Mittwoch, 13. Mai 2015

Warendorf: Jugendliche im Ausland untergebracht aufgrund einer Heimkarriere

Klar ausschließen kann Jugendamtsleiter Wolfgang Rüting aber, dass Mitarbeiter seines Amtes mit dem „Geschäftsmodell Auslandstherapie“ nebenbei Kasse machen. Dieser Verdacht richtet sich derzeit gegen Verantwortliche in Gelsenkirchen.

Auch wenn Rüting am Montag sagte, er selbst sehe die Auslandsunterbringung „kritisch und skeptisch“, betonte der Amtsleiter zugleich, er wolle diese Maßnahmen „nicht verteufeln“. In Einzelfällen habe das Kreisjugendamt mit den Erziehungsmaßnahmen im Ausland gute Erfahrungen gemacht.

Es sollen die so genannten „Systemsprenger“ sein, für die der Aufenthalt im Ausland oft der letzte Rettungsanker ist. „Meist sind es ältere Jugendliche, die eine lange Heimkarriere hinter sich haben und die wir mit herkömmlichen Maßnahmen nicht mehr erreichen.“ 

Fast immer handele es sich um junge Menschen, die sozial verwahrlost seien und nie gelernt hätten, Vertrauen und Bindungen aufzubauen. Oft reagierten sie äußerst aggressiv. So wie die 14-Jährige, die das Jugendamt im Jahr 2008 auf der Krim untergebracht hatte. In Deutschland habe es damals keine Hilfeeinrichtung gegeben, die bereit war, das Mädchen aufzunehmen. „Die 14-Jährige war hochgradig gewalttätig und griff kleine Kinder auf Spielplätzen an“, erläuterte Rüting. Durch das Projekt auf der Krim sei sie aber stabilisiert worden und hätte danach wieder in einem Heim in Deutschland gelebt.

Dass es oft schwierig sei, Heime zu finden, die sozial auffällige Jugendliche annehmen, liege daran, dass sich diese Einrichtungen fast zu 100 Prozent in freier Trägerschaft befinden. „Die Heime entscheiden selbst, ob sie den Jugendlichen in ihrem Haus wollen oder nicht.“

Es gehe aber nicht darum, Probleme ins Ausland zu verlagern, beteuerte Rüting. „Die große räumliche Distanz ist für viele die einzige Chance, aus verursachenden Strukturen herauszukommen.“ Oft müssten erst einmal Kontakte zu Gleichaltrigen – mitunter auch zum Elternhaus – gekappt werden, damit sich der Jugendliche überhaupt aus dem Sog der Probleme befreien könne.

Im Ausland leben die Jugendlichen in Familien. Mindestens ein Elternteil ist für diese Aufgabe zuvor in Deutschland qualifiziert worden. Wegen der sprachlichen Barrieren werden die Jugendlichen in der Regel online beschult. Die Maßnahmen im Ausland (oft erlebnispädagogischer Art) sind Angebote hiesiger Träger der freien Jugendhilfe. Ähnliche Projekte wurden seit den 80er-Jahren von vielen Jugendämtern in Nordrhein-Westfalen durchgeführt.

Die Unterbringung im Ausland sei für das Jugendamt keineswegs günstiger, machte Rüting deutlich. „In Deutschland kostet die Heimunterbringung etwa 140 Euro am Tag. Im Ausland zahlen wir zwischen 170 und 220 Euro.“

Derzeit hat das Jugendamt 81 Kinder in Heimen untergebracht. Zwei von ihnen sind aktuell in Polen. Die Maßnahmen laufen bald aus. Neue sind nicht geplant.


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