Samstag, 13. Juni 2015

Dithmarschen: Friesenhofheime - den Willen systematisch gebrochen

Die Tenne hat Marie* gehasst. Die Tenne sei der Ort gewesen, wo sie und die anderen Mädchen bestraft wurden. Wenn der Erzieher rief: "Tenne!", dann wusste Marie: Jetzt gibt es entweder "Strafsport" – Sport so lange, bis ihr schlecht wird. Oder stillsitzen. "Alle mussten das irgendwann mal: auf dem Boden der Scheune sitzen, nicht bewegen. Nur zur Toilette durfte man", sagt sie.

Ein knappes Jahr lebte die heute 20-Jährige in Heimen der Kinder- und Jugendhilfe Friesenhof im Kreis Dithmarschen, in denen Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund betreut werden. Oder besser: betreut wurden. Vergangene Woche hat das Kieler Sozialministerium zwei der drei Standorte wegen inakzeptabler Zustände geschlossen. Beim Landesjugendamt war zuvor eine Reihe von Beschwerden eingegangen, wonach Mädchen in den Friesenhof-Heimen beschimpft, gedemütigt, gefilmt und zum Ausziehen gezwungen worden sein sollen.

Erstmals melden sich die Mädchen nun selbst in den Medien zu Wort. Marie ist eins von ihnen. Sie sagt, ihr Wille sei "systematisch gebrochen" worden.

Erstmals seit der Schließung bezieht aber auch die Leiterin des Heims, Barbara Janssen, persönlich Stellung. Zuletzt hatte sie sich zurückgezogen. Sie fühlt sich als Opfer von Verleumdungen. "Mein Vertrauen ist erschüttert", sagt sie. Ihre Geschäftsgrundlage auch.

Barbara Janssens’ Geschäft basierte auf Regeln. Auf strengen Regeln, das bestreitet die 70-Jährige nicht einmal – aus ihrer Sicht brauchen die Patientinnen, bei denen bislang kaum Regeln geholfen haben, einen festen Rahmen. Nur: Wie fest darf so ein stützender Rahmen sein? Wie streng dürfen Regeln sein, bis sie zur Schikane werden?

Marie erzählt, sie habe früher große Schulangst gehabt. Irgendwann sei sie einfach nicht mehr zum Unterricht gegangen, tagelang abgetaucht, ihren Eltern entglitten. Das Jugendamt habe sie schließlich in den Friesenhof geschickt.

Zunächst kam Marie ins Camp Nanna, ein Aufnahmeheim am Rand des Dorfs Wrohm nahe der Nordsee – das Haus mit der Tenne. Den Alltag dort empfand sie als Ansammlung von Schikanen. Als sie einmal ihren Arm in Gips trug, weil sie ihn gebrochen hatte, hätten die Betreuerinnen sie gezwungen, trotzdem ihren Putzdienst zu versehen. Als Vegetarierin sei sie zum Fleischessen gezwungen worden. Mitten in der Nacht sei sie zum Sport geweckt worden.

Manchmal, wenn ein besonders renitentes Mädchen zur Räson gebracht werden sollte, sei "Bernd" aus der Zentrale in Büsum gerufen worden, erzählt Marie. "Er ließ uns Liegestütze und Sit-ups machen, bis uns schlecht wurde."

Marie hat das Jugendheim längst verlassen, heute ist sie in ambulanter Therapie. Aber was sie erzählt, deckt sich mit zahlreichen Beschwerden, die sich beim Landesjugendamt Schleswig-Holstein häuften – bis Beamte Anfang des Jahres die Friesenhof-Heime überprüften. Danach erließ das Jugendamt eine Verfügung. Sie enthält auf fünf Seiten Auflagen für das Personal, zum Beispiel: "Die Anfertigung von Film- und Fotoaufnahmen von Betreuten ist unzulässig." Sollten solche Regeln nicht eigentlich selbstverständlich sein? Barbara Janssen findet die Frage unfair. Sie habe damals nicht persönlich Stellung nehmen dürfen, sagt sie. Und nur weil ein bestimmtes Verhalten verboten werde, heiße das nicht, dass es vorher auch tatsächlich praktiziert worden sei.

 Doch Anfang dieses Monats tauchten wieder unangemeldet Kontrolleure in den Heimen auf, um die Einhaltung der Auflagen zu überprüfen. Offenbar hatte sich kaum etwas gebessert: Vergangene Woche folgte die Schließung. Es fehle an "ausreichend qualifiziertem Personal", und der Umgang mit den Jugendlichen entspreche "nicht den vereinbarten pädagogischen Maßstäben", lautet die Begründung.

Jugendämter aus Schleswig-Holstein schicken schon seit geraumer Zeit keine Mädchen mehr in die Friesenhof-Heime – anders als Hamburg. Aus den Antworten auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion von Ende Mai geht hervor, dass drei Bezirke und das Familieninterventionsteam seit 2007 rund 80 Kinder und Jugendliche in die Friesenhof-Heime geschickt haben. Jetzt, zum Zeitpunkt der angekündigten Schließung, waren aus Hamburg noch fünf Mädchen in zwei der Heime, sie alle kommen aus Wandsbek.

Das Bezirksamt Wandsbek möchte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. Nur eine schriftliche Erklärung gibt die Sprecherin heraus. Darin die Feststellung: "Das Bezirksamt Wandsbek ist grundsätzlich der Ansicht, dass eine erfolgreiche Hilfegestaltung bei dem Träger derzeit nicht umsetzbar ist." Die fünf verbliebenen Mädchen sollen baldmöglichst in andere Heime wechseln.

Die zuständige Fachaufsicht, die Sozialbehörde, hat von den Zuständen erst durch die Kleine Anfrage erfahren. Die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Wandsbek, Mitte und Harburg kannten zwar schon seit Februar die Verfügung des Kieler Landesjugendamts mit den Auflagen für die Heime, enthielten jedoch der Sozialbehörde die Information vor. Stattdessen ließ man sie offenbar an die Linkspartei durchsickern. Sie habe daher "noch keine Bewertung vornehmen können", antwortete die Sozialbehörde auf die Kleine Anfrage. Und deshalb möchte auch der Sprecher jetzt nichts sagen.

Aber Barbara Janssen ist bereit zu reden, derZEIT  möchte die Betreiberin der Friesenhof-Heime ihre Sicht schildern, den Anschuldigungen widersprechen. "Die Vorwürfe der Verfügung stimmen nicht", sagt sie. Niemals hätte sie geduldet, dass eine Vegetarierin zum Fleischverzehr gezwungen worden wäre. Dass ein Mädchen mit Gipsverband habe putzen müssen, sei ihr nicht bekannt. Von ihrem Mitarbeiter "Bernd" hätte sie sich getrennt – Janssen wirft ihm vor, sein Verhalten habe allen Ärger erst verursacht. 

Auch die Verfügung des Landesjugendamts hätte sie "in jedem einzelnen Punkt widerlegen können". Aber sie, die Betreiberin, sei damals nicht angehört worden.

So heiße es in der Verfügung zum Beispiel, Mädchen dürften nicht gezwungen werden, sich nackt auszuziehen. Auch Marie will sich erinnern, dazu genötigt worden zu sein. Barbara Janssen hingegen widerspricht: "Die Mädchen mussten sich niemals nackt ausziehen! Niemals!" Und der Sport mitten in der Nacht? "Es war Frühsport! Ja, die Mädchen mussten um 6 Uhr aufstehen zum Dauerlauf. Für einige der Mädels war das Nacht."

Dieser Sport, bestätigt sie, habe in der Tenne stattgefunden, dem Ort für Feiern und Begegnungen. Janssen leugnet nicht, dass die Mädchen dort auch stillsitzen mussten. Das sei aber keine drakonische Strafe gewesen, sondern eine Art Kontemplation.

Ihren Sitz hat die "Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof Janssen" im Hafen von Büsum, in einem Lager- und Bürohaus. Im Erdgeschoss gibt es einen Unterrichtsraum für "nicht beschulbare Jugendliche". Janssen und ihre Kollegen arbeiten mit vielen Patienten, bei denen alle anderen Hilfen gescheitert sind. Was sie dafür qualifiziere?

Barbara Janssens Smartphone klingelt unablässig. Sie drückt die Anrufe weg, wirkt fahrig, unkonzentriert. Die vergangenen Tage haben ihr sichtlich zugesetzt. Zuletzt wurde auch noch bekannt, dass ein Betreuer ein Verhältnis mit einer 16-jährigen Heimbewohnerin hatte, Janssen entließ ihn sofort. Leider habe sie nur eine Ausbildung zur Erzieherin, dazu noch eine jugendpsychiatrische Weiterbildung, sagt sie. "Ich habe nicht die Möglichkeit gehabt zu studieren. Aber es reichte, um die Voraussetzungen für die Trägerschaft einer Einrichtung zu erfüllen."

Ihr Erziehungskonzept, erklärt sie, orientiere sich am Trainingscamp des ehemaligen Boxers Lothar Kannenberg. Der betreibt in Hessen eine Jugendhilfeeinrichtung für drogenabhängige und kriminelle Jungen. Kannenberg gebe ihnen einen festen Rahmen. Ohne Härte gehe das natürlich nicht. Über den Erfolg des Konzepts gehen die Meinungen allerdings auseinander. Kannenberg selbst erklärte, die Rückfallquote nach Durchlaufen seines Camps betrage 20 Prozent. Die Universität Kassel kam in einer Evaluation auf 60 Prozent.

Was Kannenberg für Jungs tut, das wolle sie für Mädchen erreichen, sagt Barbara Janssen. Mit Mädchen sei es jedoch schwieriger, denn die seien anders: "Mädchen sind eher intrigant, mit Jungs kann man offen reden."

Und warum beschäftigt sie so viele Männer in Mädchenheimen? "Ich stelle fähige Erzieher ein, egal, ob Mann oder Frau." Im Übrigen: "Was glauben Sie, mit was für Erziehungsberechtigten ich es zu tun habe? Zwei Väter sind bei den Hells Angels! Das sind meine Elternkontakte!"

Wieder klingelt das Smartphone. Janssen schaut aufs Display und springt auf: "Ich muss Sie jetzt leider verabschieden! Ich habe keine Zeit mehr!" Kurz darauf stellt sie einen Insolvenzantrag.
* Name von der Redaktion geändert




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