Dienstag, 20. Januar 2015

Titisee-Neustadt: Wäre der Tod des 3-jährigen Kindes zu verhindern gewesen? Familie in Betreuung des Jugendamtes

Hätte der Tod des Dreijährigen in Lenzkirch vermieden werden können? Schon 2014 gab es Hinweise darauf, dass der Stiefvater den Buben misshandelte. Die Familie wurde vom Jugendamt betreut – das verwahrt sich gegen jedweden Vorwurf.

Wäre dieses Unglück vermeidbar gewesen? Diese Frage schießt vier Tage nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Jungen aus Lenzkirch und der Verhaftung seines Stiefvaters schmerzhaft ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Denn schon 2014 hatte es Hinweise auf eine Misshandlung des Buben gegeben. Seither wurde die Familie vom Jugendamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald betreut. "Es war nicht vorhersehbar, was da am Freitagnachmittag passiert ist", sagte dessen Sozialdezernentin, Eva-Maria Münzer, am Montag.

Am vergangenen Freitag um 12 Uhr hatte die Dorfhelferin den Bauernhof in Lenzkirch verlassen, auf dem der Junge mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und deren gemeinsamer zehn Monate alter Tochter zu Hause war. Um 16 Uhr wollte sie wiederkommen, um das Abendessen vorzubereiten. Was sich in diesen Stunden auf dem Hof abgespielt hat, versucht nun eine 15-köpfige Ermittlungsgruppe der Polizei herauszufinden.

Bekannt ist, dass die Mutter des getöten Jungen seit einigen Tagen "organisiert" nicht zu Hause war, wie Sozialdezernentin Münzer sagt. Nach BZ-Informationen befand sie sich wegen einer Erkrankung in stationärer Behandlung. Das Sorgerecht für den Dreijährigen hatten Mutter und Stiefvater gemeinsam, die Dorfhelferin hatte während der Abwesenheit der Mutter deren Aufgaben im Haushalt übernommen. Schon als Alleinerziehende war die 24-Jährige vom Jugendamt betreut worden.

Das Amt schaltete sich wieder ein, als im Juli 2014 über das Kinderschutzzentrum der Uniklinik Freiburg eine Meldung über Kindeswohlgefährdung aufgelaufen war. Das daraufhin gegen den Stiefvater eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde aber im Oktober eingestellt: Es hatte laut Staatsanwaltschaft keine Hinweise ergeben, dass der Stiefvater den Jungen tatsächlich misshandelt hatte. Mehrere Wochen lang waren Mutter und Kinder in dieser Zeit von dem 32-Jährigen getrennt.
Zwei Tage vor dem Tod des Jungen begann Familientherapie

Nach der vom Jugendamt begleiteten Rückkehr der Familie sei ein umfassendes Hilfsprogramm entwickelt worden – "in enger Kooperation mit der Mutter und dem Vater". Vereinbart wurden 14-tägige Kontrolltermine bei einem Kinderarzt, eine gemeinsame Therapie und die stundenweise organisierte Betreuung der Familie durch Fachkräfte. Außerdem sollte die Entwicklung des Jungen verstärkt unterstützt werden. All diese Hilfen, so Eva-Maria Münzer, seien in den vergangenen Tagen angelaufen, nachdem sich die Mutter mit beiden Kindern aus einer mehrwöchigen Mutter-Kind-Kur zurückgemeldet hatte. Von keiner Seite habe es Hinweise auf eine Zuspitzung der Situation gegeben: "Zwei Tage vor dem Unglück hat die Familientherapie begonnen."

Zu spät? Schockiert sei man im Landratsamt über den Tod des Jungen und erschüttert darüber, wie die Behörde mit ihrer Arbeit an Grenzen stoße, so Landrätin Dorothea Störr-Ritter. "Wir haben alles umgesetzt, was machbar war. Unsere Arbeit war richtig, war gewissenhaft", sagt sie und spricht den Mitarbeitern ihr volles Vertrauen aus. Selbstverständlich werde der Fall im Landratsamt aufgearbeitet. Doch die Diskussion, ob es künftig andere, bessere Mechanismen beim Umgang mit Problemen in Familien geben soll, müsse auf gesellschaftlicher und politischer Ebene geführt werden.
Keine Chance auf Rettung

Der tatverdächtige Stiefvater hat laut Staatsanwaltschaft eingeräumt, den Jungen geschlagen zu haben. Er beharrt darauf, das Kind sei auch eine Treppe hinabgestürzt. Erkenntnisse über die Abläufe in dem Haus, das Motiv und den Auslöser für die Schläge, die dem Kind innere Verletzungen zufügten, sowie den genauen Zeitpunkt des Gewaltausbruchs liegen nicht vor. Der 32-Jährige war, wie berichtet, am Freitag kurz nach 16 Uhr mit dem leblosen Buben in einer Neustädter Kinderarztpraxis erschienen. Die Obduktion am Samstag bestätigte "massive innere Verletzungen".

Schon am Freitagabend schien klar, dass diese Verletzungen nicht oder nicht allein von einem Treppensturz herrühren konnten. Oberstaatsanwalt Michael Mächtel beantwortet die entscheidende Frage eindeutig: Das Kind hatte keine Chance auf Rettung. Der 32-Jährige wurde am Freitag vorläufig verhaftet und am Samstag in Untersuchungshaft genommen. Die 15-köpfige Ermittlungsgruppe versucht, auf dem Hof der Familie objektive Spuren zu sammeln. Parallel dazu laufen Befragungen in der Nachbarschaft und im Umfeld der Familie: Es geht um die Vorgeschichte und darum, ob jemand Schreie des Mannes oder Weinen des Kindes gehört hat. Unmittelbare Zeugen gibt es nicht. Die Lebensgefährtin steht unter Betreuung, die gemeinsame Tochter ist in einer Pflegefamilie untergebracht.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen