Samstag, 3. Januar 2015

WÜRZBURG: Großeltern kämpfen ums Enkelkind

Ohne Vorwarnung, sagen die Großeltern, sei ihr fünfjähriges Enkelkind von Mitarbeitern des Jugendamtes aus dem Kindergarten geholt worden. Die Mutter der Kleinen, Bettina E., bestätigt das. Die 29-Jährige erlebte diesen Vormittag im Frühjahr als den reinen Horror, wie sie erklärt, denn auch an ihre Haustüre seien Frauen im Auftrag des Jugendamtes mit einer einstweiligen Anordnung gekommen und hätten mit der Polizei gedroht, wenn die Mutter ihren zweijährigen Sohn nicht herausgebe.

Bettina E. schildert das so: Der Kleine habe gerade in seinem Bett geschlafen – sie musste ihn wecken. Sie sollte in aller Eile Sachen für die Kinder zusammenpacken, getrennt für den kleinen Sohn und die Tochter – denn die Kinder würden zu unterschiedlichen Pflegefamilien gebracht, hätten die Frauen erklärt. „Als sie ihn mitgenommen haben, hat er seine Ärmchen nach mir ausgestreckt“, berichtet die 29-Jährige, deren Schwester gerade bei ihr gewesen sei, als das passierte. Die habe dann rasch Beruhigungsmittel für Bettina E. besorgt.

Die junge Mutter versteht die Welt nicht mehr: Hätte das Ganze vor zwei Jahren stattgefunden, hätte ihr das noch irgendwie eingeleuchtet: Sie schildert, sie hätte oft Streit mit dem Vater der Kinder gehabt, „ich wollte mich von ihm trennen.“ Dann fügt sie an: „Jeder Mensch macht Fehler“. Ihrer sei es wohl gewesen, frühere Versuche des Jugendamtes abzuwehren. Der zum Fachbereich Jugend und Familien gehörende Allgemeine Sozialdienst (ASD) hatte ihre Familie unterstützen wollen, auch mit sozialpädagogischen Familienhelfern. „Ich habe seinerzeit gegen das Jugendamt gearbeitet“, sagt Bettina E.. Der Vater der Kinder hätte nicht akzeptieren wollen, dass Außenstehende sich in die junge Familie einmischen, und sie habe sich ihrem Mann damals oft gefügt, damit es nicht noch mehr Streitereien gibt.

„Ich werde Familienhilfe annehmen“, sagt sie heute, wenn sie eines ihrer Kinder wieder bekommen würde. Und sie wäre damit einverstanden, dass das Mädchen bei Oma und Opa, ihren Eltern, aufwächst, sie wünscht sich das sogar sehr nachdrücklich. Die Kleine sei 'eh von Geburt an wöchentlich drei bis vier Tage bei Oma und Opa gewesen, so die junge Mutter. Sie habe zu dem Kind einfach keine so gute Beziehung aufbauen können wie später dann zu ihrem kleinen Sohn. Und den möchte sie wiederhaben.

Inzwischen ist die 29-jährige Bettina E. in psychotherapeutischer Behandlung – seit Ende 2013, sagt sie. Trotzdem habe sie ein Vierteljahr später die Kinder hergeben müssen, zu einem Zeitpunkt, als sie sich auch schon vom Vater der Kinder getrennt hatte, gibt sie an. Sie wirkt teilweise etwas fahrig, „ich habe die Kinder aber nie vernachlässigt“, sagt sie. Dies sei auch vom Kindergarten so gesehen worden.

Der Vater der Kinder hat eine Bestätigung unterschrieben, in der es heißt: „Meine Tochter befindet sich seit 27. 3. 2014 in einer Pflegefamilie. Ich möchte, dass meine Tochter umgehend bei ihren Großeltern, Familie Karl Heinz und Krimhilde E., untergebracht wird. Ich versichere, dass ich die Familie (Großeltern, die Red.) nicht belästigen, kontaktieren oder aufsuchen werde. Ich werde meine Tochter nur nach Absprache und mit dem Einverständnis des zuständigen Jugendamtes Würzburg und ggf. unter dessen Aufsicht besuchen.“ Und die Großmutter des kleinen Mädchens erklärt: „Ich würde auch mit dem Jugendamt zusammenarbeiten.“
„Ich werde Familienhilfe annehmen“
Bettina E., die ihre Kinder zurückhaben will
Wer nun aber meint, der Weg für ein Happy End sei somit klar gewiesen, der irrt. Zumindest, wenn es nach Ämtern und Gerichten geht, sieht es vorläufig nicht danach aus. Die Sache wurde im Juni vor dem Amtsgericht Würzburg verhandelt mit dem Ergebnis, dass die Kinder in den Pflegefamilien bleiben. Eine Gutachterin hatte erklärt, „dass für eine Rückführung der Kinder zur Kindsmutter eine Therapie alleine nicht ausreichen würde. Hier wäre eine vollumfängliche Stabilisierung der Lebenssituation der Kindsmutter erforderlich“. Die Gutachterin sieht „eine sehr ambivalente und konfliktbehaftete Beziehung“ und „familiäre Verstrickungen“ zwischen den jungen Eltern und den Großeltern der beiden Kinder. Außerdem, hieß es von Seiten des Jugendamtes, hätten sich die Kinder in dem Vierteljahr bereits gut bei den Pflegefamilien eingelebt. Die Eltern der beiden Kinder hingegen wollen keine Entfremdung, wollen regelmäßig Kontakt zu den Kleinen. Außerdem wünschen sie sich nach wie vor, dass die Fünfjährige bei der Großmutter lebt.

In verschiedenen Schreiben, darunter auch einem Schreiben des seinerzeitigen Würzburger Sozialreferenten Robert Scheller (damals Leiter des Jugend-, Familien- und Sozialreferates) an die Großeltern, wird immer wieder betont, dass die Großmutter sich sehr um die Kleine bemüht und sie gefördert habe. Scheller schreibt weiter: „Ihre beiden Enkelkinder, um die Sie sich liebevoll und engagiert gekümmert haben, hätten sich ohne Ihre Unterstützung nicht so gut entwickelt. Der weitere Umgang zwischen Ihren Enkelkindern und Ihnen wird daher auch von unserem Pflegekinderdienst durchaus positiv gesehen und auch weiterhin gefördert werden“. Um so weniger können die Großeltern verstehen, dass sie jetzt nicht mehr zum Zuge kommen sollen. Eine „konfliktbehaftete Beziehung“ zu den jungen Leuten gebe es nicht. Selbst der Vater der beiden kleinen Kinder habe sich, nach einem ersten Verstoß, daran gehalten, sein Kommen zu den Großeltern telefonisch anzukündigen.

Die Großeltern klagen darüber, dass sie die Kinder mittlerweile nur noch alle paar Wochen – jeweils im Abstand zwischen vier bis neun Wochen – sehen dürfen, die Fünfjährige gerade mal eine Stunde unter Beobachtung in einem Amtszimmer. Und dies, obwohl sie in einem Haus mit sechseinhalb Zimmern wohnen und mehr als genug Platz hätten. Ein gemeinsamer Gang zum Martinszug oder gar zum Weihnachtsmarkt sei nicht mehr möglich gewesen, sagen sie. Sie bekämen für solche Gelegenheiten keine Erlaubnis. Nach Meinung der Großmutter leidet die Fünfjährige sehr. Die Bilder, die sie male, seien nicht mehr bunt, sondern schwarz.

Die 62-jährige Großmutter ist verzweifelt. Sie bietet alles nur Mögliche an, um das Sorgerecht für das Mädchen zu erhalten, und sie selbst sei gesund, erklärt sie, bis auf eine kleine Schwäche in einem Arm. Trotzdem hat mittlerweile auch die Berufungsinstanz in Bamberg die aktuelle Situation festgeklopft: die Kinder bleiben bei den Pflegefamilien. Die Großmutter hat nun eine Arbeit angenommen, damit sie genug Geld für einen Rechtsanwalt aufbringen kann, der auch gegen die Entscheidung des Oberlandesgerichts Bamberg vorgehen soll. Unterdessen gibt der seinerzeitige Sozialreferent Scheller zu dem Fall offiziell keine Auskunft.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen