Donnerstag, 25. Juni 2015

Drehtür zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe-Einrichtungen

Sozialarbeiter Alexander Altay berichtet von einem Jugendlichen, der seit Jahren zwischen Psychiatrie und Wohnheimen hin und her geschoben wird - unter anderem weil er zündelte.

Fiktiver Name, realer Fall: In der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses wurden die zurückliegenden acht Lebensjahre des mittlerweile 18-jährigen Klaus W. vorgestellt. Als "Fall aus der Alltagspraxis" bezeichnete Sozialarbeiter Alexander Altay das Leben. "Das ist sicherlich ein Ex-trembeispiel, aber solche Fälle häufen sich", ergänzte Jugendamtsleiter Siegbert Goll auf Nachfrage von Kreisräten. "Wir haben einen Fall ausgewählt, der die Grenzen des Systems aufzeigt", betonte auch Landrat Thomas Bold (CSU).
Gerade einmal zehn Jahre alt war Klaus, als er zum ersten Mal in die Psychiatrie eingeliefert wurde. "Er reagierte bei kleinsten Anforderungen aufbrausend und aggressiv", berichtete Altay. Mitschüler fühlten sich bedroht, die Mutter sei überfordert gewesen. Also wurde er Anfang 2008 in ein Heim in Thüringen geschickt - immer wieder unterbrochen von Aufenthalten in der Psychiatrie. 2010 gab es den ersten Abbruch: "Die haben die weiße Fahnen rausgehängt", umschreibt Altay das Verhalten der Jugendhilfe-Träger, und: "Das System kommt immer stärker an die Grenzen des Machbaren und Leistbaren."

"Drehtür" zur Psychiatrie
Nächste Station war eine Wohngruppe mit sechs Kindern in Oberebersbach. Aus dieser Zeit kennt Karlheinz Friedel den Fall. Der Gesamtleiter des Vereins "Netzwerk für soziale Dienste" vertritt den Paritätischen Wohlfahrtsverband im Jugendhilfeausschuss. "Solche Fälle nehmen zu, aber sie sind die Ausnahmen", bestätigte auch Friedel, und: "Einen wie Klaus hatten wir in 14 Jahren Oberebersbach drei Mal."
"Trotz intensiver Bemühungen des Personals" sei auch diese Maßnahme gescheitert, also ging es 2011 in eine geschlossene Einrichtung. Und immer wieder kamen Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken dazwischen. "Die waren damit alle überfordert", sagt Altay und spricht von einer regelrechten "Drehtür zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe-Einrichtungen".
Nächste Station war eine Einzelbetreuung in Finnland: In einem reizarmen Milieu musste Klaus selbst Feuer machen, Wasser aus dem Brunnen holen und Lebensmittel einkaufen. Nach einem halben Jahr war auch dort Schluss - "wegen massiver Bedrohung der Betreuerin, sogar mit einem Messer". Zurück in Deutschland schloss sich eine Einzel-Betreuung mit zwei Pädagogen fast rund um die Uhr an: Knapp zwei Jahre lang ging das gut. "Das war eigentlich die beste Phase", blickt Altay zurück auf ein Praktikum und den Start einer Ausbildung. Allerdings folgten Aufenthalte in der Psychiatrie und schließlich der Abbruch.

Hindernisse und Konflikte
Jeder Wechsel bedeutet für Altay zum Teil wochenlange Suche nach einer neuen Bleibe: Ende 2014 wurde er in einer Spezialeinrichtung in Thüringen fündig. "Aber selbst dort hat Klaus wieder einen Weg raus gefunden: Er hat wiederholt gezündelt." Deshalb lebt er aktuell in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung.
Sozialarbeiter Altay ging auch auf Hintergründe ein: So würden viele Einrichtungen gleich abwinken, wenn sie bestimmte Namen hören. Auch jede Menge Konflikte benannte Altay: So habe die Kindsmutter oft gegen die Einrichtungen gearbeitet, das Personal habe in mehreren Fällen den Träger vor die Entscheidung "Er oder wir" gestellt. Und auch er selbst habe wegen des Falls bereits Streit mit dem Jugendamtsleiter gehabt.
Träger und Krankenhäuser könnten ablehnen, aber: "Wir als Jugendhilfe kommen da nicht raus", verweist Altay darauf, dass die Betreuung schwieriger Jugendlicher eine Pflichtaufgabe der Kommunen ist. Ein Problem dabei: "Die Angebote der freien Jugendhilfe sind oft nicht mehr ausreichend." Was das Jugendamt alles in die Maßnahmen investiert hat, dazu macht Leiter Siegbert Goll trotz Nachfrage keine Aussagen.

 "Entscheidend ist: Er lebt noch"
Ob sich Zeit, Mühe und eingesetztes Geld lohnen? Diese Frage beantwortet Altay trotz aller Sorgen mit einem klaren Ja. "Das Entscheidende ist: Er lebt noch." Klaus habe sich nie komplett zurückgezogen, er habe keine Abhängigkeiten entwickelt und könne soziale Beziehungen aufbauen. Sogar ein Hobby habe er: "Er angelt gerne." Auf diese Idee hat ihn Karlheinz Friedel während eines Sommercamps gebracht, erzählt der Sozialpädagoge.

"Wir haben eine immense Steigerung bei den Ausgaben, vor allem seit 2011, allerdings nur eine geringe Steigerung der Einnahmen." So fasst Leiter Siegbert Goll kurz und knapp den Geschäftsbericht 2014 des Jugendamts Bad Kissingen zusammen. In Zahlen ausgedrückt: 2009 gab das Jugendamt 4,64 Millionen Euro aus, 2011 5,31 Millionen Euro und im vergangenen Jahr 7,22 Millionen Euro. Die Einnahmen liegen bei gerade einmal 1,44 Millionen Euro, also exakt einem Fünftel der Ausgaben, sagt Goll und verwies darauf, dass die Jugendhilfe eine Pflichtaufgabe der Kommunen ist. Diese Aufgabe hat den Landkreis im vergangenen Jahr 5,77 Millionen Euro gekostet, im Jahr 2013 waren es noch 4,66 Millionen Euro, 2009 lag das Defizit noch bei 3,49 Millionen Euro.

1,67 Millionen Euro für Personal
Mehr als 40 Mitarbeiter teilen sich aktuell 33,5 Vollzeitstellen beim Bad Kissinger Jugendamt. Die Personalkosten bezifferte Goll auf 1,67 Millionen Euro, die Personalzuschüsse fallen mit 38 400 Euro fast nicht ins Gewicht.. Das Jugendamt betreut unter anderem die 71 Kindergärten und vier Horte im Landkreis. 4461 Plätze wurden 2014 vorgehalten, 3807 Kinder besuchten tatsächlich die Kitas, 2450 Regelkinder, 861 Unter-Dreijährige und 496 Hortkinder. Die Behörde hat 10,62 Millionen Euro an Betriebskostenförderung an die Kommunen weitergeleitet, davon 1,2 Millionen Euro als Elternbeitragszuschüsse für das letzte Kindergartenjahr von 100 Euro im Monat.
Eine der Steigerungen ergibt sich aus der Erhöhung der Heim-Unterbringungen: 79 Fälle sind in der Statistik 2014 enthalten, im Jahr zuvor waren es noch 50. Ein Platz kostet zwischen 3500 und 4500 Euro im Monat. Für den Landkreis bedeutet das nach Abzug der Zuschüsse 1,94 Millionen Euro Ausgaben. Die Vollzeitpflege in Familien kostet 700 bis 920 Euro pro Kind im Monat. Nach Abzug der Förderung bleiben für den Landkreis 4083 Euro im Jahr pro Kind, auch hier erhöhte sich die Fallzahl in der Statistik: von 99 auf 113 Kinder. Unterm Strich wendete der Landkreis in diesem Bereich 461 000 Euro auf. Die Hilfen für junge Volljährige kosteten den Landkreis 2014 unterm Strich 409 000 Euro, die Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche 1,28 Millionen Euro und die sozialpädagogische Familienhilfe 268 000 Euro.

Größte Kosten für die Heime
Insgesamt nahmen auch im vergangenen Jahr die stationären Hilfen den Löwenanteil der Ausgaben ein: 84 Prozent aller Mittel werden für Heime aufgewendet, nur drei Prozent für teilsationäre und 13 Prozent für ambulante Maßnahmen. 

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