Donnerstag, 29. Januar 2015

Nidderau - Jugendamt nimmt Baby weg

Schwere Vorwürfe machen eine 27-jährige Mutter aus Nidderau und deren Rechtsanwältin dem Kreisjugendamt. Mitarbeiter der Behörde hatten die drei Monate alte Tochter der Frau vergangene Woche mit Polizeibegleitung „in Obhut“ genommen. Unrechtmäßig, sagen sie.

Das Kreisjugendamt sei mit seinem Vorgehen „übers Ziel hinaus geschossen“ und habe „völlig überreagiert“. Das befindet Jessica Krohe aus Nidderau-Eichen. Die 27-Jährige ist verzweifelt. Am vergangenen Mittwoch hatten ihr Mitarbeiter des Jugendamts mit Polizeibegleitung ihre dreimonatige Tochter Leonie weggenommen. Begründung: Vorläufige Inobhutnahme wegen akuter Gefährdung des Kindeswohls.

Sie ist entsetzt. Ebenso ihre Anwältin Marion Schöfer: „Es gibt keinerlei Grund, das Kind aus der Familie zu nehmen.“ Dabei beruft sie sich auf Angaben des Kinderarztes, der Großeltern, der betreuenden Hebamme sowie auf eigene Anschauung. Trotzdem habe es nun per Eilantrag des Jugendamts einen „vorläufigen Entzug des Sorgerechts“ gegeben. Doch erst Tage später habe sie den Beschluss auf ihrem Fax gehabt, so Schöfer.

Die verzweifelte Mutter: „Wir wissen bis heute nicht, wo Leonie ist. Es hat sich seit Mittwoch niemand mehr bei uns gemeldet“, so Jessica Krohe gestern gegenüber der Frankfurter Rundschau. Ihr neuer Ehemann und Vater der Kleinen habe am vergangenen Wochenende einen Zusammenbruch erlitten.

Die Ursachen für das amtliche Misstrauen in Sorgfalt, Obhut und Erziehung der Eltern liegen offenbar in der Vorgeschichte: Die junge Mutter hat nach eigenen Angaben bereits eine fünfjährige Tochter, die bei Pflegeeltern lebt und zu der sie keinen Kontakt hat. Es gebe zwar Gewalttätigkeitsvorwürfe und ein Strafverfahren gegen ihren ehemaligen Lebensgefährten und Vater des Kindes, aber Misshandlungen des Mädchens seien nie nachgewiesen, geschweige denn ärztlich dokumentiert worden. Trotzdem habe man ihr schon damals die heute Fünfjährige entzogen. Auch jetzt argumentiere das Jugendamt mit der „Kindeswohlgefährdung“. Der vorläufige Entzug des Sorgerechts gelte, bis das Familiengericht entschieden habe. Dagegen habe Schöfer bereits Beschwerde beim Oberlandesgericht eingelegt.

Immer wieder hätten Jugendamtsmitarbeiter der Familie „nachgestellt“, so die Anwältin. Man habe sie bedrängt, schon vor der Geburt einen Antrag auf Familienhilfe zu stellen. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts habe sich gar gewaltsam Zugang zur Wohnung verschafft. „Und am Mittwoch kam das Jugendamt mit der Polizei ohne richterlichen Beschluss und kassierte das kleine Kind. Das ist unglaublich“, so Marion Schöfer. „Das Amt hält die beiden für nicht erziehungsfähig, dabei sind das ganz normale, ordentliche Verhältnisse“, erklärt sie. „Alles passiert auf der Grundlage von Mutmaßungen.“

Der Main-Kinzig-Kreis dürfe aus Datenschutzgründen keine Angaben zu einzelnen Fällen, schon gar nicht zu laufenden Verfahren machen, heißt es aus der Kreisverwaltung. Es gehe hier um einen besonders sensiblen Bereich und den Schutz von Sozialdaten. „Es geht seinen Gang, der Fall liegt beim Familiengericht“, erklärt Sprecher Frank Walzer. Und: Wenn das Jugendamt des Kreises in Aktion trete, habe es erfahrungsgemäß seine Gründe. „Wenn Jugendämter eingreifen, gibt es Empörung, wenn sie es nicht tun, auch“, erklärt er mit Blick auf Versäumnisse, die diesen Behörden landauf, landab immer wieder vorgeworfen wurden – bei spektakulären Fällen, wenn Kinder vernachlässigt, misshandelt, gar getötet wurden. Walzer gibt zu bedenken, die Jugendämter arbeiteten in den allermeisten Fällen „geräuschlos, kompetent und einfühlsam“, wobei das Kindeswohl über allem anderen stehe.

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