Sonntag, 5. Juli 2015

Lörrach: Aussage gegen Aussage

Es geht um ein Mädchen im Kindergartenalter in Lörrach, wir nennen sie Marie, in Wirklichkeit heißt sie anders. Beim Jugendamt sind Mutter und Kind bekannt, seit Marie auf der Welt ist. Deren Großmutter ist überzeugt ist: Marie darf so nicht aufwachsen. Weil die Großmutter bei der Mutter des Kindes, also bei ihrer eigenen Tochter, und bei den Behörden nicht weiterkommt, hat sie sich nun an die Zeitung gewandt.

"Es geht dem Kind schlecht", sagt sie. Und das Jugendamt tue zu wenig. Die Mutter der Kleinen sieht sich hingegen einer "Hetzkampagne" ausgesetzt. Eine Zuspitzung gibt es wohl seit ein paar Monaten.

Die Großmutter

Die Version der Großmutter hört sich so an: Im Januar hat der Kindergarten, den Marie besuchte, eine Gefährdungsmeldung an das Jugendamt abgegeben. Die Kleine ist seit einiger Zeit nicht mehr gekommen. Bei einem Gespräch mit Mutter und Großmutter im Kindergarten habe es Auflagen gegeben, sagt die Oma.

Maries Mutter habe sich nicht daran gehalten, der Kindergartenplatz sei inzwischen gekündigt. Der Kindergarten meldet auf Nachfrage der BZ, man könne sich nicht äußern. Schweigepflicht. Am 24. April erreicht die Großmutter ein Anruf der Tochter. Mitarbeiter des Fachbereichs Bürgerdienste stehen vor der Tür, es gibt eine Räumungsklage. Die Miete wurde seit Monaten nicht bezahlt. "Es sah schrecklich aus", sagt die Großmutter.

Sie berichtet von Müll, Gestank, Kot und Urin von Haustieren – und Marie mittendrin. Ein Kind, das unter schwerer Neurodermitis leidet. Der Fachbereich Bürgerdienste der Stadt bestätigt, wegen einer Räumungsklage vor Ort gewesen zu sein.

Zu Details, etwa dem Zustand der Wohnung, kann Fachbereichsleiter Malte Krieger keine Stellung nehmen. Das Jugendamt wird hinzugerufen und gibt die Kleine der Oma in Obhut. Für drei Wochen. "Marie war in einem schrecklichen Zustand", sagt die Großmutter unter Tränen. Sie habe Angst im Dunkeln gehabt und sie habe sich über die saubere Bettwäsche gefreut. Sie wurde einem Arzt vorgestellt, der, so die Großmutter, einigermaßen entsetzt gewesen sei.

Kurz vor Ablauf der drei Wochen habe es ein Gespräch beim Jugendamt gegeben, schildert die Großmutter. Es seien Maßnahmen vereinbart worden: Die Tiere müssen weg; Maries Mutter muss wieder Arbeitslosengeld II beantragen. Das hat sie seit Monaten versäumt. Sie soll einen neuen Kindergartenplatz suchen. Eine Familienhelferin soll die Familie unterstützen. Das Jugendamt soll zwei- bis dreimal die Woche vorbeikommen. Die Kleine kommt zur Mutter zurück.

Doch es habe sich nichts verbessert, so die Sicht der Großmutter. Marie werde allein gelassen, auch mit Hunden, die doch eigentlich gar nicht mehr da sein dürften. Sie sei bis in die Nacht mit der Mutter unterwegs. Bekannte würden erzählen, dass die Mutter um Geld bettle, sagt die Oma. "Das Kind wird nur herumgeschoben." Und gegen die Oma aufgehetzt. So schildert es die Großmutter.

Die Kleine und ihre Mutter wohnten beim Freund der Mutter, die eigene Wohnung sei nach wie vor unbewohnbar und ja auch gekündigt. "Das Jugendamt kümmert sich zu wenig", so der Vorwurf der Großmutter. "Das Kind in Obhut gegeben – das haben sie mir ja auch. Und jetzt weiß ich nicht einmal, wo meine Enkelin ist."

Mittlerweile hat sich die Lage offenbar noch einmal verschärft. Wie die Großmutter erzählt, hat ihre Tochter nun Anzeige gegen sie erstattet – wegen Diebstahls zweier Hunde. Die hat die Großmutter bei sich aufgenommen; außerdem wegen Verleumdung, da sie eine Facebook-Gruppe gegründet hat, auf der sie den Zustand der angeblich verwahrlosten Tiere dokumentiert – neben Hunden geht es auch um Pferde. Online hat die Großmutter den polizeilichen Bescheid veröffentlicht, dass ein Ermittlungsverfahren gegen sie läuft. Auf eine Gegenanzeige wegen Tierquälerei will sie verzichten.

Die Mutter

Maries Mutter weist die Vorwürfe in einem Gespräch mit der BZ klar von sich. Ihre Version der Geschehnisse: "Meine Mutter fährt eine Hetzkampagne", sagt sie, mit der Absicht, "mir Marie wegzunehmen." Bei ihrer ersten Tochter habe sie das bereits geschafft, so die Mutter, sie lebt mittlerweile beim Vater. Alles wiederholt sich. "Sie kann mich einfach nicht glücklich sehen", wirft sie Maries Großmutter, also ihrer eigenen Mutter, vor und erzählt von einer Kindheit ohne mütterliche Zuneigung.

o sich Marie gerade aufhält, möchte die Mutter nicht sagen, lediglich so viel: "Marie ist gut und neutral untergebracht." Sie müsse ihre Tochter schützen, denn mittlerweile bekomme sie Drohungen. Sie habe Angst. Um ihr Handgelenk trägt sie einen Verband – ein Autounfall, sagt sie. "Das war Absicht." Sie sei gezielt angefahren worden. Es läuft eine Anzeige gegen Unbekannt.

Dass Marie eine Zeitlang keinen Kindergarten besucht hat, gibt die Mutter zu – wegen mangelnder Kooperation mit den Erzieherinnen. Mittlerweile habe sie für Marie einen Platz in einem anderen Kindergarten gefunden. Auch dass Marie drei Wochen lang bei der Oma war, bestätigt sie. Baustellen hätten sich angehäuft, sagt sie, "ich wollte nur mal durchschnaufen." Marie wegschieben wolle sie nicht. "Meine Mutter hat mir Hilfe angeboten, und ich bin darauf hereingefallen."

Mit dem Jugendamt stehe sie in engem Kontakt: "Jeder macht seine Arbeit, den Behörden kann man nichts vorwerfen." Jede Meldung – im Durchschnitt zwei Meldungen pro Woche – wird sehr genau geprüft. An dem Vorwurf, sie würde ihre Tochter mit den Hunden alleine lassen, sei nichts dran. Es stimme auch nicht, dass Marie bis spät in der Nacht wach sei.

Unterstützt – auch finanziell – werde sie von ihrem Lebensgefährten, der nach eigenen Angaben einen guten Job habe. Sie selbst bezieht Arbeitslosengeld II, Marie müsse nicht hungern, geschweige denn betteln. Eine Arbeit habe sie in Aussicht, doch aufgrund des Autounfalls und der Verletzung könne sie die erst später antreten, sagt die Mutter. Sie sei in der Lage, für ihre Tochter und die Tiere aufzukommen, auch der Kindsvater habe Kontakt zu seiner Tochter, sagt sie. Weder die Pferde noch die Hunde seien verwahrlost.

"Ich liebe meine Tiere abgöttisch." Maries Großmutter wirft sie vor, ihre Hunde gestohlen zu haben, und zeigt sie an. Ohne ihren Lebensgefährten oder ihrem Hund verlasse sie die Wohnung nicht mehr. Geräumt wurde diese nicht, sagt sie. Doch überlegt sie sich nun wegzuziehen, ein normaler Alltag sei nicht möglich. Zu Maries Großmutter will sie keinen Kontakt mehr. Auch auf Anraten ihres Anwalts hin.

Das Jugendamt

"Das Jugendamt darf grundsätzlich keine Detailfragen zu Einzelfällen beantworten", teilt Junia Folk, Pressesprecherin des Landratsamts auf BZ-Nachfrage mit. Gefährdungsmeldungen, heißt es weiter, würden sofort überprüft und hätten absolute Priorität. Kreisweit hatte das Amt im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 220 solcher Meldungen zu bearbeiten.

Dokumente, die der BZ vorliegen, bestätigen, dass sich die Großmutter an das Amt gewandt und auch eine Bestätigung erhalten hat. Ob ein Kind zu den Eltern zurückkommt, hängt von der Einschätzung des Amtes ab: "Wenn es sich um Gefährdungssituationen handelt, die im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Eltern abgewendet werden können, und kein akuter Handlungsbedarf besteht, ist die gesetzliche Vorgabe, dass gemeinsam mit den Eltern ein Schutzkonzept entwickelt wird."

Der Fall ist verzwickt: Die Behörden dürfen sich nicht äußern, die Versionen von Mutter und Großmutter widersprechen sich. Der Streit wird wohl vor Gericht weitergehen. Jetzt liegt es aber erst einmal am Jugendamt herauszufinden, was das Beste für Marie ist – für ein kleines Mädchen, das für die ganze Geschichte nichts kann, aber dennoch im Mittelpunkt steht.



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