Mittwoch, 14. Januar 2015

Missbrauchsprozess: Gießener Jugendamt in Erklärungsnot

Die Alarmglocken blieben stumm. Lärmend hätten sie schrillen müssen. Jahrelang war das Gießener Jugendamt seit 2002 mit dem Fall einer Familie betraut, in dem die Kinder nach der Trennung der Eltern nicht nur über schwere Alkoholprobleme des Vaters klagten.

Auch dass die Jungen, wenn sie den Vater besuchten, mit einem Arbeitskollegen des Vaters im selben Bett übernachteten, kam immer wieder zur Sprache. Die Mutter legte gar mehrfach Dienstaufsichtsbeschwerden ein, warf dem Amt Untätigkeit vor. Doch die entscheidenden Konsequenzen zum Schutz der Kinder blieben aus. Nun sitzt der Kollege des Vaters auf der Anklagebank der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts. Der 55-jährige Gießener soll sich zwischen Oktober 2000 und November 2007 regelmäßig an den beiden Jungen vergangen haben.

»Über Jahre haben Sie Akten vollgeschrieben«, hielt der Vorsitzende Richter Peter Neidel einer Mitarbeiterin des Jugendamts während der Verhandlung am Montag vor. »Aber die Situation vor Ort beim Vater hat sich niemand angeschaut.«
Im Herbst 2002 wandte sich die Mutter der beiden mutmaßlichen Opfer an das Jugendamt, bat zunächst um ein Elterngespräch zu Fragen des Sorgerechts. In den folgenden Jahren war das Amt dann mit der Familie fortwährend betraut. »Es waren so viele Baustellen«, blickte gestern im Zeugenstand eine 35-jährige Mitarbeiterin des Jugendamts zurück. Oft sei es um den Alkoholkonsum des Vaters gegangen. Besuchten ihn die Kinder, lag dieser bisweilen irgendwann betrunken und nicht mehr ansprechbar auf dem Boden. »Die Jungen haben sich beim Vater nicht wohl gefühlt«, erinnerte sich die Mitarbeiterin des Jugendamts. Man habe daher versucht, in Gesprächen mit den Eltern »eine Änderung herbeizuführen.« Bisweilen habe sie im Kontakt mit der Familie den Eindruck auch gewonnen: »Es ist so laut. Ich habe mich gefragt: Von was wird da abgelenkt?« Ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch aber sei nicht aufgekommen.

Mutter wurde mehrfach vorstellig

Aus den dem Gericht vorliegenden Akten des Jugendamts geht indes hervor: Mehrfach wies die Mutter das Amt darauf hin, dass die beiden Kinder mit einem Arbeitskollegen des Vaters im selben Bett übernachteten, wenn sie diesen besuchten. Im Sommer 2006 drängte die Mutter den Vater außerdem unter Aufsicht des Jugendamts zu einer schriftlichen Vereinbarung. Darin versicherte der Vater unter anderem, dass die beiden Söhne bei ihm zukünftig alleine im Bett schlafen sollten. Spätestens jetzt hätte das Amt hellhörig werden müssen, hätte nachhaken müssen. Drei Mitarbeiterinnen gaben gestern vor Gericht an, an die Thematik keine Erinnerung zu haben.

So blieben die Alarmglocken stumm. Angesichts dessen fragte der Beisitzende Richter Dr. Patrick Gödicke am gestrigen Verhandlungstag eine 35-jährige Mitarbeiterin des Amts: »Hat vielleicht die Mutter aufgrund ihrer Dienstaufsichtsbeschwerden gegen das Jugendamt irgendwann genervt?« »Jein«, antwortete die 35-jährige Zeugin. »Haben Sie die Mutter irgendwann nicht mehr richtig ernst genommen?«, fragte der Richter weiter. »Nein«, erwiderte die Frau. »Aber die Mutter wollte uns Aufgaben zuteilen, die wir nicht erfüllen können.« So habe die Mutter darum gebeten, samstagabends beim Vater vorbeizuschauen, um zu ergründen, wie sich die Situation mit den beiden Söhnen tatsächlich gestaltete. An jenen Wochenenden sollen sich die Übergriffe des Angeklagten ereignet haben. »Glauben Sie, dass Sie sich in dem Fall ausreichend engagiert haben?«, wollte das Gericht schließlich wissen. »Nach dem, was ich wusste, würde ich jetzt auch so handeln«, hielt die 35-jährige fest. Das Verfahren wird am Donnerstag fortgesetzt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen