Mittwoch, 9. September 2015

Lenzkirchen: Fall Alessio: Anklage schildert Gewaltexzesse des Stiefvaters

Der Mann aus dem Hochschwarzwald muss sich vom 15. September an vor dem Freiburger Landgericht verantworten. Zur Last gelegt werden ihm Totschlag, Misshandlung und schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der dreijährige Alessio war am 16. Januar an den Folgen massiver Gewalteinwirkung gestorben. Die Staatsanwaltschaft Freiburg macht den Stiefvater für den Tod des Jungen verantwortlich – und veröffentlicht in einer Pressemitteilung nun erschütternde Einzelheiten zur Anklageerhebung.

Ermittler: Schläge mit tödlichen Folgen

Demnach soll der Mann am Nachmittag des 15. Januar derart in Wut über das Kind geraten sein, dass er ihm mindestens vier wuchtige Schläge in den Bauch versetzte. Dadurch habe der Junge schwere innere Verletzungen erlitten. Etwa eine halbe Stunde später soll der Stiefvater, so die Anklage, mit einer Dorfhelferin und zwei Angehörigen telefoniert und von einem angeblichen Treppensturz berichtet haben. Es folgte die Fahrt zu einem Neustädter Kinderarzt, in dessen Praxis der Junge schließlich starb. Der Angeklagte sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Aus der Pressemitteilung geht auch hervor, in welcher Weise der Mann bereits in den Jahren 2013 und 2014 den Sohn seiner Lebensgefährtin misshandelt haben soll. Diese Vorwürfe stehen – aufgrund von Aussagen mehrerer Ärzte und anlässlich der Debatte um die Verantwortung der Jugendschutzbehörden – schon länger im Raum. Nun werden sie erhärtet, weil die Staatsanwaltschaft explizit auf Hämatome im Gesicht, an den Oberarmen, an Gesäß und Unterschenkeln des Kindes eingeht, die der Stiefvater verursacht haben soll.

Kaltes Wasser und rohe Gewalt

Die Anklagebehörde erwähnt zudem, dass der Landwirt in einer Nacht im Dezember 2013 den damals Zweijährigen so kräftig auf den Mund geschlagen habe, dass dieser Zahnfrakturen und Lockerungen der Zähne davongetragen habe. Im Sommer 2014 soll der Beschuldigte den Jungen gezwungen haben, sich in ein mit kaltem Bachwasser gefülltes Planschbecken zu legen. Mehrfach soll er das Kind kräftig auf den Mund geschlagen und ihm Essen in den Mund gedrückt haben. Immer wieder, so die Staatsanwaltschaft zusammenfassend, soll Alessio den Misshandlungen seines Stiefvaters ausgesetzt gewesen sein.

Durch die Schilderungen der Behörde dürfte das Jugendamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald abermals unter Erklärungsdruck geraten: Die Anklagebehörde führt aus, dass Alessios Mutter im Dezember 2014 stationär in eine Klink aufgenommen wurde und dem Stiefvater von da an "alleine die Fürsorge für den Dreijährigen" anvertraut worden sei. Dem Jugendamt müssen zu diesem Zeitpunkts bereits Hinweise über die Gewalttätigkeit des Mannes vorgelegen haben.
Übergriffe auch auf vier Monate alte Tochter

Dem Mann werden zudem Misshandlungen seines eigenen Kindes zur Last gelegt: Der heute 33-Jährige soll im Juli 2014 seine damals vier Monate alte Tochter geschlagen und bei anderer Gelegenheit so stark geschüttelt haben, dass das Baby kurzzeitig zu atmen aufgehört habe.

Der Fall Alessio hatte großes Aufsehen erregt, weil das Kind schon ein halbes Jahr zuvor wegen schwerer Verletzungen in die Freiburger Uniklinik eingeliefert worden war. Obwohl die Staatsanwaltschaft schon damals gegen den Stiefvater ermittelt hatte – sie stellte die Ermittlungen ein, weil sich die konkrete Tat nicht nachweisen ließ – und trotz der Warnung der Klinik hatte das Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald der Rückkehr des Kindes in die Familie zugestimmt. Unabhängige Experten untersuchen derzeit, ob die damaligen Entscheidungsabläufe korrekt waren. 
 

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