Samstag, 4. April 2015

Sachsen: Keine Chance für ein Baby


Hier geschah, was Dohna nachdenklich macht. In dem sanierten Mehrfamilienhaus, die Kirche in Sichtweite, wurde ein totes Baby gefunden. Noch ist unklar, wie es ums Leben kam.
Hier geschah, was Dohna nachdenklich macht. In dem sanierten Mehrfamilienhaus, die Kirche in Sichtweite, wurde ein totes Baby gefunden. Noch ist unklar, wie es ums Leben kam.
© Marko Förster
Ein großes saniertes Wohnhaus auf der Dohnaer Müglitztalstraße. Dahinter noch ein Wohnhaus. Die Kirche in Sichtweite. Alles solide, bürgerlich. Sechs Wohnungen im Vorderhaus. Was geschah hinter den Fenstern ganz oben? 

Am Dienstag fand die Polizei hier ein totes Baby. Sie war einem Hinweis aus dem Umfeld nachgegangen. Die 25-jährige Mutter von drei Kindern war schwanger gesehen worden, und plötzlich war sie es nicht mehr, ohne dass es ein Baby gab. Die Kinder wurden vom Jugendamt in Obhut genommen und gemeinsam in einer Einrichtung untergebracht. Die junge Frau wurde verhaftet. Der Verdacht: Totschlag. 

Die meisten Dohnaer erfuhren es aus dem Radio. Als eine Frau aus dem Nachbarhaus die Meldung hörte, fragte sie sich, wo das denn passiert sein könnte. Dass es im Nebenhaus war, erschreckt sie. Sie habe zwar die junge Frau kaum gesehen, aber der Gedanke an das, was da geschehen sein könnte, macht sie traurig und wütend. Wenn man selbst Kinder hat, ist das unbegreiflich, sagt sie. Auch die junge Frau aus einem Haus ein Stück weiter versteht es nicht. Ein Mann aus dem Wohnhaus habe die Frau schwanger gesehen. Sie soll vor etwa einem halben Jahr eingezogen sein. 

Entscheidend wird das Ergebnis der Obduktion sein. Wurde das Mädchen tot geboren oder nach der Geburt getötet? In den sozialen Netzwerken wird die junge Frau schnell als Mörderin vorverurteilt. Rasch werden auch Vorwürfe gegen das Jugendamt des Landkreises laut. Das bestätigt Kontakte zur Mutter. Es habe sich um Leistungsansprüche für die Kita-Betreuung der drei Kinder gehandelt. Im Zusammenhang mit dem Erfordernis von Hilfen zur Erziehung sei die Familie nicht bekannt, sagt der zuständige Beigeordnete für Gesundheit und Soziales, Peter Darmstadt. 

Gleichzeitig sagt er aber auch: „In den letzten Wochen war das Jugendamt präventiv tätig. Die Mitarbeiter des Jugendamtes haben ihre Möglichkeiten nach meiner Kenntnis umfassend genutzt.“ Präventiv bedeutet, dass die Mitarbeiter Notwendigkeit zum Dialog sahen, ohne dass er angenommen wurde. Ein Fakt, der viel Raum für Spekulationen lässt, zumal auch die Stadt von vielen verschiedenen Kontakten zur Familie und Hilfsangeboten spricht. Mehr wollen Landkreis und Stadt mit Blick auf das laufende Verfahren nicht sagen. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei dauern über die Osterfeiertage an. 

Viele machen sich Gedanken, ob man es hätte verhindern können. Beratung für Schwangere bieten das Landratsamt, die Diakonie in Pirna sowie Kaleb in Sebnitz an. Babyklappen gibt es derzeit in Sachsen sechs, die nächsten von Dohna sind in Dresden und Bautzen. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gibt es die Möglichkeit der anonymen Geburt. Von Fachleuten wird das für besser gehalten als die Babyklappe. 

Die Angebote sind kostenlos. Doch wenn eine Frau ihre Schwangerschaft nicht wahrnehmen will bzw. kann, sieht sie auch keinen Grund, Hilfen anzunehmen. Wie hoffnungslos muss die junge Frau gewesen sein? Und: Wie kann verhindert werden, was jetzt alle erschreckt? Von den Ämtern kaum. Sie beklagen, zu wenig rechtliche Möglichkeiten zu haben, man könne niemanden zur Annahme von Angeboten zwingen. 

Laut Aussagen der Deutschen Kinderhilfe von 2012 werden pro Woche im Schnitt drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung umgebracht. Viele davon sind jünger als sechs Jahre. Fast immer geht der Tat eine große Überforderung voraus, die Handlung ist dann oft eine Kurzschlussreaktion. Die Psychologie unterscheidet drei Auslöser der Kindstötung: Schuldgefühle, Rache, Vernachlässigung.
Kindstötung wird meist als Totschlag mit mehreren Jahren Haft, teilweise als Mord mit lebenslänglicher Haft bestraft. 

In Dohna fragen sich viele, ob sie hätten etwas ahnen können. Es macht das Mädchen nicht wieder lebendig. 

http://www.sz-online.de/sachsen/haette-der-tod-des-babys-verhindert-werden-koennen-3074716.html

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