Freitag, 12. Juni 2015

Lenzkirch: Anklage wegen Totschlag im Fall Alessio

Fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod des kleinen Alessio aus Lenzkirch hat die Staatsanwaltschaft Freiburg Anklage gegen den Stiefvater erhoben. Sie wirft dem 32 Jahre alten Landwirt Totschlag und schwere Misshandlung Schutzbefohlener vor. Auch die Schwester Alessios, damals ein Säugling, hat der Mann, wie nun bekannt wird, geschlagen und geschüttelt.

Der dreijährige Alessio, der damals kurz in der alleinigen Obhut des Mannes war, starb am 16. Januar nachmittags in einer Arztpraxis in Neustadt trotz Wiederbelebungsversuchen an schwersten inneren Verletzungen. Der Lebensgefährte der 25 Jahre alten Mutter des Jungen und Vater der gemeinsamen einjährigen Tochter sitzt seitdem in U-Haft. Er hatte erklärt, der Junge sei eine Treppe hinuntergefallen. Die Ankläger zeigen sich aber von seiner Täterschaft überzeugt – und beziehen sich nicht auf den Tattag allein: Er habe zwischen 2013 und 2015 den Jungen mehrfach geschlagen und "unangemessen erzieherisch auf das Kind eingewirkt". Es habe eine "Vielzahl im Einzelnen nicht mehr aufklärbarer körperlicher Übergriffe" gegeben, durch die das Kind immer wieder verletzt worden sei.

Neue Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft

Das deckt sich mit Befunden der Freiburger Unikinderklinik, in der das Kind mehrfach in Behandlung war. Die Ärztinnen hatten das Jugendamt Breisgau-Hochschwarzwald und die Staatsanwaltschaft auf ihren Verdacht chronischer Misshandlung hingewiesen. Ein erstes Ermittlungsverfahren aber stellte die Staatsanwaltschaft im Herbst 2014 ein, weil ein Tatverdächtiger nicht mit Sicherheit habe ermittelt werden können. Der Sprecher der Behörde, Michael Mächtel, versicherte jetzt auf Nachfrage, man habe damals nicht anders handeln können. Später habe sich das Aussageverhalten der jungen Mutter verändert, sie sei "kooperativer" geworden, "deshalb haben wir jetzt Erkenntnisse, die wir früher nicht hatten".

Seit dem Tod des Jungen steht auch das Jugendamt und die Spitze des Landratsamts Breisgau-Hochschwarzwald massiv in der Kritik. Denn die Familie stand unter amtlicher Beobachtung. Unklar ist bis heute, warum ein ursprünglich verhängtes Kontaktverbot des Tatverdächtigen zu den Kindern nicht durchgehalten wurde.

Bis heute ist die Behörde der Ansicht, sie habe sich keine Fehlbeurteilung zuschulden kommen lassen, das Schicksal des Kindes sei nicht absehbar gewesen. Allerdings lässt das Amt sein Verhalten derzeit intern und extern untersuchen.


Über die Zulassung der Anklage und die Eröffnung des Hauptverfahrens hat das Landgericht Freiburg zu entscheiden.


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