Montag, 31. August 2015

Als Heimkind allein durch die Türkei geeirrt - das Jugendamt zahlte

Kellnern gehen statt Schule, Hunde hüten statt Therapie. Seine Auslandsmaßnahme beschreibt das ehemalige Heimkind Jens Espe als "Katastrophe". Das Bochumer Jugendamt hatte ihn als 14-Jährigen über den Jugendhilfeträger "Life" in die Türkei geschickt.

Jens Espe macht sich gerade mit einer Firma für Veranstaltungstechnik selbstständig. Für den 30-jährigen Duisburger war es bis dahin ein langer Weg. Ohne Hauptschulabschluss ging für das ehemalige Heimkind beruflich kaum etwas. "Bisher musste ich mich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen", erzählt der Duisburger. Dass viel schief gelaufen ist in seinem Leben, habe auch mit der Auslandsmaßnahme in der Türkei zu tun. Als 14-jähriger war er über das Jugendamt Bochum nach Antalya geschickt worden.             

Unterkunft in einer fensterlosen Hütte

Wachgerüttelt wurde er durch einen WDR Bericht über das ehemalige Heimkind "Paul". Der 11-jährige "Paul" war 2014 ebenfalls im Rahmen einer "individualpädagogischen Einzelbetreuung" im Ausland – untergebracht bei einem Handwerker auf einem heruntergekommenen Bauernhof. Verantwortlich für die Maßnahme war derselbe Jugendhilfeträger: Die Firma "Life" aus Bochum. Pauls Schicksal erinnert Jens sein eigenes. „Ich war in einer Hütte untergebracht - eine umgebaute Scheune, ohne Fenster, ohne Türen.“ Im Winter habe er alles selbst abgedichtet.

Von pädagogischer Begleitung keine Spur

Von pädagogischer Begleitung durch seine Betreuerin habe überhaupt keine Rede sein können. „Sie hat sich mehr um sich selber gekümmert. Nach einiger Zeit war ich mir völlig selbst überlassen.“ Richtige Gespräche haben nicht stattgefunden: „Sie hat sich manches angehört, aber das war’s auch schon.“ Dafür habe er sie beim Umbau ihres Hauses unterstützen müssen oder auf die Hunde aufpassen müssen, wenn sie weg war.

Über ein Jahr ohne Schule

Besonders eines ärgert Jens: „Schule hatte ich überhaupt nicht. Ich hab mehr Langeweile gehabt als alles andere.“ Ärgerlich vor allem, weil genau in der Schule seine Probleme lagen. „Diese Probleme hätte ich in Deutschland lösen müssen.“ Zudem habe seine Betreuerin Alkoholprobleme gehabt. „Nach einem Jahr bin ich einfach abgehauen. Ich hab es nicht mehr ausgehalten.“ Monatelang habe er sich mit Jobs in Cafés durchgeschlagen – bis er sich in der Botschaft in Ankara gemeldet habe.

Rathaus Bochum
Stadt Bochum arbeitet mit "Life" zusammen
Zu den Vorwürfen von Jens Espe will „Life“ keine Stellung nehmen. Auch die Stadt Bochum hat zu dem Fall, der 15 Jahre her ist, momentan nichts zu sagen. Dabei arbeitet man in mehreren Maßnahmen mit "Life" zusammen. Aber welche gab es bisher überhaupt? Hat man sich von der Firma "Life" belegen lassen, ob dass das, was bezahlt wurde, auch tatsächlich stattgefunden hat? Inzwischen liegt eine Anfrage der CDU Bochum vor, die in die gleiche Richtung geht. Antwort der Verwaltung: Auslandsmaßnahmen-Maßnahmen würden vom Jugendamt generell "überwacht". Von schriftlichen Belegen ist aber hier nicht die Rede. 


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