Freitag, 30. Januar 2015

Lenzkirchen: Ämter haben im Fall Lenzkirch versagt

Der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos, wirft Landrätin Dorothea Störr-Ritter Zynismus vor. Die Behörden hätten beim Schutz des dreijährigen Jungen komplett versagt.

Im Fall des dreijährigen Jungen aus Lenzkirch, der mutmaßlich von seinem Stiefvater zu Tode misshandelt wurde, ziehen sich die Behörden auf die Position zurück, alles richtig gemacht zu haben. Der Leiter der Rechtsmedizin an der Berliner Charité, Michael Tsokos, kritisiert hingegen harsch ihr Vorgehen. BZ-Redakteur Felix Held sprach mit ihm.

BZ: Herr Tsokos, wie bewerten Sie den Fall des getöteten Jungen aus Lenzkirch?
Tsokos: Der Fall ist ein Lehrstück für das komplette Versagen des Kinderschutzes in Deutschland. Das ist genau das, was wir in unserem Buch "Deutschland misshandelt seine Kinder" angeprangert haben. Dieser Fall vereint – wie der Fall Yagmur in Hamburg – alles, was wir am deutschen Kinderschutzsystem moniert und kritisiert haben.

BZ: Was macht den Lenzkircher Fall so exemplarisch?
Tsokos: Der dringend Tatverdächtige kommt erstens wie die meisten Täter aus dem direkten familiären Umfeld. Kinder werden meist eben nicht vom "schwarzen Mann" bedroht, der den Kindern auflauert. Zweitens gab es wiederholte Warnhinweise und zwar in einer derart drastischen Form, dass die Ärzte in dem Fall Strafanzeige bei der Polizei gestellt haben. Das ist in der Tat schon die Ultima ratio. Das macht man eigentlich überhaupt nicht. Diese Tatsache zeigt schon: Da läuft wirklich etwas schief, da ist das Leben des Kindes in Gefahr. Nichtsdestotrotz sind die Ermittlungen eingestellt worden.


BZ: Verstehen Sie das?
Tsokos: Nein, das ist auch etwas, was wir kritisiert haben: Elternrecht geht in Deutschland immer vor Kinderrecht.

BZ: Wie bewerten Sie das Verhalten der politischen Verantwortlichen in dem Fall?
Tsokos: Wenn Landrätin Dorothea Störr-Ritter sagt, unsere Arbeit war richtig und gewissenhaft, dann ist das ja von Zynismus nicht mehr zu überbieten. Ein Kind ist tot. Wie kann sie denn da so etwas sagen? Die Frau ist doch in ihrem Amt völlig fehl am Platz. Das gibt es doch gar nicht.

BZ: Haben Sie den Eindruck, dass der Fall angemessen aufgearbeitet wird?
Tsokos: Die Verantwortlichen versuchen offensichtlich, ihr Versagen zu vertuschen. Damit wird nicht offen umgegangen. Da wird tatsächlich das Ganze schöngeredet. Ich war wirklich baff, als ich gelesen habe, was die Landrätin dazu gesagt hat. Das ist fast noch das schlimmste an der ganzen Sache. Nicht nur, dass das Kind tot ist – das ist schlimm genug. Aber, dass sich dann Politiker mit so einem Zynismus hinstellen, das schockiert mich. Die Frau gehört in meinen Augen weg aus ihrer Position. Auch diese lapidaren Kommentare von der Dame vom Jugendamt (Eva-Maria Münzer, Sozialdezernentin Breisgau-Hochschwarzwald, d. Red.) sind in einer Linie mit den Aussagen der Landrätin zu setzen. Auch sie sieht keinen Aufklärungsbedarf und will offensichtlich nicht aus den Fehlern lernen.

BZ: Überrascht sie der Verlauf des Lenzkircher Falles?
Tsokos: Nein. Vieles ist eben exemplarisch für das, was beim Kinderschutz in Deutschland falsch läuft. Wenn dieses Thema endlich mal auf die Agenda kommen würde – auch in der Ausbildung von Sozialarbeitern – dann könnte man an diesem Fall wohl wirklich alle Fehler des Systems aufzeigen.



Jugendamt-Chefin: "Stiefvater konnte auch liebevoll sein" (3:42)BZ: Was ist denn so exemplarisch?
Tsokos: Beispielsweise, dass die Familienhilfe von Anfang an involviert war. Wenn denen die Missstände nicht aufgefallen sind, waren die einfach nicht kompetent und professionell genug. Oder sie haben sich eben auf die Seite der Eltern gestellt. Außerdem spielen wohl auch immer finanzielle Interessen eine Rolle.

BZ: Wie das?
Tsokos: Nur solange das Kind in der Familie ist, bekommt die Familienhilfe auch ihr Geld. Das heißt, die haben gar kein Interesse daran, es aus einer Familie zu nehmen – selbst dann nicht, wenn es schwerst misshandelt wird. Das sehen wir leider immer wieder. Aus monetären Interessen wird dann lieber der Tod eines Kindes in Kauf genommen.

BZ: Welche Konsequenzen muss die Gesellschaft aus solchen Misshandlungsfällen ziehen?
Tsokos: Erst einmal müssen die Politiker verstehen, dass die Eltern zwar ihre Wähler sind, aber dass trotzdem die Schwächsten in der Gesellschaft geschützt werden müssen. Außerdem muss man sich eingestehen, dass das Kinderschutzsystem in Deutschland einfach in die Jahre gekommen ist.


BZ: Was müsste sich ändern?
Tsokos: Wir brauchen eine Agenda, die sich den Kinderschutz auf die Fahne schreibt – auch wenn mir klar ist, dass das nicht in einer Legislaturperiode zu machen ist. Da muss auch die Bundeskinderschutzkommission aktiv werden. In dieser Frage dürfen parteipolitische Querelen und persönliche Interessen keine Rolle spielen. Vor allem muss die derzeitige Arbeit von Jugendamt und Jugendhilfe kritisch evaluiert werden – ohne Schuldzuweisungen. Die Leute sind einfach in dem System gefangen. Offensichtlich wird zu oft weggeschaut.


"Allein 2013 wurden in Deutschland 153 Kinder durch Misshandlung getötet."BZ: Müsste man vielleicht auch die Ämter besser kontrollieren?
Tsokos: Ja, ich denke, das wäre nötig. Vorstellbar wäre eine Art "Stiftung Warentest", also eine unabhängige Institution, die von außen auf dieses System blickt. Es gibt ja auch den Bund der Steuerzahlen oder den Wehrbeauftragten. Warum hat diese Idee noch nicht Einzug gehalten in den Kinderschutz?

BZ: Lenzkirch ist also kein Einzelfall?
Tsokos: Nein. Allein 2013 wurden in Deutschland 153 Kinder durch Misshandlung getötet. In über 90 Prozent der Fälle stammen die Täter aus dem familiären Umfeld. Diese Zahl ist seit Jahren konstant gleich hoch. Das sagt mir als Rechtsmediziner, dass diese ganzen Maßnahmen, die getroffen werden, am Ende gar nicht greifen. Auch wenn immer mehr Geld in das System gepumpt wird und es immer mehr Inobhutnahmen gibt. Die Kinder sterben trotzdem. Das müsste eigentlich Anlass genug sein, um das System zu revidieren.



Kinderklinik-Chefs: "Irgendetwas ist schief gelaufen"(3:18)BZ: Gibt es auch etwas, das in dem Lenzkircher Fall funktioniert hat?
Tsokos: Von medizinischer Seite ist das eigentlich vorbildlich gelaufen. Die Ärzte haben gesagt, hier gibt es Misshandlungen – leider wird ja sonst auch oft von ärztlicher Seite weggeschaut. Aber hier haben wirklich alle an einem Strang gezogen – Rechtsmediziner, Psychologen und Kinderärzte – und haben gesagt: Das Kind ist offensichtlich in Lebensgefahr.

BZ: Warum hat das nicht gereicht?
Dann müsste eben auch die nächste Konsequenz folgen. In Berlin gibt es beispielsweise ein spezielles Dezernat im Landeskriminalamt, das LKA 125, das sich ausschließlich um Gewalttaten an Kindern kümmert. Dort arbeiten Leute, die entsprechend geschult sind und wissen, wie man in so einem Fall vorgehen muss. Leider ist Berlin das einzige Bundesland, in dem es ein solches Dezernat gibt. Ich bin der Meinung, dass wir solche Dezernate überall in Deutschland brauchen.

BZ: Dann würden auch mehr Fälle aufgeklärt werden?
Tsokos: Das hoffe ich. Außerdem ist ja auch die Dunkelziffer sehr hoch. Was meinen Sie, wie viele Fälle als Treppensturz oder ähnliches gewertet werden, obwohl eigentlich ein Kind getötet wurde. Deswegen fordern wir in unserem Buch außerdem auch eine vorgeschriebene professionelle Leichenschaupflicht für Kinder, um so sicherzugehen, dass Gewaltverbrechen an Kindern erkannt werden.

BZ: In Lenzkirch wurde eine Dorfhelferin eingesetzt. Wie sich herausgestellt hat, war sie mit dem mutmaßlichen Täter verwandt. Halten sie es für sinnvoll, wenn Verwandte von offizieller Stelle als Unterstützung in Familien mit Problemen geschickt werden?
Tsokos: So etwas sollte eigentlich von vorneherein ausgeschlossen werden. Es sollte selbstverständlich sein, dass in einem solchen Fall persönliche Beziehungen außen vor bleiben müssen.

BZ: Gibt es Milieus, in denen Kinder besonders häufig misshandelt werden?
Tsokos: Nein, misshandelt wird in allen sozialen Schichten, in allen ethnischen Zugehörigkeiten und in allen Religionen.


"Solche Täter sind hochmanipulativ."BZ: Die Mutter des getöteten Jungen hatte den Stiefvater gegenüber den Ärzten in Schutz genommen. Sie und der Stiefvater haben sich beim Jugendamt auch äußerst kooperativ gezeigt. Überrascht sie das?
Tsokos: Das ist natürlich für die Verantwortlichen angenehm. Die denken dann oft: Das sind so nette Leute, das kann man denen gar nicht zutrauen. Die gucken ja so nett. Da müssen sich die Ärzte ja wahrscheinlich täuschen. Solche Täter sind natürlich hochmanipulativ, weil sie genau wissen, dass sie ein Verbrechen begangen haben. Und genau dieses Verbrechen wollen sie dann natürlich entsprechend vertuschen. Davon darf man sich nicht täuschen lassen.

BZ: Was sagen Sie, wenn Sie Aussagen hören wie: Wir können doch nicht wegen einer Ohrfeige schon ein Kind aus einer Familie holen?
Tsokos: Da widerspreche ich ganz entschieden. Eine Ohrfeige ist eine Straftat. Wer so etwas sagt, kann für einen Job mit Kindern gar nicht qualifiziert sein. Seit dem Jahr 2000 gibt es in Deutschland das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung. Man kann doch über eine Straftat nicht einfach hinwegsehen. Wir schauen doch auch nicht weg, wenn auf der Straße eine Frau von einem Mann geohrfeigt wird. Dann rufen wir die Polizei. Warum soll das denn bei Kindern anders sein?

Zur Person:
Michael Tsokos, Jahrgang 1967, ist Professor für Rechtsmedizin und ein renommierter Fachmann für Forensik. Er leitet seit 2007 das Institut für Rechtsmedizin der Charité in Berlin. 2014 veröffentlichte er zusammen mit Saskia Guddat das Buch "Deutschland misshandelt seine Kinder". Darin prangern die Autoren Missstände in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe an.

Kindeswohlgefährdungen im Land in 2013
Im Jahr 2013 wurde in Baden-Württemberg laut einer Statistik des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg für 9861 Kinder und Jugendliche ein Verfahren zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen vorgenommen. Das entspricht einem Anteil von 0,5 Prozent aller Minderjährigen im Land. Bei 3143 der Verdachtsfälle habe eine akute oder latente Gefährdung vorgelegen. In 3485 Einschätzungen habe sich zwar keine Gefährdung, aber ein anderweitiger Hilfebedarf ergeben. In 3233 Fällen sei keine Gefährdung und kein weiterer Handlungsbedarf gesehen worden. In 517 Fällen – das entspricht fünf Prozent – wurden Kinder und Jugendliche in Obhut genommen.

Chronologie der Ereignisse
2011 als der Junge geboren wird, kümmert sich bereits im Auftrag des Jugendamtes eine sozialpädagogische Familienhilfe um die Familie.

Ende Juli 2013 wird der nun Zweijährige erstmals im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Freiburger Universitätsklinik behandelt. Die Ärzte sowie ein Rechtsmediziner haben den Verdacht, dass er körperlich misshandelt worden ist, und melden dies dem Kinderschutzzentrum als "groben Umgang". Das Jugendamt leitet daraufhin ein Kinderschutzverfahren ein; zur Familienhilfe, die fünf Stunden pro Woche vorbeischaut, stößt für acht Stunden am Tag eine Dorfhelferin hinzu.
Ende Juli 2014: Wieder wird der nun Dreijährige in die Freiburger Kinderklinik eingeliefert. Die Klinik erstattet am 31. Juli Anzeige gegen unbekannt. An das Jugendamt des Landkreises geht ein Schreiben hinaus, indem umstandslos erklärt wird: Eine Rückkehr des Kindes in seine Familie sei nicht zu verantworten. Das Landratsamt reagiert nach Standard: Ein erneutes Kinderschutzverfahren kommt in Gang, und am runden Tisch erklären sich Mutter und Stiefvater einverstanden, dass Mutter und Kinder (der Dreijährige und seine jüngere Schwester) vom Stiefvater räumlich getrennt werden.
8. Oktober: An diesem Tag stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Stiefvater ein – die Beweislage reicht nicht aus, um ihn zu überführen, auch wenn bekannt ist, dass er den Buben hin und wieder schlägt. Zumal ihn die Mutter – sie habe ihn als "liebevollen Vater erlebt" – und zwei weitere Zeuginnen entlasten: Mit seinen Erziehungsmethoden seien sie nicht immer einverstanden, aber gewalttätig hätten sie ihn nicht erlebt.

Die Staatsanwaltschaft weist das Jugendamt ausdrücklich darauf hin, dass sie Handlungsbedarf sieht, um das Kind zu schützen.

Mitte Oktober stimmt das Jugendamt der Rückkehr von Mutter mit den Kindern zum Stiefvater zu, macht aber Auflagen, die Mutter und Stiefvater akzeptieren: Familientherapie, Mutter-Kind-Kur, zu alle 14 Tage stattfindenden Kontrollen durch einen Kinderarzt.
29. Oktober 2014: Die Mutter tritt mit den Kindern eine Kur an.
10. Dezember: Die Mutter meldet sich aus der Kur zurück; sie möchten die für die Familie vereinbarten Hilfen des Jugendamtes fortführen. Die Familie lebt nun wieder unter einem Dach.
Mitte Dezember: Die Mutter muss stationär in einer Klinik aufgenommen werden, ihr Lebensgefährte ist mit der leiblichen, zehn Monate alten Tochter und dem Dreijährigen allein auf seinem Bauernhof. Das Jugendamt ist informiert. Eine Dorfhelferin wird eingesetzt, die für 25 Stunden in der Woche die Familie versorgt.
29. Dezember: Kontrollbesuch des Kinderarztes.
14. Januar: Die Familientherapie beginnt, der Stiefvater nimmt teil.
16. Januar: Der Stiefvater erscheint beim Kinderarzt, das leblose Kind auf dem Arm. Es sei die Treppe hinuntergefallen. Eine Stunde später wird der Dreijährige für tot erklärt.


P.S. Eigentlich belegt dieses Interview nur das, was sowieso alle wissen. Sie nehmen lieber Kinder aus intakten Familien und geben diese in Heime und zu Pflegeeltern (es lässt sich gutes Geld mit diesen Kindern verdienen), als sich um die tatsächlichen Problemfälle zu kümmern. Die machen nämlich Arbeit.   Gut geschützt durch den Staat gebietet ihnen niemand Einhalt und das wissen sie.

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