Dienstag, 2. Juni 2015

Dithmarschen: Was geschah im Friesenhof?

Der öffentliche Druck im Fall der umstrittenen Jugendhilfeeinrichtungen des Trägers Friesenhof im Kreis Dithmarschen nimmt zu. Die Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft haben am Montag ihre Kritik an den vermeintlichen Zuständen in den Mädchenheimen bekräftigt, wollen eine Akteneinsicht durchsetzen und eine Enquetekommission einrichten. In den Heimen sind aktuell auch fünf Hamburgerinnen untergebracht. Insgesamt haben Hamburger Jugendämter in den vergangenen Jahren rund 80 Mädchen und junge Frauen in Einrichtungen des Friesenhofes betreuen lassen.
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Das zuständige Landesjugendamt in Schleswig-Holstein hat unterdessen erneut zwei Einrichtungen des Trägers mit etwa 20 Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren überprüft, wie Sozialstaatssekretärin Anette Langner in Kiel mitteilte. Sollte auch nur gegen eine der nach mehreren Beschwerden vereinbarten Auflagen verstoßen worden sein, werde die Betriebserlaubnis entzogen, sagte Langner.

Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen

Hintergrund sind Vorwürfe gegen die Heime, wonach sich Mädchen, die dort betreut werden, vor ihren Betreuern nackt ausziehen mussten. Außerdem sollen Bewohnerinnen gegen ihren Willen fotografiert und gefilmt worden sein. Es soll immer wieder mit entwürdigenden Erziehungsmaßnahmen wie Beschimpfungen, Essensentzug und Strafsport gearbeitet worden sein. Zudem soll den Mädchen und jungen Frauen der Kontakt zu ihren Angehörigen verboten, Briefe kontrolliert oder zurückgehalten worden sein. Die Vorwürfe stützen sich nach Aussage der zuständigen Behörden auf Beschwerden von Bewohnerinnen und zwei ehemaligen Mitarbeitern der Jugendhilfeeinrichtungen.
Das zuständige Jugendamt hatte diese Praktiken im Januar untersagt – "unabhängig davon, ob solche Rechtsverletzungen tatsächlich stattgefunden haben", wie die Behörde damals schrieb. Am Montag teilte das Sozialministerium in Kiel mit, man nehme die Beschwerden sehr ernst, auch wenn diese im Einzelnen im Nachhinein nicht mehr nachprüfbar sein sollten. "Wenn es um das Kindeswohl geht, darf es keine zwei Meinungen geben", sagte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD). "Der Schutz von Jugendlichen steht an erster Stelle."

Hamburger Senat bei Aufarbeitung gefragt

Die Behörden in Schleswig-Holstein hätten aus ihrer Sicht im ersten Schritt richtig gehandelt, sagte Sabine Boeddinghaus, die Fraktionsvorsitzende der Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft. Doch jetzt müsse die Aufklärung weitergehen. "Das Ziel muss sein, zu 100 Prozent sicherzustellen, dass es den Mädchen und jungen Frauen in den Einrichtungen gut geht." Dazu wollen die Linken eine Enquetekommission einsetzen, die sich unter anderem mit der Frage der Unterbringung von Jugendlichen außerhalb Hamburgs befasst. Und ganz konkret müssten die Vorfälle in den Friesenhof-Einrichtungen aufgearbeitet werden. Dabei sei jetzt auch der Hamburger Senat gefragt, der bislang zu wenig Engagement zeige, aus Sicht der Linken die Aufklärung sogar eher zu verhindern versucht.
So zeigten sich Boeddinghaus und der kinderpolitische Sprecher der Linken Fraktion, Mehmet Yildiz, irritiert, dass die Sozialbehörde erst im Mai von den Anschuldigungen gegen die Heime erfahren haben will. Die Jugendämter, die Kinder und Jugendliche in den Friesenhofheimen untergebracht haben, wurden aus Schleswig-Holstein nachweislich bereits im Februar informiert.

Erinnerungen an die Haasenburg-Heime

Gerade im Rückblick auf die Vorfälle in den zwischenzeitlich geschlossenen Haasenburg-Heimen erwarte man von den Verantwortlichen der Stadt mehr Sensibilität, so Boeddinghaus, besonders in der Sozialbehörde. Doch die Behörde ziehe sie sich darauf zurück, "dass jetzt alles gut sei", so Yildiz, "weil das Landesjugendamt Schleswig-Holstein die schlimmsten Verstöße verboten hat und einzelne Mitarbeiter entlassen wurden".
Um herauszufinden, wann die Sozialbehörde über welche Informationen verfügte, und welche Rolle die Bezirksämter gespielt haben, will die Linke jetzt ein Aktenvorlageersuchen starten. Das soll auch zeigen, wie die Jugendämter der Bezirke mit Beschwerden von Mädchen umgegangen sind, die sie aus den Friesenhof-Heimen erreicht haben – und mit welchen Fakten die Vorwürfe hinterlegt waren. Sechs Beschwerden Hamburger Mädchen sind seit 2014 registriert.
Die Leiterin des Friesenhofes, Barbara Janssen, wies die Vorwürfe am Montag erneut zurück "Das, was da so steht, hat nie so stattgefunden", sagte sie mit Blick auf die Berichte über Missstände.

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