Dienstag, 8. September 2015

Jugendamt Oder-Spree: Mitarbeiterin hat 230000€ auf ihre Konten umgeleitet

Über mehrere Jahre hat eine Mitarbeiterin der Kreisverwaltung Oder-Spree 230 000 Euro an Unterhaltsvorschusszahlungen auf eigene Konten umgeleitet und ist dafür vom Amtsgericht Fürstenwalde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Vor dem Landgericht Frankfurt begann am Freitag die Berufungsverhandlung.

Sie heißen Sophie, Jasmin, Jennifer, Lars oder Lisa. Sie haben ein Geburtsdatum, eine Adresse – und Anspruch auf Unterhalt. Zumindest in der Datei von Claudia K., die bis 2011 im Jugendamt des Landkreises Oder-Spree in diesem Bereich gearbeitet hat. Bis ihre neue Sachgebietsleiterin Manuela Blaske bei einer Routinekontrolle über letztlich 31 Kinder stolperte. Die meisten von denen existieren überhaupt nicht, das Geld für sie floss dennoch auf Konten, deren Inhaber die Angeklagte war.
Für Sophie hat Claudia K. über die Jahre 10 894 Euro, für die fiktiven Geschwister Lars und Lisa knapp 18 000 Euro kassiert. Insgesamt, rechnete die Behörde hoch, hat sich Claudia K. so um 230 000 Euro bereichert. Ihre letzte Vorgesetzte sagt, die Kollegen hätten sie als launisch bezeichnet. Als der Schwindel 2011 auffliegt und sie gekündigt wird, wenden sich sogar Freunde, Bekannte und selbst die Familie von ihr ab.

Das Amtsgericht Fürstenwalde hatte die 34-Jährige 2014 zu einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Claudia K. ließ dagegen Berufung einlegen, so dass der Fall jetzt vor dem Frankfurter Landgericht noch einmal von vorn aufgerollt wird. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Fragen: Ist Claudia K. möglicherweise nur vermindert schuldfähig, weil sie kaufsüchtig war? Und: Trägt der Arbeitgeber eine Mitschuld am Geschehen, weil er ihr die Straftaten durch mangelnde Kontrolle erleichtert hat?

Es bedurfte nämlich nur ein wenig Anstrengung und Phantasie, um sich selbst auf Kosten des Landes und des Kreises zu bereichern: Erfundene Datensätze in die Verwaltungssoftware eingeben, sich Konten bei der Sparkasse, der CC-Bank und der IngDiba zulegen und die Unterhaltsvorschüsse von alles in allem monatlich zwischen 4000 und 5000 Euro auf die eigenen Konten fließen zu lassen. 

Claudia K. hatte freie Hand. „Der Landkreis hätte mir höchstens auf die Spur kommen können, weil es keine Akten zu den Fällen gibt“, sagt die Angeklagte zu Beginn der Berufungsverhandlung. Doch niemand sieht so genau hin. Die damalige Vorgesetzte hielt es nicht für nötig, eine in der PC-Software optionale Gegenkontrolle durch Kollegen – das Vier-Augen-Prinzip – umzusetzen. „Darauf ist damals aus Zeitgründen verzichtet worden, um die Mitarbeiter zu entlasten“, sagt ein Zeuge.

Bis 2009 setzt Claudia K. ganze Familien in die virtuelle Welt und kassiert kräftig ab. Selbst vor real existierenden Kindern macht sie nicht Halt. Ist ihr Leistungsbezug nach maximal 72 Monaten ausgelaufen, ändert sie das Geburtsdatum und schöpft den Staat weiter ab. Die 230 000 Euro sind nach Aussagen der Angeklagten verschwunden. Sie sei dem Kaufrausch erlegen, um Bestätigung zu finden, die sie privat und auch im Job nicht bekommen haben will.

So will die Angeklagte das Geld fast ausschließlich für Bekleidung, Kosmetik und Essen verprasst haben, was dem vorsitzenden Richter ziemlich rätselhaft erscheint. Claudia K. sagt, sie habe massenweise im Internet Mode bestellt, vieles allerdings später ungetragen eingesackt und in den Kleidercontainer geworfen. Ihre damalige Chefin spricht dagegen von Restaurantbesuchen, Autokäufen und Einrichtungsgegenständen für Haus und Wohnungen. 

Diesem Widerspruch will das Gericht in den nächsten Verhandlungstagen auf den Grund gehen und sich Kontoauszüge vorlegen lassen.
 
 
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erstellt am 06.Sep.2015 | 14:57 Uhr

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