Sonntag, 5. Juli 2015

Sigmaringen: Psychopharmaka oder Heimaufenthalt

Der zwölfjährige Shawn Lidl muss seit mehreren Jahren Medikamente mit dem Betäubungsmittelwirkstoff Methylphenidat nehmen, der zur Behandlung von ADHS verwendet wird. Gegen seinen Willen und gegen den seiner Mutter. Grund dafür sind angeblich Einrichtungen im Landkreis, welche seine Mutter, Diana Lidl, seit Jahren massiv unter Druck setzen. Das Jugendamt und die betroffene Schule beziehen Stellung.

Lidl berichtet, dass sich das Kind nach der Trennung der Eltern zurückgezogen hat. Im Kindergarten hat Shawn kaum Anschluss. „Er war einsam“, so Lidl. Um sein Sozialverhalten zu fördern, kommt er in die Villa Kunterbunt nach Storzingen, einen integrativen Kindergarten. Shawn fängt spät mit dem Sprechen an. Mit einem anderen Kindergartenkind zankt er sich häufig. Lidl wird empfohlen, ihn auf die „neue Krankheit ADHS“ überprüfen zu lassen.

Sie fährt mit ihm zu einem Kinderpsychologen. „Der hat Shawn nicht mal angesehen, nur mit mir und der Erzieherin gesprochen“, behauptet Lidl. Für den Arzt steht fest: Shawn braucht Medikamente. Lidl ist dagegen. Der Druck im Kindergarten steigt, man rät ihr, Shawn Medikamente zu verabreichen.

Dann wird das Kind eingeschult. Erst kommt es in eine Diagnoseklasse der Förderschule in Stetten, anschließend auf die Sebastian-Ott-Schule für Erziehungshilfe des Hauses Nazareth für Kinder mit auffälligem Verhalten in Sigmaringen. „Ich dachte, das hört sich toll an, hier bekommt Shawn mehr Förderung und kann trotzdem Grundschulstoff lernen“, sagt Lidl. „Es war der größte Fehler meines Lebens. Ich habe Shawn und mich in ein Gefängnis gesteckt“, sagt die 43-Jährige.

Auf Geheiß der Schule hin soll Lidl abklären, ob Shawn unter ADHS leidet. „Ich bin mit ihm nach Ravensburg und Friedrichshafen zu Kinderpsychologen gefahren. Ein Arzt sagte mir, es könnte ADHS sein oder auch nicht“, sagt Lidl. „Dabei gibt es keine Symptome, die dieser Krankheit eindeutig zuzuordnen sind.“ Das war vor etwa fünf Jahren. Mitarbeiter der Schule, des Jugendamtes und kooperierende Schulpsychologen üben angeblich enormen Druck auf Diana Lidl aus. „Die haben mich teilweise erpresst“, behauptet Lidl, die sich standhaft weigerte, ihrem Sohn Medikamente zu verabreichen. „Die Schule drohte mir damit, Shawn der Schule zu verweisen“, sagt Lidl. „Gleichzeitig wurde mir klargemacht, dass Shawn kein Empfehlungsschreiben für eine andere Schule bekommen würde.“

Diana Lidl gibt an, sich nie quergestellt zu haben. „Ich habe jedes Förderangebot wahrgenommen, bin mit ihm sogar wochenlang in die Tagesklinik nach Aulendorf und in die Kinderpsychiatrie Weissenau gefahren, auf Geheiß der Schule.“

Schule: „Schnelle Rückführung in Regelschule ist das Ziel“

Sowohl das Jugendamt als auch die Sebastian-Ott-Schule dürfen sich aufgrund der Schweigepflicht nicht zu den Vorwürfen äußern. In einer allgemeinen Stellungnahme betont die Sebastian-Ott-Schule, dass es ihr Ziel ist, die Schüler möglichst rasch in eine Regelschule zurückzuführen. Die Jugendhilfe konzentriere sich meist auf kurz- und mittelfristige Maßnahmen. Weiter schildert Lidl, dass das Jugendamt drohte, ihr das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Shawn zu entziehen, wenn dieser nicht Medikamente bekäme. „Das hätte bedeutet, er wäre in ein Heim gekommen“, so die 43-Jährige. Auf Anraten ihres Anwalts gibt Lidl dem Druck nach. Shawn wird stationär behandelt, nimmt seither Medikamente und muss angeblich Nebenwirkungen und bisweilen sogar Entzugserscheinungen ertragen. „Die Schule sagt, sein auffälliges Verhalten hat sich trotz der Medikation nur anfangs verbessert“, sagt Lidl und fühlt sich in ihrem Verdacht bestätigt, dass ihr Sohn kein ADHS hat. „Mein Sohn ist kein Versuchskaninchen“, sagt Lidl. Bis zum Jahresende möchte Lidl, dass Shawn die Medikamente absetzt. „Da wird sicher eine Retourkutsche kommen. Davor habe ich Angst“, so Lidl. Ihr Ziel ist es, dass Shawn in absehbarer Zeit auf eine normale Schule gehen darf.

Landratsamt-Sprecherin Sabine Stark weist darauf hin, dass das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern in Bezug auf die Kooperation mit dem Jugendamt eine große Rolle spielt.

„Es kommt vor, dass das Jugendamt Empfehlungen von Ärzten zum Beispiel in Bezug auf Medikamente an die Eltern weitergibt. Das Jugendamt muss den Eltern die Konsequenzen verdeutlichen, welche eintreten, wenn wichtige Entscheidungen im Sinne des Kindes nicht getroffen werden. Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, muss das Jugendamt das Gericht einschalten. Allein das Familiengericht entscheidet, ob das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen wird.“

Die Schule kann Eltern nicht zwingen, ihr Kind dort zu lassen

Der Leiter des Schulamtes Albstadt, Gernot Schultheiß, sagt: „Eltern müssen den Aufhebungsbescheid für die Sonderschule beim Schulamt beantragen. Ein Gutachter prüft dann, ob das Kind in eine Regelschule umgeschult werden kann, eine andere Erziehungshilfeschule besser für das Kind wäre oder womöglich nur die Klasse gewechselt werden muss.“ Die Schule werde zwar ebenso wie die Eltern angehört, über den Aufhebungsbescheid entscheide aber der Gutachter.

„Eine Sonderschule kann Eltern nicht zwingen, ihr Kind dort zu lassen“, so Schultheiß. Zum konkreten Fall kann sich der Schulamtsleiter aber nicht äußern. Probleme mit Eltern von Sonderschülern gebe es aber häufig.

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