierte das Jugendamt über die Geburt. Ob ihr Anruf den Anstoß gab, sich um den Fall zu kümmern, weiß sie nicht.

Im Amt keine Unbekannte

Tatsache ist, dass das Amt Anja S. ab Februar 2014 wöchentliche Unterstützung anbot. Sie war dort nämlich keine Unbekannte. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes zehn Jahre zuvor hatte es ihr schon einmal Hilfe geschickt. Damals hatte unter anderem dieselbe ehemalige Nachbarin um Unterstützung für die offensichtlich überforderte junge Frau gebeten. Diese schrie das Kleinkind, wenn es nicht essen wollte, so derb an, dass die Nachbarschaft den Krach für einen heftigen Ehestreit hielt.

Die Zeugenaussagen und die Akten, die der Vorsitzende Richter bei dem Prozess verlesen lässt, verdeutlichen, dass Anja S. diese Hilfe annahm und - als ihr Sohn älter wurde und seine Wünsche artikulieren konnte - so gut mit ihm zurecht kam, dass es zu keinen weiteren Beschwerden kam.

Zu dem vorliegenden Fall will sich Susanne Seidel, Sprecherin des Landratsamts Miltenberg, nicht konkret äußern. »Wir verfolgen den Prozess. Es ist ganz furchtbar, was da geschehen ist«, sagt sie, betont aber auch, dass diese »tragische Angelegenheit« nicht abzusehen war. Eine Kindeswohlgefährdung habe sich nicht abgezeichnet.

Eine weitere Nachbarin bestätigte, dass Anja S. ihren kleinen Sohn zwar am Tattag laut beschimpfte, sie aber nie Gewalttätigkeiten gegenüber dem Säugling beobachtet habe. Und auch die Rechtsmedizinerin, die den Kleinen obduzierte, bestätigte, dass das Kind gut ernährt war und keine Anzeichen für vorherige Misshandlungen zu sehen gewesen seien. »Wenn Gefahr im Verzug ist, ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind in Obhut zu nehmen, notfalls mit Unterstützung der Polizei«, erklärt Seidel. Dafür schien aber kein Anlass zu bestehen.

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