Freitag, 6. Februar 2015

Hamburg: Fall Chantal - Pflegeeltern erhalten Bewährungsstrafe

Und so erklärte Rüdiger Göbel mehr als eine Stunde lang, warum die Kammer Sylvia L. wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen zu acht Monaten Haft und Wolfgang A. zu einem Jahr Haft verurteilte - und vor allem warum beide Strafen zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Chantal starb nach einem stundenlangen Sterbeprozess an den Folgen einer Methadonvergiftung. Nach Überzeugung der Kammer muss sie - geplagt von Unwohlsein und Erbrechen - auf der Suche nach einem geeigneten Medikament am Abend des 15. Januar versehentlich eine sogenannte Methaddict-Tablette geschluckt haben. Ihre Pflegeeltern Wolfgang A. und Sylvia L., in deren Obhut das Jugendamt das Mädchen gegeben hatte, wurden zu diesem Zeitpunkt mit dem Ersatz-Heroin Methadon substituiert.

Das Gericht sei sicher, dass die Tablette aus dem Bestand des Paares stamme, so Göbel. Die Version, Chantal habe von ihrem leiblichen Vater Methadon bekommen, nahm die Kammer den Angeklagten nicht ab. Noch in der Hauptverhandlung hatten Sylvia L. und Wolfgang A. versucht, dem Mann die Verantwortung zuzuschieben.

Keine Verletzung der Fürsorgepflicht

"Unplausibel" und voller Zweifel sei auch die Geschichte, die Tabletten, die das Paar täglich einnehmen musste, um die Entzugssymptome zu lindern, seien zum Schutz der Kinder in einer Garage deponiert worden, sagte der Vorsitzende. "Das ist eine Schutzbehauptung", so Göbel. Bei der Hausdurchsuchung Tage nach Chantals Tod konnte kein Methadon sichergestellt werden. "Die Angeklagten hatten ausreichend Zeit, das Methadon aus der Wohnung zu schaffen."

"Die Sorgfaltspflichtverletzung war ursächlich für Chantals Tod", konstatierte Göbel. Durch ihre langjährige Erfahrung mit Drogen hätten Sylvia L. und Wolfgang A. die Gefährlichkeit von Methaddict gekannt. "Sie wussten, schon eine Tablette ist für ein Kind lebensbedrohlich." Mit "einfachen Mitteln" wäre es möglich gewesen, Chantal, aber auch die anderen drei Kinder im Haushalt vor dem vollsynthetisch hergestellten Opioid zu schützen.

Eine Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, wie sie die Staatsanwaltschaft angeklagt hatte, sah die Kammer nicht. "Chantal war nicht verwahrlost", sagte Göbel und unterstellte der Behörde "einseitige Ermittlungen", die "den Blick auf das Wesentliche - die fahrlässige Tötung - unnötig versperrt haben".

Staatsanwalt Florian Kirstein hatte für Wolfgang A. eine zweieinhalbjährige Haftstrafe und für Sylvia L. eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten gefordert. Kirstein sprach von einer "schweren Straftat". Die Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert. Beide wollen gegen das Urteil Revision einlegen.

"Aufgabe des Verfahrens war nicht, das Fehlverhalten des Jugendamts zu prüfen", betonte Richter Göbel in seiner Urteilsbegründung. Das Ermittlungsverfahren gegen sechs Mitarbeiter der Behörde sowie einen Mitarbeiter eines freien Trägers war eingestellt worden.


P.S. Ein Kind ist tot und es gibt Bewährung. Das Jugendamt ist natürlich nicht schuldig!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen